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Satire-Scharfschütze: Robert Griess in Böblingen

Zwei Kabarettabende im Theater Altes Amtsgericht

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    Robert Griess zielt mit seinen Pointen auf das Publikum Foto: Helga Beck

Robert Griess liebt es derzeit militant. "Hauptsache, es knallt!" heißt sein Motto, mit dem der Mechthild-Gewinner von 2008 am vergangenen Dienstag und Mittwoch das Alte Amtsgericht einnahm. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt, und Größen aus Wirtschaft, Politik, Sport und Kriminalität standen unter Dauerfeuer.

Artikel vom 01. März 2018 - 13:30

Von Anne Abelein

BÖBLINGEN. Robert Griess erscheint zum großen Getöse des Rammstein-Songs "Amerika". Er trägt eine Trump-Maske, aber was soll ein Kabarettist eigentlich zum Gebaren des amerikanischen Präsidenten noch sagen? Trocken-sarkastisch merkt er doch etwas an. Und zwar zum jüngsten Schul-Shooting und der angemahnten Selbstverpflichtung der Waffenhersteller: "Was das bedeutet, sehen wir ja an der deutschen Autoindustrie." Beifälliges Gelächter.

Mit Verve arbeitet er sich quer durch die Tagespolitik: vom Brexit zu den Unabhängigkeitsbestrebungen der Katalanen, um dann nach einer kunstvollen Schleife über dem Berliner Flughafen bei Stuttgart 21 zu landen. Den geplanten Tiefbahnhof würdigt er als zukunftsweisendes archäologisches Projekt und erhält nicht zum letzten Mal an diesem Abend Szenenapplaus.

Zurück nach Berlin - in den Bundestag. Er staunt nicht schlecht über Angela Merkels neues Kabinett und die sonstigen Hoffnungsträger der Parteien, die sich zum Teil schon wieder verabschiedet haben: Gleichgültig, ob "Thomas, die Misere", die "Trümmerfrau" Andrea Nahles oder Christian Lindner - Robert Griess schießt allen eine Salve um die Ohren, die sich gewaschen hat. Der Kabarettist zielt rotzfrech in die Menge und trifft dabei eins ums andere Mal ins Schwarze.

Winfried Kretschmann ordnet er kurzerhand der CDU zu und zeigt dann, wer in der Regierung wirklich das Sagen hat: die Lobbyisten. Zu denen auch manche Politiker selbst gehören, etwa der ehemalige Gesundheitsminister Daniel Bahr, der umstandslos als Manager zur Allianz-Krankenversicherung gewechselt ist. Mit seiner Wandlungsfähigkeit ist Bahr keineswegs allein, die Freude an erstaunlichen Metamorphosen zeigt sich parteiübergreifend von Gerhard Schröder bis zu Ronald Pofalla, wie Robert Griess aufzeigt.

Der Kabarettist und Autor spricht von sich auch als einem "Vagabunden" und ist im Theater, Rundfunk und im Fernsehen unter anderem beim Satire-Gipfel (ARD), Ottis Schlachthof (BR) oder der Intensivstation (NDR) umhergestrolcht. 2006 gründete er die Schlachtplatte-Endabrechnung, in der ein Ensemble von wechselnden Kabarettisten Politiker tranchiert. Seit 2010 wirkt er außerdem als Künstlerischer Leiter des Kölner "Streithähne"-Festivals, dort krähen unter anderem Max Uthoff und Erwin Pelzig um die Wette. Griess rüstet zudem seine Kollegen und auch Fernsehfiguren wie Käpt'n Blaubär mit satirischer Munition aus. Romane und Bücher gibt es auch von ihm, so "Stappers Revolte" von 2010. Zuletzt erschien sein "Satirisches Handgepäck für Köln".

Griess bietet sich bei Kreissparkasse für einen lukrativen Auftritt an

Nachdem Griess nun noch die Fußballprominenz von Uli Hoeneß bis Karl-Heinz Rummenigge unter Beschuss genommen hat - der FC Bayern sei ein "Resozialisierungsprojekt gefallener Menschen" -, richtet er die Mündung auf sich selbst: Er erzählt von lukrativen Auftritten bei der Deutschen-Bank-Gala und bietet sich bei der Gelegenheit auch gleich den hiesigen Kreissparkassenchefs an. Kurz darauf schlüpft er in seine Paraderolle und gibt den Kölner Unterschichtenproleten Stabber mit "Asi-das-Hosen". In prolliger Gorillapose legt er sich mit der AfD an und zeigt außerdem, wie man am wirkungsvollsten einen Elternabend in einer Waldorfschule sprengt.

Das Lachen im Hals stecken bleibt dem Publikum, als Griess mit einem Kaftan als "Nafri" verkleidet ein Lied über das Mittelmeer zum besten gibt. Sommersonnenstimmung im Club Méditerranée konfrontiert er bissig mit dem Flüchtlingselend. Griess lenkt den Fokus aber auch auf die "Ossis" - die "ostdeutschen, sächsischen Intensivtäter". Außerdem besingt er schwarzgallig konvertierte Selbstmordattentäter. Manchmal plagt den Kleinkünstler die Sehnsucht nach der großen Bühne, und so phantasiert sich Griess als Höhepunkt des Abends in eine surrealistische Regietheater-Inszenierung hinein.

Wie Theatermacher Volker Lösch involviert er in diese Inszenierung echte Experten des Alltags - Steuerflüchtlinge als Nabucco-Gefangenenchor. In seiner Zugabe verpasst er ihnen erneut eine Abreibung - diesmal an Bord eines Kreuzfahrtschiffs. Wehmütig stimmt er "My Money is over the Ocean" an, und das Publikum trauert ergriffen mit. Oder lacht es Tränen?

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