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Junge Böblinger Künstler im Blauen Haus

Das Kollektiv "Ohne Tugend" eröffnet in Böblingen eine Ausstellung mit den Arbeiten von drei jungen Künstlern aus Böblingen

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    Als Teil des Kollektivs "Ohne Tugend" mit Hobbykünstlern und DJs sind Julius Kiesel, Anthony Brandon Pool und Adrian Schindler (von links) angetreten, um die hiesige Kulturszene aufzumischen Foto: Simone Ruchay-Chodi

Ihre Kunst ist unmittelbar, roh und farbstark, und ihre Vorbilder finden sie in Cartoons, Animes und Graffiti, aber auch afrikanischer Kultur und in der Kunstgeschichte. Am Freitag haben drei lokale Nachwuchskünstler eine Menge junges Volk in das Blaue Haus gelockt.

Artikel vom 02. Oktober 2018 - 19:00

Von Anne Abelein

Angekündigt war eigentlich eine Ausstellung mit Anthony B. Pool, doch spontan haben sich noch seine Kumpels Adrian Schindler und Julius Kiesel mit einigen Bildern hinzugesellt. "Wir wollen zeigen, dass wir coole Kunst in Böblingen machen können, ohne sie studiert zu haben", verkünden die drei Anfang Zwanzigjährigen vollmundig. Und das gelingt: Jeder von ihnen verfolgt einen eigenständigen künstlerischen Ansatz, und ihre Vernissage wird von der jungen Generation fast überrannt. Erst vor einem Monat haben sie mit sechs Gleichgesinnten das Kreativ-Kollektiv "Ohne Tugend" gegründet.

"Es ist phantastisch, dass so viele junge Leute in das Blaue Haus gekommen sind", meint Gründungsmitglied Alfredo Pucci. Das darf gerne so weitergehen: "Der Anfang ist gemacht", meint er. Bei der Gestaltung der Ausstellung hat Pucci den Jugendlichen freie Hand gelassen, und die haben sich voller Elan in die Vorbereitungen gestürzt und vom Barbetrieb über die Aufhängung bis zum DJ alles selbstständig organisiert. Sogar Videoinstallationen haben sie aufgebaut, und es flimmern fortwährend Animes, Ausschnitte aus Zeichentrick-Serien wie den Simpsons und politische Szenen wie die knienden Footballer über den Bildschirm, die gegen die rechtsradikale Gewalt in Charlottesville protestierten. All das bildet das reiche Reservoir der Anregungen, aus dem die drei schöpfen.

Rassistischen Stereotypen tritt Anthony B. Pool entschieden entgegen. Rassismus werde heute in vielen westlichen Ländern nicht mehr so offensichtlich geäußert, schwinge aber im Hintergrund mit, meint er. "Er kommt durch die Klassengesellschaft zum Ausdruck", so Pool. Sehr augenfällig wird das in seiner Darstellung des verheerenden Brands im Grenfell Tower in London, in dem er Collage-Elemente wie Artikelausschnitte, Graffiti-artige Schriftzüge und breite, gestische Acryl-Pinselstriche kombiniert. "They don't really care about us" ("Wir sind ihnen egal") und "classism = racism" ("Klassismus = Rassissmus") steht dort zu lesen. "In dem Haus haben vor allem Ausländer gewohnt", bemerkt der junge Künstler. Dem Unglück mit Ansage (die Sicherheitsmängel des Hauses waren bekannt) setzt er mit hochgereckten geballten Fäusten das Selbstbewusstsein der Black-Panther-Bewegung entgegen.

Mit seiner Kunst wendet er sich auch gegen Gefühle des Selbsthasses von Menschen anderer Kulturen. So auch in seinem Bild eines afroamerikanischen Boxers, der über ein Ku-Klux-Klan-Mitglied am Boden triumphiert. Er entwickelt außerdem feminine Gegenbilder, wie im Porträt einer Frau, die mit ihren mandelförmigen Augen, ihrem ägyptischen Halsschmuck und einem Heiligenschein in Marientradition Züge von Menschen verschiedenster Nationen und Kulturen in sich vereinigt.

Weitere Themen, die sich durch seine Bilder ziehen, sind Konsum- und Medienkritik. Er geht gegen den ständigen Wettstreit der Leistungsgesellschaft an, der besonders virtuell ausgetragen wird. So zeigt er einen "Konsumclown", der hinter Gittern in der Warenwelt gefangen ist und sich selbst entfremdet in drei Teile aufgespalten ist. In einem farbintensiven Bild mit ausgelassen tanzenden Gestalten fordert er stattdessen "less virtual reality" und "more life".

"Ich will zeigen, dass das Leben ein Tanz und kein Kampf ist und dass man es in vollen Zügen genießen sollte", sagt Antony Brandon Pool. Angesichts der puren Lebensfreude, die das Bild ausstrahlt, verblassen die Schemen im Hintergrund, die die Tanzenden kritisch taxieren.

Farbintensive und sehr lebhafte Bilder hat auch Julius Kiesel geschaffen. Für die abstrakten Ornamente, die wie dynamische Graffiti auf den Gründen prangen, hat er sich stark von afrikanischen Kulturen beeinflussen lassen. In anderen Bildern experimentiert er unerschrocken mit Bauschaum, Gipsschichten, Drip-Painting à la Pollock und aufgerissenen Leinwänden.

Demgegenüber erscheinen die beiden Arbeiten Adrians Schindlers wie zwei Ruhepole. Vor heruntergelassenen Jalousien entfaltet er auf weiblichen Akten ein reiches Spiel von Linien, Licht und Schatten. "Ich fand es spannend, nur mit Streifen einen Körper zu definieren", meint er.

Eines ist nun klar, den Mitstreitern des Kollektivs "Ohne Tugend" mangelt es vielleicht an mancher altmodischen Tugend, aber sie haben jede Menge Talente.

Die Ausstellung kann bis einschließlich 10. November an den Veranstaltungsabenden im Blauen Haus besichtigt werden. Mehr Infos unter kulturbh.de im Netz.

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