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Elektrisierender Rock in akustischer Besetzung

Die Stuttgarter Band Anyone's Daughter hat am Samstagabend im Pavillon Sindelfingen in Trio-Besetzung ihr neues Album präsentiert

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    Starker Auftritt im Sindelfinger Pavillon: Matthias Ulmer (Keyboards), der neue Sänger John Vooijs und Gitarrist Uwe Metzler von Anyone's Daughter Foto: Bernd Epple

Artikel vom 24. September 2018 - 15:54

Von Bernd Epple

SINDELFINGEN. Einige musikalische Überraschungen hatte die 1972 gegründete und deutschlandweit bekannte Stuttgarter Progressive-Rock-Band Anyone's Daughter zu bieten, als sie vergangenen Samstag auf Einladung der IG Kultur im gut gefüllten Sindelfinger Pavillon auftrat.

Viele, die den symphonischen und bisweilen lyrischen Progressive Rock aus den beiden Anfangsjahrzehnten kennen, dürfte die sparsame Bühnenausstattung überrascht haben. Die Akustik-Trio-Besetzung stand auch im Kontrast zum Sound der aktuellen CD "Living The Future", die an diesem Abend präsentiert wurde. Schließlich waren an dem Album neben Drummer Peter Kumpf und elf Gastmusikern insgesamt 15 Mitwirkende beteiligt.

In Sindelfingen hatte Tastenvirtuose und Bandleader Matthias Ulmer lediglich zwei Musiker dabei: Gitarrist Uwe Metzler und den neuen Sänger John Vooijs. Der 60-jährige Ulmer, ein gebürtiger Calwer, der auch zur Live-Formation von Pur und Heinz Rudolf Kunze gehört, ist jedoch Profi genug, auch in kleiner Besetzung mit elektronischen Mitteln für groovende Klangdichte zu sorgen. Viele Sounds wurden mit Computertechnik ergänzt, doch hatte man nie den Eindruck, dass da nicht "live" musiziert wurde. Schließlich müssen die Einspieler an der richtigen Stelle mit der passenden Dynamik erfolgen. Das gelang von Anfang an beeindruckend. Die aktuellen Nummern sind an zeitgemäßen Rock-Pop angelehnt, dennoch erinnern einige von ihnen auch heute noch an Genesis, Yes oder Kansas. Auf diese Weise verbindet die Band die Genialität einer fast vergessenen Musikepoche mit moderner Geradlinigkeit. Anyone's Daughter gelang es, diese Brücke zu schlagen.

Mit dem 39-Jährigen John Vooijs (unter anderem Musicalsänger bei "Tarzan"/ "Mamma Mia") und Uwe Metzler, einem Gitarristen alter Schule (Stiltskin/Die Fantastischen Vier), waren zwei kongeniale Musiker mit am Start. Ihnen gelang es, Ulmers komplexen Kompositionen die nötige Würze zu verleihen. Die lächelnden Blickkontakte, mit denen das Trio immer wieder miteinander kommunizierte, zeugten davon, dass hier nicht nur einfach Musik heruntergespult wurde. Die Herren hatten sichtlich Freude auf der Bühne.

Das übertrug sich aufs Publikum, das vom niederländischen Sänger Vooijs immer wieder mit ins Boot geholt wurde. Die Clubatmosphäre im Pavillon tat das Ihrige dazu. Vooijs großartige Stimme wurde besonders bei "Hit Me Up" frenetisch bejubelt. Hier hielt er eine hohe Note über gefühlte zehn Takte hinweg - absolut sauber intoniert.

Wer sich auf die Hits der früheren Tage gefreut hatte, kam nach der Pause ebenfalls auf seine Kosten. Ein Medley, bestehend aus den deutschsprachigen Stücken "Sonnenzeichen Feuerzeichen", "Der Plan" und "In zerbrochenem Glas", führte direkt in die poetischen frühen 80er-Jahre zurück und mancher schwelgte wohl in Erinnerungen. "Crocodile Smile (A Perfect Day)" war für den charismatischen Vooijs bestens geeignet, das Publikum zum Mitklatschen und Mitsingen zu animieren. Als "Chorleiter" teilte er die Besucher in zwei Gruppen auf, die sichtlich Spaß am Geschehen hatten.

Mit "One World For You And Me", das auf der neuen CD als "Multilanguage Version" zu hören ist, bezog das Trio Position gegen Hass, Lügen, Habgier und Kriege. Es gehe um ein kulturübergreifendes Miteinander, wertschätzende Kommunikation und die Liebe zu dieser einzigen Welt, die wir nun einmal haben. Die Botschaft der frühen Texte hat sich also nicht wesentlich verändert, nur der musikalische Transport.

Der ist der Band so sehr gelungen, dass sie unter drei Zugaben nicht von der Bühne durfte. Mit fulminantem rhythmischen E-Piano-Einstieg ("Moria") begannen diese. Nach "Another Day like Superman" und "Far Away" ging dann schließlich das Saallicht an. Wäre es nach den Besuchern gegangen, hätte die Party wohl bis spät in die Nacht weitergehen können.

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