Auf der Suche nach dem verlorenen Raum

Buch-Tipp: Jahrestage der "Jahrestage" von Uwe Johnson

Artikel vom 31. August 2017 - 17:00

Von Jan Renz

Uwe Johnsons vierbändiger Roman "Jahrestage" beginnt am 20. August 1967, also vor 50 Jahren. Tag für Tag, ein Jahr lang, wird das Leben der Gesine Cresspahl erzählt, in 366 Einträgen. Aber es ist kein Tagebuch. Viel zu stark ist der Formwille.

Am Anfang ist das Wasser. Gesine schwimmt an der Küste New Jerseys. Das Staunen erregende Werk beginnt am Meer und endet am Meer. Am Anfang wird mit größter Genauigkeit eine Welle des Atlantiks beschrieben. Wie einst Marcel Proust hat Uwe Johnson sich dem Prinzip Genauigkeit verschrieben. Es steckt aber auch viel Thomas Mann in diesem Epos. Genau wie der Lübecker Nobelpreisträger liebte Johnson das Meer.

Johnsons "Jahrestage" gehören zu den großen Romanen der Weltliteratur. Das ausufernde Erzählwerk besteht aus relativ kurzen Tageseintragungen, die am Ende fast 2000 Seiten füllen. Die "Jahrestage" sind, ein weiterer Superlativ, einer der bedeutendsten New-York-Romane, obwohl sie von einem Deutschen geschrieben wurden.

Seit 1961 lebt Gesine Cresspahl mit ihrer Tochter Marie in der Metropole. Sie arbeitet in einem Bankhaus. Da sie zum Schreiben keine Zeit hat, schließt sie mit dem Schriftsteller Johnson einen Pakt: Er soll ihr Leben dokumentieren, ein Jahr lang, von Tag zu Tag. Sie liefert das Material, er bringt es zu Papier: New York ist das eine Zentrum.

In der Weltstadt erinnert sich Gesine an eine Kindheit in Mecklenburg, an eine verlorene Zeit, an einen unzugänglichen Raum, da die zwei Teile Deutschlands durch eine Mauer voneinander getrennt sind. Gesine kann nicht zurück in ihre mecklenburgische Heimat, weil sie aus der DDR geflohen ist. So ist Gesine auch auf der Suche nach dem verlorenen Raum. Das zeichnet sich schon ganz am Anfang des Epos ab. Daneben gibt es die Gegenwartsebene: Jeden Tag, schon auf dem Weg zur Arbeit, liest Gesine die "New York Times". Ihre Lektüre ist nicht wahllos: Sie nimmt von allem Notiz, was mit ihrer Biographie zu tun hat.

Wegen einer Schreibhemmung braucht der Autor lange Zeit

Über seinen erstveröffentlichten Roman "Mutmassungen über Jakob" bemerkte Johnson, man müsse ihn so langsam lesen, wie er geschrieben wurde. Und er hat ein Jahr daran gearbeitet. Der greise Hermann Hesse war von dem schwierigen Erstling beeindruckt: Johnson sei ein "wirklicher Dichter". Er lud ihn zu sich nach Montagnola ein. Was hätte Hesse zu den "Jahrestagen" gesagt? Sie lesen sich flüssiger als die "Mutmassungen". Viel entspannter und natürlicher ist die Sprache als in den frühen Romanen. Mit Fontanescher Souveränität und Gelassenheit wird erzählt (im letzten Teil liest eine Schulklasse minutiös einen Fontane-Roman). Johnson leistet alles durch Erzählen. Seine Sprache will zweierlei sein: genau und unverbraucht.

Lange Zeit war fraglich, ob das große Werk vollendet werden könnte. Über Jahre hinweg litt Johnson an einer Schreibhemmung: 1970 erschien der erste Band, der vierte und letzte aber erst 1983. Die Kritik feierte dieses Finale. Auf einmal war das Ungeheuerliche des Werkkomplexes sichtbar. Hier lag ein Jahrhundertroman vor.

Der große Literaturwissenschaftler Hans Mayer hatte es früher bemerkt als etwa Marcel Reich-Ranicki: Schon 1970 stellte Mayer fest, hier entstehe ein Werk, das, würde es vollendet, Thomas Manns "Zauberberg", Musils "Mann ohne Eigenschaften" oder Döblins "Berlin Alexanderplatz" an die Seite zu stellen sei. Aber Mayers Verdikt war eine Ausnahme. Nach wie vor gilt, was Heinrich Böll nach Johnsons Tod feststellte: "Erst spätere Zeiten werden seine Größe wahrnehmen."

Die Jahrestage der "Jahrestage" kann man als Chance begreifen: einen phantastisch genauen Autor entdecken.

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