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Tabuthema Suizid: Darüber reden ist wichtig

Das Interview: Margit Wagner, Vorsitzende des Arbeitskreises Leben (AKL), will das Thema Suizid aus der Tabuzone holen

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    Stimmungsvoller Kerzenschein in einer Kirche. Wessen Stimmungslage dauerhaft im Seelentief steckt, braucht Hilfe, wie sie der Arbeitskreis Leben Böblingen anbietet Foto: Dannecker

Den Welt-Suizid-Präventionstag am kommenden Montag nimmt der Arbeitskreis Leben (AKL) Böblingen zum Anlass, sich und seine Arbeit besser in der Öffentlichkeit vorzustellen. "Es ist wichtig, dass man über das Tabuthema Selbsttötung spricht", sagt AKL-Vorsitzende Margit Wagner: "Schweigen nützt niemandem."

Artikel vom 07. September 2018 - 16:30

Von Siegfried Dannecker

Frau Wagner, die Weltgesundheitsorganisation WHO hat den Welt-Suizid-Präventionstag 2003 ins Leben gerufen, weil der Suizid eines der größten Gesundheitsprobleme der Welt darstelle. Was verknüpfen Sie mit diesem Gedenktag am 10. September?

Das Thema beschäftigt mich seit vielen Jahren schon. Muss es doch auch. Stellen Sie sich vor, jährlich sterben in Deutschland 10 000 Menschen, indem sie selber Hand an sich legen. Eine unheimlich hohe Zahl, finde ich. Das sind mehr Tote als durch alle Verkehrsunfälle, Drogen oder Aids zusammen. Vorbeugung tut also Not.

 

Sie bieten Hilfen in Lebenskrisen und bei Selbsttötungsgefahr an - durch Ehrenamtliche, die anrufbar sind, einen Anrufbeantworter abhören, Kontakt aufnehmen, Gespräche führen.

Ja, und das tut der Arbeitskreis Leben seit mehr als 25 Jahren. Aber wenn ich als Sindelfingerin in meiner Heimatstadt unterwegs bin, stelle ich immer wieder fest, dass mit den drei Versalbuchstaben AKL kaum jemand was anfangen kann. Da kennt man den VfL, den Schwarzwaldverein und viele andere. AKL sagt kaum einem was. Das muss sich ändern.

 

Im Kreis Böblingen, für den Ihr AKL mit Ausnahme des Altkreises Leonberg zuständig ist, wurden zuletzt 40 Selbsttötungen im Jahr gezählt. Die Zahl der Selbsttötungsversuche dürfte noch höher sein.

Jede einzelne Selbsttötung ist eine zu viel. Viele Suizide wären zu verhindern, wenn mehr Menschen wüssten, dass und wo sie für ihre seelische Not Hilfe bekommen. Bei uns, aber vor allem bei professionellen Helfenden, Medizinern, Psychologen, Psychotherapeuten, an die wir auch gerne verweisen. Die Wartezeiten dort sind jedoch oft lang. Wir leisten dann eine wichtige Überbrückungshilfe und sind auch längerfristige Begleiter.

 

Sie sind 64 und im Ruhestand, haben also Zeit, die AKL-Arbeit intensiv anzugehen. Aber schon als Berufsschullehrerin an der Gottlieb-Daimler-Schule haben Sie das Thema Suizid und -prävention immer wieder angerissen.

Es war mir ein Herzensanliegen, mit den jungen Menschen darüber im Unterricht zu sprechen. Und jeder dort kannte einen Fall in seinem familiären Umfeld oder im Freundes- und Bekanntenkreis. Erschreckend.

 

Junge Menschen in und nach der Pubertät und im Heranwachsendenalter gelten aufgrund ihrer Identitätssuche als besonders anfällig für das Phänomen.

Das sind sie. Sie brauchen Gesprächspartner, die zuhören. Im Unterricht merkte ich immer wieder: Da sitzen welche, denen es selber schlecht geht. Ich habe ihnen versucht zu erklären, dass solche dunklen Gedanken kein Makel sind, sondern dass sie einen überfallen können wie eine Blinddarmentzündung. Dabei gibt es Wege, aus diesem Gedanken- und Seelentief wieder herauszukommen, auch wenn das länger dauern mag als eine Operation. Es gibt auch wirksame Medikamente. Die werden zwar gerne verteufelt. Aber ich sage: Besser ein, zwei Jahre Tabletten schlucken als tot zu sein. Ich sage zu Schülern: Wenn ihr Herzprobleme habt, geht zum Internisten, wenn ihr eine Grippe habt zum Hausarzt, bei Rückenproblemen zum Orthopäden - und mit seelischen Problemen zum Psychiater oder Psychologen. Das ist aber noch längst keine Normalität im Alltag. Menschen, die diese Hilfe suchen, sind nicht meschugge.

 

Schmerz, quälende Gewissensbisse, Trauer, Wut: Angehörige von Suizidenten leiden auch sehr.

Richtig. Es ist das ganze Umfeld. Viele verschweigen ihr Problem, weil sie nicht wissen, wie damit umgehen. Mitunter gibt es auch unsägliche Kommentare von Außenstehenden.

 

Zum Beispiel?

"Der hat jetzt endlich seine Ruhe." Das Recht auf Trauer abgesprochen zu bekommen, unter Umständen sogar Schuld zugeschrieben zu bekommen, tut den Hinterbliebenen unsagbar weh.

 

Viele im Umfeld von Suizidenten sagen, sie hätten nichts von den Absichten gemerkt.

Das ist tatsächlich so. Es gibt zu viel Unsensibilität für die Signale, die solche Leute aussenden.

 

Es heißt doch aber, die meisten Suizidenten kündigten ihre Taten an. Werden entsprechende Formulierungen nicht ernst genug genommen, überhört?

Man muss Sensibilität entwickeln, damit man diese Ankündigungen oder Signale erkennt und diese dann unbedingt ernst nehmen.

 

Woran kann man als Nichtfachmann erkennen, wenn bei jemandem die Seele leidet, sich eine Depression anbahnt?

Wenn sich Leute zurückziehen, nicht mehr fortgehen und wenn sie von sich nichts mehr hören lassen im Freundeskreis, ihnen alles zur Last wird, dann sollten Alarmglocken klingeln. Oder wenn Männer ab 50 anfangen zu trinken, wenn jemand über Sinnlosigkeit spricht oder dass er allen eine Last ist. Manche bekommen einen Hang zu Friedhofsbesuchen oder äußern sich über das, was mit ihrem Besitz passieren soll. Die Tochter eines Ehepaars etwa hat plötzlich ihre Gitarre verschenkt, ihr Lieblingsinstrument. Selbst plötzlich perfekt aufgeräumte Zimmer können ein Signal sein, mehr hinzugucken, nachzufragen. Und wenn im Bekanntenkreis nach langer Niedergeschlagenheit plötzlich jemand von heute auf morgen umgänglich wird und freundlich, könnte das ein Hinweis sein, dass er für sich die Entscheidung gefällt hat. . . Suizidgefährdete tragen oft eine Maske, hinter die die Leute nicht gucken können. Aber Hinschauen schafft Möglichkeiten, aufbauende Gespräche zu führen.

 

Apropos. Sie als ehemalige Lehrerin wissen vielleicht, dass es manchmal am ehesten der Religions- oder Ethikunterricht an Schulen ist, wo man das machen kann - über Gott und die Welt reden. Mein Reli-Lehrer am Wirtschaftsgymnasium, ein Herr Lauxmann, ehemaliger Böblinger Pfarrer, legte fünf Minuten meditative Musik auf von Edvard Grieg - und dann tauschte man sich aus, noch ohne Leistungs- und Notendruck.

An Herrn Lauxmann erinnere ich mich auch noch. Eine Seele von Mensch. Ja, es sind "Reli"- und andere Lehrer, die mitunter - manchmal unbeabsichtigt - durch Formulierungen Samenkörner fallen lassen, die positiv wirken können.

 

Indem sie auch mal von eigenen Schwächen erzählen und von überwundenen Krisen?

Ja, auch das.

 

Ihr Anliegen ist es, an Schulen zu gehen und den AKL beziehungsweise alles zu dem komplexen Thema seelischen Leids vorzustellen.

Das Angebot haben mein Vorgänger Matthias Steinmann und ich auch früher schon gemacht, sind aber nur einmal angefordert worden. Schade. Wir kommen gerne. Freiwillige vor, einfach melden!

    Infos im Stiftshof
    Der Arbeitskreis Leben Böblingen e.V./Hilfe in Lebenskrisen und bei Selbsttötungsgefahr, trifft sich regelmäßig im Stiftshof, Stiftstraße in Sindelfingen. Weitere Infos unter http://www.ak-leben.de.
 
    Ehrenamtliche Helfer(innen) sind jederzeit herzlich willkommen. Sie werden für ihre Tätigkeit geschult, sind an Schulungswochenenden beteiligt und erhalten im Team Supervision.
 
    Der AKL lädt auch dieses Jahr zu einer Infoveranstaltung ein - am Mittwoch, 26. September, um 19 Uhr im Stiftshof in Sindelfingen bei der Martinskirche.
 
    Der Arbeitskreis ist zu erreichen unter Telefon (0 70 31) 3 04 92 59 oder unter E-Mail boeblingen@ak-leben.de

 

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