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Sturmtief Wilma hinterlässt Spur der Verwüstung im Kreis

Nachdem sich das Tiefdruckgebiet Wilma verzogen hat, wird das ganze Ausmaß des heftigen Wolkenbruchs von Donnerstag sichtbar

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    Das Gebiet der Hildrizhauser Straße und Talstraße in Ehningen ist am stärksten überflutet - auch eine Umspannstation läuft voll Fos: red
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    Unterführung am Murkenbach Fotos: red
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    Die Würm tritt bei Ehningen über die Ufer
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    Pumparbeiten in einer Tiefgarage

Während Dagersheim vom Stauwehr geschützt wurde, hinterließ das Unwetter in anderen Ecken des Landkreises zum Teil heftige Schäden. Erst jetzt, mit dem Abstand einiger Tage, lässt sich eine vorläufige Bilanz über die zerstörerische Kraft der Wassermassen aufstellen.

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Hochwasser nach Unwetter im Kreis Böblingen
In der Nacht von 31. Mai auf 1. Juni wütete im Kreis ein Unwetter, dessen Folgen auch tags darauf zu sehen waren.
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Artikel vom 04. Juni 2018 - 19:12

KREIS BÖBLINGEN (red/jps). Tief Wilma hat es nicht gut gemeint mit dem Kreis Böblingen und dem Rest des Landes. Eine Spur der Verwüstung zieht sich von Südwesten über Ehningen, Altdorf, Hildrizhausen, Böblingen und Sindelfingen bis nach Renningen, wo ein Dachstuhl nach einem Blitzeinschlag Feuer gefangen hatte. Die Gesamtsumme der Schäden lässt sich kaum abschätzen, wohl aber dass keine Mensch oder Tiere verletzt wurden. Dies ist eine der wenigen guten Nachrichten dieses Unwetters.

In vielen Orten des Kreises waren die Retter die ganze Nacht im Einsatz. In Böblingen haben die Floriansjünger bis in die Morgenstunden alle Hände voll zu tun. Die ersten Notrufe erreichen die Integrierte Leitstelle gegen 23.45 Uhr.


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Knapp 260 Einsätze registriert die Leitstelle - verteilt auf den ganzen Landkreis. Dazu sagt der Pressesprecher der Böblinger Feuerwehr, Mario Schnepf: "Die Feuerwehr Böblingen wurde in den nachfolgenden 18 Stunden zu knapp 90 unwetterbedingten Einsätzen alarmiert. Hierfür waren in Spitzenzeiten bis zu 60 Feuerwehrleute ehrenamtlich im Einsatz." Schlaf findet keiner von ihnen, Pausen auch nicht. So heftig tobt sich Wilma im Himmel über Böblingen aus.

Bereits zu Beginn des Unwetterszenarios wird von der Feuerwehr Böblingen ein Löschfahrzeug in die Gemeinde Altdorf abgestellt, da sich hier die ersten Einsätze entwickeln. Kurz nach Mitternacht trifft das Unwetter auf das Stadtgebiet Böblingen. Die große Mehrzahl an Einsätzen handelt von überfluteten Kellern und Straßenabschnitten. Der Starkregen, welcher bis zu 80 Liter Wasser pro Quadratmeter herabfallen lässt, sorgt innerhalb kürzester Zeit für verstopfte Abflüsse zur Kanalisation hin und übergelaufene Gullys durch groben Schmutz.

Ein Passant muss über eine Kreuzung schwimmen

Besonders tief liegende Straßenabschnitte werden zur Gefahr. Sowohl in den Unterführungen der Wolfgang-Brumme-Allee Richtung Flugfeld als auch in der Leibnizstraße (Straße von der Mineraltherme Richtung Sindelfingen-Ost) werden Autofahrer von den Wassermassen überrascht. Augenzeugen beobachten bei der Unterführung der Leibnizstraße, dass das Wasser dort bis zu 1,5 Meter hoch auf der Straße steht. Ein Passant stürzt sich sogar in die Fluten und schwimmt zu seinen Angehörigen auf die andere Straßenseite. Auch ein Einsatzfahrzeug der Polizei geht an dieser Stelle baden, bis es von einem anderen wieder herausgezogen wird.

Eine Autofahrerin rettet sich auf das Autodach und wird von der Feuerwehr mit einem Schlauchboot gerettet. Personen wurden in Fahrzeugen, die bis über die Hälfte hinaus in den Fluten steckten, glücklicherweise nicht eingeschlossen.

Auch das Krankenhaus oder die Feuerwache in Böblingen bleiben von dem eindringendem Wasser nicht verschont. Doch die Einsatzkräfte greifen hier frühzeitig ein und pumpen das Wasser ab. Der Betrieb kann ohne Einschränkungen weitergehen. Erst gegen 2.30 Uhr entspannt sich die Lage vorrübergehend, als auch der Regen aufhört. Doch in den frühen Morgenstunden entfalten die Wassermassen erneut ihre zerstörerische Kraft.

Mit am härtesten wurde Ehningen in Mitleidenschaft gezogen, das zwar in der Vergangenheit viel in den Hochwasserschutz investiert hat, aber doch im Bereich der Hildrizhauser Straße ein Großaufgebot von Feuerwehr, Rettungsdienst, Technischem Hilfswerk und Polizei auf den Plan ruft. Das teilt Feuerwehr-Pressesprecher Philipp Matzka mit: "Allein die Ehninger Wehr hatte bis zum Freitagmittag insgesamt 40 Einsätze abzuarbeiten."

Besonders schwer hat das Unwetter zunächst das Industriegebiet Letten getroffen, dort stand nach Mitternacht der Keller eines Betriebes gänzlich unter Wasser. Da sich darin wichtige Güter befunden haben, muss die Feuerwehr den Keller leer pumpen. "Kurz darauf kam es dort noch zu einem Schmorbrand, der aber schnell gelöscht werden konnte", sagt Matzka.

Am meisten Probleme bereitet den Einsatzkräften allerdings die Würm, deren Pegel in der Nacht auf Freitag immer weiter anschwillt und die in den frühen Morgenstunden sowohl die Straße Richtung Holzgerlingen, als auch die Umgehungsstraße überflutet. Beide Straßen müssen daraufhin gesperrt werden. Binnen weniger Minuten steht auch ein Großteil der Hildrizhauser Straße unter Wasser, wodurch sich die Lage gegen 6 Uhr erheblich zuspitzt.

Bereits gegen 6.30 Uhr ist vom Bereich Kreuzung Talstraße bis Schlossstraße schon Land unter. Die Einsatzkräfte versuchen, das Eindringen des Wassers mit mehreren Hundert Sandsäcken zu verhindern. Diese werden von verschiedenen Fahrzeugen durch die Wehren Böblingen, Sindelfingen, Leonberg, der Werkfeuerwehr Bosch und des THW Leonberg an die Einsatzstelle gebracht.

Doch damit nicht genug: Nicht weit entfernt steht eine Umspannstation im Bereich der Hinteren Burgwiesen unter Wasser. Infolgedessen beordert die Feuerwehr ein Mitarbeiter von Netze BW an die Einsatzstelle. Vor Ort eingetroffen, kann der nicht ausschließen, dass das Wasser mit bis zu 20 000 Volt unter Strom steht. Matzka: "Sofort wurden alle Personen umgehend aus dem Gefahrenbereich gerettet und der betroffene Bereich abgesichert." Die Netze BW reagiert schnell und schaltet im betroffenen Bereich den Strom ab. Unvermeidlich: in 51 Haushalten geht das Licht aus.

Zwei Notfallpatienten, die auf ein Sauerstoffgerät angewiesen sind, werden durch den Rettungsdienst und den Ortsverein betreut. Da der Strom für einen längeren Zeitraum fehlt, muss die Feuerwehr einen der Patienten aus seinem Haus retten und mit dem Rettungswagen ins nahegelegene Haus Magdalena bringen, bis der Strom wieder gefahrlos in die Häuser fließen kann. Matzka: "Glücklicherweise gab es auch hier keine weiteren Verletzten."

Aus Hildrizhausen kommt tags darauf zunächst die Meldung, dass - neben weiteren Schäden - auch das Freibad betroffen ist. Dort steht der Keller zwei Meter hoch unter Wasser, in dem sich die Regelelektronik der Umwälzpumpen befindet. Was diese natürlich zum Erliegen bringt. Doch bereits am Sonntag kann man Entwarnung geben: Pumpen repariert, Freibad wieder offen.

MPG-Schüler bekommen schulfrei

Die Folgen des Unwetters sind auch in Böblingen noch Tage später zu spüren. Im Kreuzungsbereich Schönaicher Straße und Brunnenstraße wurde die Unterführung beim Baumoval für Fußgänger komplett überflutet und war nicht mehr passierbar. Großen Schaden richtet auch ein Wassereinbruch in die Tiefgarage der Murkenbachschule an. Das Wasser beschädigt einen Teil der Elektroverteilung des Max-Planck-Gymnasiums.

Das Gebäude wird vorerst nur eingeschränkt mit Strom versorgt werden können, teilt die Stadt mit. Der gestrige Montag wurde benötigt, um die Elektrik zu prüfen und eine provisorische Lösung zu finden sowie für das Aufräumen und Putzen der überschwemmten Räume. Das hat für die MPG-Schüler und -Lehrer zur Folge, dass die Schule am gestrigen Montag ausfällt - und die Pfingstferien um einen Tag verlängert werden.

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