Anzeige

Marlies Sparn, Busfahrerin des Jahres, hat viel zu erzählen

Mein Wochenende: Als Busfahrerin in Böblingen hat Marlies Sparn viel zu erzählen - Vom einfachen Danke bis zum Überfall

  • img
    Marlies Sparn kann sich nichts schöneres vorstellen, als mit dem 18-Meter-Gelenkbus durch die Stadt zu kurven Foto: Thomas Bischof

Seit 20 Jahren ist sie nun schon Busfahrerin - unfallfrei! Marlies Sparn aus Weil der Stadt lebt ihren Traumberuf und kann sich trotz unfreundlicher Fahrgäste und tausend Baustellen nicht Schöneres vorstellen, als hinterm großen Lenkrad zu sitzen. Von den Fahrgästen wurde sie jetzt zur Busfahrerin des Jahres im Kreis Böblingen gewählt.

Artikel vom 21. September 2018 - 15:48

Von Florian Ladenburger

BÖBLINGEN. "Was mich richtig extrem nervt, ist, wenn jemand reinkommt, ein Handy am Ohr hat und telefoniert. Er starrt mich an, schmeißt mir das Geld auf den Tisch, als ob ich ein Köter wäre, und sagt nichts", berichtet Marlies Sparn. "Warum ist man so respektlos?" Noch andere Verhaltensweisen stoßen bei der Busfahrerin bitter auf: "Ich finde es auch schlimm, wenn man mir nicht Guten Morgen sagt, aber an das habe ich mich schon gewöhnt." Steht am Goldberg die S-Bahn, wartet Sparn grundsätzlich auf die Umsteiger. "Von 20 Mann, die da einsteigen, sagt einer Guten Tag und zwei vielleicht Danke. Mehr nicht. Manchmal denke ich, bin ich hier im falschen Film?"

Und trotzdem geht Sparn jeden Tag mit guter Laune zur Arbeit. "Ich mache meinen Job unheimlich gerne." Schließlich begegnen ihr nicht jeden Tag nur griesgrämige Morgengrußverweigerer. Es gibt auch schöne Momente und dann ist "das Lächeln mein Lohn." Wohl auch für diese Einstellung wurde sie von den Fahrgästen in diesem Jahr zur Busfahrerin des Jahres im Landkreis Böblingen gewählt. Nicht zum ersten Mal. Schon 2005 bekam sie die Auszeichnung, damals noch in Pforzheim.

Ihr Weg hinters Lenkrad der Busse im Stadtverkehr Böblingen/Sindelfingen ging über mehrere Umwege. Der Berufswunsch war schon von Kindesbeinen an klar, als sie noch auf dem großen Bauernhof der Eltern in der DDR gelebt hat. "Für mich waren nicht Puppenkleider wichtig, sondern wo ist Papa auf dem Feld. Da war ich immer mit dabei." Als einzige Tochter von sechs Kindern war das dem Vater aber nicht recht. Die kleine Marlies sollte "was mädchenhaftes lernen. Krankschwester oder Verkäuferin." Das ist es nicht ganz geworden. Sondern: Maschinistin für Wärmekraftwerke. Für den Busschein fehlte ihr das Geld.

Bei einer Betriebsfeier sprach sie per Zufall mit einer Mitarbeiterin vom Arbeitsamt, dass sie gerne den Busschein machen würde, aber das Geld nicht hat. Ein halbes Jahr später kam der Brief vom Amt, ob sie noch Interesse hat. "Das war für mich das allergrößte!", sagt Sparn. "Ich habe um 11 Uhr meine Bus-Führerscheinprüfung gehabt und bin um 14 Uhr meine erste Linie gefahren."

Seit 20 Jahren lenkt sie nun schon - unfallfrei! - die Busse durch die Gegend. In Mühlheim, Berlin und jetzt Böblingen "Ich war immer fasziniert von Gelenkzügen, das ist für mich heute noch so, diese 18 Meter, das Gewaltige, vielleicht auch das, was man nicht beherrschen kann - ich würde nichts anderes machen wollen."

Seit vier Jahren rollt sie nun schon durch das Stadtgebiet Böblingen und Sindelfingen, kennt den Streckenverlauf von allen gut ein Dutzend Linien. Das war am Anfang noch nicht so. "Ich war völlig überfordert", gibt Sparn zu. "Ich hab nach drei Wochen gesagt, das schaff ich nicht. Ich war völlig überladen mit diesen Linien, den Verläufen. Ich wusste am Anfang nicht, wo der Bahnhof ist", erzählt sie weiter. "Mir ist es dreimal passiert, dass ich in Böblingen stand und dann habe ich überlegt: 'Verflixt, wo ist denn hier dieser bescheuerte Bahnsteig?', und ich war einfach auf dem falschen Bahnhof."

Ein typischer Samstag beginnt bei Marlies Sparn früh: "Wenn um sechs Uhr Dienstbeginn ist, steh ich um 4.20 Uhr auf. Ich fahre zum Busdepot und bekomme vom Fahrdienstleiter meinen Bus zugeteilt." Und dann fährt sie bis 17 Uhr. "Wochenenddienste sind hart in der Frequenz, von der Taktung sehr eng. Zehn Stunden Dienst, knapp eine Stunde Pause, dann nach Hause, da bin ich platt."

Hat sie als Busfahrerin eine Lieblingslinie? "Ich fahr' die 721 ganz gerne, aber eigentlich mag ich alle durcheinander", sagt sie. "Ich habe auf jeder Linie meine Kundschaft." Zu manchen hat sie eine ganz besondere Beziehung. "Einen Mann verehre ich ganz arg", erzählt sie. "Der ist schon 91 Jahre alt und sehr intelligent. Seine Frau war schwer krank und kam ins Krankenhaus, und da stand er mal an der Haltestelle Amsterdamer Straße, total aufgelöst. 'Ich muss an den Maienplatz' - Ich sagte: 'Ganzruhig, setzen Sie sich hin, holen Sie Luft, wir fahren Sie zum Maienplatz.'" Sie hat ihn dann aus den Augen verloren, aber "irgendwann stand er mal am Bahnhof. Das war dann eine Freude. Wir sind dicke Freunde, wir telefonieren wöchentlich miteinander."

Es gibt aber auch Leute, die reinkommen und sagen: "Oh, heute fahren wir mit einer Frau!" Das ist aber nichts, gegen das, was Marlies Sparn am 12. April passiert ist. Ein Mann betrat den Buss und zeigte seine Karte. "Du weißt aber schon, dass deine Karte drei Monate abgelaufen ist?", fragte Sparn. Darauf der Mann: "Was willst du?" Die Busfahrerin blieb locker: "Erstmal waren wir noch nicht gemeinsam Schweinehüten, also sagen wir noch Sie miteinander, gell?" Doch da merkte sie schon, dass etwas nicht stimmte. "Irgendwann haben Sie das Gefühl, dass da was am Brodeln ist. Dann ist er aus dem Stand auf den Kassentisch gesprungen, auf mich drauf und hat mir drei Schläge auf die Brust versetzt. Der erste war schon so heftig, dass ich gar keine Luft mehr bekommen habe."

Frauen dürfen nach 20 Uhr keine Busse mehr lenken

Fahrgäste haben den Mann zurückgezogen, den Notruf angerufen. "Ich bin dann sogar noch zum Busbahnhof gefahren. Da war ich fertig wie ein Stück Brot. Hab gezittert am ganzen Leib. Bin Abends noch ins Krankenhaus, weil ich so Schmerzen hatte." Seitdem ist nichts mehr wie vorher. "Da fährt jetzt schon ein bisschen die Angst mit." Genau aus diesem Grund, dürfen Frauen bei der Firma Pflieger, Sparns Arbeitgeber, nicht nach 20 Uhr fahren.

Der Sonntag gehört dann bei Sparns dem Haushalt. Ihr Mann hilft dabei fleißig mit. Der ist im Übrigen auch Busfahrer. "Für mich gab es immer das Motto: Niemals einen Busfahrer! Alles, aber keinen Busfahrer!" Aber dann hat sie sich damals in Pforzheim, eben doch in ihren einweisenden Kollegen verschaut. Nach einem Jahr zogen sie zusammen und nur 14 Jahre später heirateten sie dann. Heute leben sie glücklich in Weil der Stadt.

Verwandte Artikel