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Die Demokratie im Würgegriff der Lobbyisten

Die Diplomvolkswirtin Anny Hartmann hat im Alten Amtsgericht in Böblingen Politkabarett der erhellenden Art präsentiert

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    Anny Hartmann in Böblingen Foto: edi

Artikel vom 01. Oktober 2018 - 22:00

Von Eddie Langner

BÖBLINGEN. Vorgeplänkel? Aufwärmrunde? Eine kurze Plauderei zur Begrüßung? Für so etwas hat Anny Hartmann keine Zeit. Bei ihrem Auftritt im Alten Amtsgericht geht die Politkabarettistin aus Köln sofort in die Vollen. Sie feuert bissige Pointen, kluge Bonmots und witzige Wortspiele in schneller Folge ab. Das Publikum ist dadurch mächtig gefordert, zugleich aber auch bestens unterhalten, wie sich an der guten Stimmung gut ablesen lässt.

Dank des schnellen Einstiegs weiß jeder der rund 90 Zuschauer in dem restlos ausverkauften Theatersaal sofort, worum es hier geht. Überraschenderweise ist das nicht Politik - zumindest nicht so, wie man das von Politkabarettisten gewohnt ist. Anny Hartmann macht keine Merkel-Parodie, hält sich nicht mit einzelnen Politikern auf und lässt CSU und AfD - von ein paar Spitzen abgesehen - einfach rechts liegen. Stattdessen geht es bei ihr um die wirklich Mächtigen in diesem Land: einflussreiche Wirtschaftsbosse und Lobbyisten.

"Die Geflüchteten sind nicht unser Problem. Das Problem ist soziale Ungleichheit", macht Hartmann deutlich, dass die aktuelle Debatte im Land ihrer Ansicht nach völlig an den eigentlichen Belangen der Bürger vorbeigeht. Statt sich gegenseitig in einem "AfD-Ähnlichkeitswettbewerb" zu messen, sollten die Politiker sich lieber um dringendere Fragen kümmern. Zum Beispiel um bezahlbaren Wohnraum, Altersarmut oder die immer weiter auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich.

Warum Politiker diese Probleme nicht angehen? In ihrem Programm namens "NoLobby is perfect" gibt die Kölnerin darauf erhellende Antworten. Wie massiv Lobbyisten und Wirtschaftsverbände auf Politiker Einfluss nehmen, verdeutlich sie am aktuellen Steuerrecht. Wer eine Erhöhung von Erbschaftsteuer und Spitzensteuersatz oder gar die Einführung einer Vermögenssteuer fordere, werde sofort als linker Fantast abgetan. "Das kostet Arbeitsplätze", laute hier immer das reflexartig geäußerte Totschlagargument der Wirtschaftsvertreter.

"Helmut Kohl - das war ein Linker!"

Die Reaktion der Politiker falle darauf stets ebenso reflexartig aus. Zur Veranschaulichung ahmt Hartmann einen Hund nach, der hechelnd darauf wartet, dass sein Herrchen ihm ein Stöckchen wirft. Was manchen überraschen dürfte: Unter Helmut Kohl lag der Spitzensteuersatz bei über 50 Prozent und eine Vermögenssteuer wurde damals auch erhoben. "Helmut Kohl - das war ein Linker!", stellt Anny Hartmann deshalb süffisant fest. "Wem nützt es?", wiederholt sie immer wieder wie ein mahnendes Mantra. Denn genau diese Frage sollten sich die Bürger jedesmal stellen, wenn Politiker bestimmte Steuern abschaffen oder neue Gesetze verabschieden wollen.

In ihrem aktuellen Programm steckt offensichtlich ein enormer Rechercheaufwand. Von der Autowirtschaft bis zur Pharmaindustrie - überall halten demnach Lobbyisten die Demokratie im Würgegriff. Hartmann hält klug dagegen. In einem fiktiven Zweigespräch mit einem Arbeitgebervertreter rechnet die Diplomvolkswirtin zum Beispiel vor, warum eine Vermögenssteuer Unternehmen eher nützen als schaden würde. In solchen Momenten erinnert ihr Auftritt an HG. Butzko, der Mitte September die neue Kabarettsaison der "Kultourmacher vom Alten Amtsgericht" eröffnet hat. Genau wie Butzko schaut Hartmann über das tagespolitische Klein-Klein hinaus und stellt die Dinge in einen größeren Zusammenhang.

Zur "Me too"-Debatte bezieht Hartmann ebenfalls Stellung - und scheut dabei auch nicht vor Kritik an ihren männlichen Kabarettkollegen zurück. Im Gegensatz zu manchen dieser Herren, die außer Spott nur wenig zur politischen und gesellschaftlichen Debatte beitragen, schlägt sie auch Lösungen vor. Was gegen Lobbyismus hilft? Transparenz und Öffentlichkeit. Was man gegen die Ausbeutung armer Länder tun kann? Zum Beispiel keinen teueren Kaffee aus Aluminiumkapseln mehr trinken. Wie man dem "Angstsystem Hartz IV" eine motivierende Alternative entgegensetzten könnte, die allen etwas nützt? Für Anny Hartmann gibt es darauf schon lange nur eine Antwort: ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Nach diesem Freitagabend dürfte es vielleicht ein paar Menschen mehr geben, die an dieser Idee Gefallen finden.

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