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Die lehrreichen Sieben: Freilichtmuseen im Ländle

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    Auf den ersten Blick vermitteln Freilichtmuseen wie hier in Wackershofen Idylle. Doch sie machen auch das entbehrungsreiche Leben unserer Vorfahren anschaulich Foto: red

Artikel vom 15. April 2018

KREIS BÖBLINGEN (red). Freilichtmuseen dienen der Erhaltung und Darstellung bäuerlichen Lebens. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verdrängte die Industrialisierung zunehmend die bäuerliche Kultur. Durch den rasanten Fortschritt sahen sich viele Menschen mit dem allmählichen Verschwinden traditioneller Lebensweisen und Werte konfrontiert. Indem sie sich mehr der Sammlung ländlich geprägter Kulturgüter widmeten, reagierten einige kulturhistorische Museen auf diesen Verlust. Der schwedische Philologe Artur Hazelius gründete 1873 mit dem Nordischen Museum in Stockholm das erste Volkskundemuseum. Dieses wurde 1891 durch eine Freiluftabteilung erweitert, das Freilichtmuseum Skansen. Mithilfe des Freilichtmuseums wollte Hazelius das Landleben umfassender darstellen. Er versetzte dafür komplette Gebäude und richtete diese ganzheitlich ein. Skansen gilt als das erste Freilichtmuseum Europas.

Es folgten bald weitere Museumsgründungen in ganz Europa. 1934 wurde das erste deutsche Freilichtmuseum gegründet, das Museumsdorf Cloppenburg (Niedersachsen). Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einer Gründungswelle Freilichtmuseen in Deutschland. Die Wirtschaftswunderjahre der 1960er-Jahre führten mit dem technischem Fortschritt und modernen Lebensstandards zu entscheidenden Strukturveränderungen. Der Deutsche Heimatbund sah durch den rasanten Umbruch vom Agrar- zum Industrieland die regionalen Unterschiede und Besonderheiten zunehmend verwischt und befürchtete die endgültige Zerstörung der ländlichen Kultur. Das Freilichtmuseum konnte als Gedächtnisort dienen, um die kulturelle Identität der Vergangenheit zu sichern.

Am Anfang stand der Vogtsbauernhof

Zunächst wurden nur vereinzelte Gebäude vor Abriss oder Verfall gerettet. 1958 gelang Privatleuten die Sicherung eines oberschwäbischen Strohdachhaus. 1961 begann im Badischen die Rettung des Vogtsbauernhofs in Gutach, mit dem 1964 das erste Freilichtmuseum Baden-Württembergs eröffnet wurde. Der Schwäbische Heimatbund, dem die Bewahrung traditionellen Wissens und traditioneller Werte und Landschaften am Herzen lag, und die Landesregierung wünschten sich ein zentrales Freilichtmuseum, das Baden und Württemberg identitätsstiftend miteinander verbinden sollte: Ein Landesmuseum, das Bauernhäuser aus allen Landschaftsteilen vergleichend und verbindend nebeneinander stellt, nach außen ein Monument der bäuerlichen Alltagskultur, nach innen die Kompensation kollektiver Verlusterfahrungen.

Die Vorplanungen für ein zentrales Landesfreilichtmuseum liefen parallel zum Ausbau des Vogtsbauernhofs. Die beiden Museumsprojekte wurden zu Konkurrenten. Die Idee eines zentralen Landesfreilichtmuseums scheiterte 1965 letztendlich an der Finanzierung. Durch den Erfolg des Gutacher Freilichtmuseums und der zunehmend dringlicher werdenden Rettungsmaßnahmen für historische Bausubstanzen plädierte nun auch vermehrt die Denkmalpflege für regionale Lösungen. Letztlich wurden mit der Gründung weiterer Regionalmuseen Fakten geschaffen.

Der baden-württembergische Minis-terrat entschied 1980, die regionalen Freilichtmuseen mit 4,8 Millionen Mark zu unterstützen. Damit war die Entscheidung für ein zentrales Landesfreilichtmuseum wiederum vertagt worden. Mit dem Ministerratsbeschluss vom 11. Januar 1988 wurde die Errichtung eines Landesfreilichtmuseums endgültig zu den Akten gelegt. Die Landesregierung entschied sich letztendlich für eine dezentrale Lösung.

Die Arbeitsgemeinschaft Freilandmuseen, die 1977 gegründet wurde, umfasst alle sieben regionalen ländlichen Freilichtmuseen in Baden-Württemberg. Die "Sieben im Süden" (siehe Info) stehen in einem engen inhaltlichen und fachlichen Austausch. Dauer- und Wechselausstellungen zu regionalspezifischen Themen, Handwerksvorführungen, Mitmach-Programme für Kinder wie Erwachsene, Themenführungen, Schul- und Ferienprogramme, Workshops und Aktionstage gehören zum Angebot der Freilichtmuseen. An Ostern hat die Saison in den Museumsdörfern wieder begonnen. In jedem der sieben gibt es viel zu entdecken.

 

  Info: Die Sieben im SüdenDie Freilichtmuseen in Baden-Württemberg werden unter dem Schlagwort "Die Sieben im Süden" vermarktet. Zu diesem Bund gehören:Odenwälder Freilandmuseum Got-tersdorf, Weiher Straße 12, 74 731 Walldürn-Gottersdorf, Homepage: http://www.freilandmuseum.comHohenloher Freilandmuseum Wackershofen, Dorfstraße 53, 74 523 Schwäbisch Hall-Wackershofen, Homepage: http://www.wackershofen.deFreilichtmuseum Beuren, In den Herbstwiesen, 72 660 Beuren, Homepage: http://www.freilichtmuseum-beuren.deSchwarzwälder Freilichtmuseum Vogtsbauernhof, direkt an der Bundesstraße 33, 77 793 Gutach, http://www.vogtsbauernhof.deFreilichtmuseum Neuhausen ob Eck, Museumsweg 1, 78 579 Neuhausen ob Eck, Homepage: www.freilichtmuse um-neuhausen.deOberschwäbisches Museumsdorf Kürnbach, Griesweg 30, 88 427 Bad Schussenried-Kürnbach, Homepage: http://www.museumsdorf-kuernbach.deBauernhausmuseum Allgäu-Oberschwaben Wolfegg, Vogter Straße 4, 88 364 Wolfegg, Homepage http://www.bauernhausmuseum-wolfegg.deEine Einführung in die Geschichte der Freilichtmuseen im Ländle ist unter http://www.landmuseen.de zu finden.
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