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Missbrauch vor Gericht: Leben einer Familie zerstört

30-jähriger Sindelfinger muss wegen 20-fachen sexuellen Missbrauchs an seiner Stieftochter über zwei Jahre hinter Gitter

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    Zu zwei Jahren und drei Monaten Haft wegen 20-fachen sexuellen Missbrauchs an seiner Stieftochter hat das Amtsgericht Böblingen gestern einen 30-Jährigen verurteilt. Die Justiz, so hat es den Anschein, ist weniger gewillt, reuigen Tätern gegenüber ein Auge zuzudrücken Foto: red

Das Plädoyer seiner Verteidigerin, ihren Mandanten vor der Haft zu verschonen, nutzte nichts. Wegen 20-fachen sexuellen Missbrauchs an seiner Stieftochter hat Amtsrichter Ralf Rose gestern einen 30-jährigen Sindelfinger zu 27 Monaten hinter Gittern verurteilt. Er habe das Leben seiner Familie zerstört.

Artikel vom 25. September 2018 - 19:06

Von Siegfried Dannecker

SINDELFINGEN/BÖBLINGEN. Mit den Tränen kämpft Eric O. (Name geändert), seit er gestern morgen auf der Anklagebank Platz genommen hat. Die kommenden anderthalb Stunden sind dem 30-jährigen Sindelfinger peinvoll und peinlich. Am Ende, zum Urteilsspruch, vergräbt O. das Gesicht in den Händen. Sichtbare Reue. Doch für Milde sah O.'s Richter Ralf Rose keinen Anlass.

Und so sagt der promovierte Richter in seiner Urteilsbegründung folgenden Satz, den er mit "generalpräventiven Erwägungen" einleitet: "In der Bevölkerung darf nicht der Eindruck entstehen, dass man mit Kindern alles machen kann, wenn man es hinterher bereut und in eine Therapie geht. Nein, es muss klar sein: Für solche Taten gibt es auch Vollzug."

Ralf Rose, in der Böblinger Steinbeisstraße für Jugendschutzsachen zuständig, hat es oft mit sexuellem Missbrauch von Kindern zu tun. "Extrem unschön" nennt er den Fall, den er gestern zu verhandeln hatte, auch wenn es - Gott sei Dank - zu einer körperlichen Penetration nicht gekommen ist. Vielleicht auch nur deshalb nicht, weil Eric O. zuvor angezeigt und verhört worden war. Die 20 Tatvorwürfe - er räumte sie auch schon vor der Polizei ein und gestern abermals. Das hat es seiner zehnjährigen Stieftochter erspart, aussagen zu müssen und damit nochmal gequält zu werden. Das wertete das Gericht zu O.'s Gunsten.

Eric O., Programmierer bei einer großen Firma, hat, wie er zugibt, pädophile Neigungen. Zu seinem verkorksten Sexualleben zählt, dass er schon in jungen Jahren Kinder- und Jugendpornos konsumiert. Mittlerweile tue er das nur noch selten, gibt er zu Protokoll. Und dass er wegen seiner schädlichen Neigungen in Therapie sei. Einzel- und Gruppengespräche bei einer Psychotherapeutin. Seine Prognose? Laut Arztbericht "vorsichtig positiv".

O. ist, sagt er aus, seit zehn Jahren depressiv, nimmt, nachdem er die Medikamente auch mal selber abgesetzt hat, mittlerweile regelmäßig Tabletten. Positive sexuelle Erfahrungen im Leben scheint er keine zu haben. Die einzige Frau, zu der er eine sexuelle Beziehung pflegte, leide selber an Depressionen, hieß es vor Gericht. Jene Frau, die später seine Ehefrau wurde, und mit der er einen gemeinsamen zweieinhalbjährigen Sohn hat. Den darf er seit den Vorfällen im Spätsommer 2017 nicht mehr sehen. Was ihn bis ins Mark erschüttert, aber wohl nicht zu ändern ist. Es sei denn "in speziellen Settings", wie der Richter sagt. Er lastet O. nicht nur den Missbrauch an. Sondern, erschwerend, das Vertrauensverhältnis einer Schutzbefohlenen schamlos ausgenutzt zu haben.

Die Schutzbefohlene, das ist ein zum ersten Tatzeitpunkt neunjähriges Mädchen, das O.'s Ehefrau in die Ehe eingebracht hat. War die Mutter bei Bekannten oder schlief schon, verging sich Eric O. in einer Tatserie 20 Mal an seiner Stieftochter. Abends beim Fernsehen habe das angefangen, gesteht O. Fünf Fälle eines Streichelns über und unter der Kleidung im Intimbereich legt der Staatsanwalt O. zur Last. Vergehen, die sich nach Aktenlage gesteigert haben. Im Kinderbett sei O. mit seiner Zunge dem Mädchen an die Geschlechtsorgane, habe einmal auch das entblößte Kind auf sich gelegt und sich daran gerieben. Ob es bei einer dieser Handlungen zum Samenerguss kam - nachweisen lässt es sich nicht. Es spielt fürs Urteil über den (Noch-)Ehemann auch keine Rolle.

Heraus kamen O.'s Taten in der Schule des Mädchens. In der Umkleide im Schwimmunterricht erzählt die Kleine einer Praktikantin davon. Weil sie öfters mal flunkert oder gar lügt, glaubt man ihr erst nicht. Schließlich sind es zwei Freundinnen der Mutter des Mädchens, die die Initiative ergreifen und Anzeige erstatten. Das bringt die Ermittlungen in Gang, berichtet die Kripobeamtin im Zeugenstand. Der Angeklagte, bei dem man in der Wohnung umfangreiches jugendpornographisches Material gefunden habe, sei "komplett kooperativ" gewesen, habe ständig bei der Vernehmung gezittert und geweint. Ja, er sei "irgendwie erlöst" gewesen, als ihn schließlich die Polizei mitgenommen habe.

Inwiefern die heute zehnjährige Stieftochter von Eric O. bleibende Traumatisierungen davonträgt - es ist unklar. Ihr Alter und die Vielzahl der Taten könnten bedeuten, dass sie sie nie mehr vergisst. "Das Kind war Ihnen anvertraut. Sie waren für dessen Wohlergehen zuständig", bläute Amtsrichter Rose dem Angeklagten ein. Sein Vertrauen habe er schäbig ausgenutzt. Nun müsse er mit der Last leben, (s)eine Familie zerstört zu haben. Denkbar, dass sich auch das Opfer vorwerfen wird, an diesem Auseinanderbrechen Schuld zu haben. Ein Gedanke, der für Prozessbeobachter nur schwer zu ertragen ist.

► Kommentar von Siegfried Dannecker

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