Comeback mit erneuertem Leitbild

Bundestagswahl 2017: Für den FDP-Direktkandidaten Dr. Florian Toncar gehört die liberale Stimme ins deutsche Parlament

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    Nach der erzwungenen Auszeit wieder auf dem Sprung in den Bundestag: Florian Toncar Foto: Thomas Bischof

Eigentlich könnte er sich zurücklehnen: Dank der guten FDP-Umfragewerte und seines komfortablen Listenplatzes gehört Florian Toncar so gut wie sicher wieder zum Parlament - doch sich darauf auszuruhen, ist seine Sache nicht. Wie die gesamte Partei befindet sich der 37-Jährige nach der Schlappe 2013 im Comeback-Modus.

Artikel vom 11. August 2017

Von Robert Krülle

KREIS BÖBLINGEN. Nach spektakulären Spitzenwerten im Jahr 2009 rasselte die FDP 2013 unter die Fünf-Prozent-Marke und flog damit aus dem Bundestag - mit seiner Partei auch Florian Toncar, der acht Jahre zuvor als Jungspund überraschend zum Bundestagsabgeordneten geworden war. "Diese Niederlage hat mich lange verfolgt", gibt Toncar dazu, "und ich finde es immer noch komisch, Bundestagsdebatten ohne FDP-Beteiligung zu verfolgen - die liberale Stimme fehlt." Für ihn persönlich war diese Wahlschlappe aber auch eine Chance - denn er hatte zuvor noch nie in seinem gelernten Beruf "richtig" gearbeitet. Das holte der promovierte Jurist nun nach. Seit Anfang 2014 arbeitete Toncar in einer internationalen Kanzlei in Frankfurt am Main. "Ein faszinierender Job - und auch wenn ich gut zu tun hatte, konnte ich jetzt mehr Zeit mit meiner Familie verbringen", sagt der Vater zweier kleiner Kinder.

Doch als die Anfrage zum politischen Wiedereinstieg kam, musste Florian Toncar nicht sehr lange überlegen. "Ich habe immer wieder sehr positive Rückmeldungen bekommen - auch von Nicht-FDPlern", erzählt der 37-Jährige. Und weil er gerne dabei sein wolle, wenn die FDP wieder im Bundestag vertreten ist, hat Toncar sich für die Wahl am 24. September aufstellen lassen. Im Falle seines Einzugs ins Parlament muss die Juristentätigkeit dann erst einmal wieder ruhen - "wobei ich schauen werde, ob ich in geringem Umfang als Anwalt weiterarbeiten kann." Auf alle Fälle könnte Toncar seine Zelte sofort wieder in Weil im Schönbuch aufschlagen - dort hat er eine Zweitwohnung. "Wo dann die Familie hinzieht, entscheiden wir, wenn es soweit ist."

Die FDP habe ihre Lehren aus der Wahlschlappe von 2013 gezogen, betont Florian Toncar. "Unser Parteichef Christian Lindner hat einen hervorragenden Job gemacht", sagt der Weilemer. Man habe mit großem Aufwand die Leitbild-Arbeit an der Basis vorangetrieben, in allen Ortsverbänden sei organisiert diskutiert worden. "Das Ergebnis war eine positive Umschreibung unserer Grundwerte", erläutert Toncar, "nicht alles daran war neu, aber sie wurden zeitgemäß, einfach und vor allem positiv formuliert."

Und in diesem Sinne kann der FDP-Direktkandidat zu diversen Themen die liberale wie seine persönliche Linie darstellen:

 

Infrastruktur: Straßenbau und Internet-Versorgung bleiben die drängenden Themen im Kreis Böblingen. "Die Planung muss schneller laufen", betont Toncar, "und die finanziellen Mittel müssen natürlich bereitstehen." Da könne er als Finanz- und Haushaltspolitiker durchaus Einfluss nehmen. Als drängendste Frage für den Landkreis hat Toncar aber die Zukunft des Autos ausgemacht. "Die Autoindustrie muss sich ändern", sagt er deutlich, "der Übergang zu alternativen Antriebstechniken muss bewältigt werden, um hier überhaupt noch eine Autoindustrie in Zukunft zu haben!" Dieses Thema treibe ihn wirtschaftspolitisch am meisten um.

 

Wohnungsbau: Auch in dieser Sparte drückt der Schuh im Kreis Böblingen stärker als anderswo. Der Wohnraum ist knapp und teuer. "Wir müssen das Bauen erleichtern", sagt Toncar und verweist auf die Forderung seiner Partei, einen hohen Grunderwerbssteuer-Freibetrag einzuführen. "Das erleichtert den Menschen die Finanzierung." Und zudem schlägt der 37-Jährige vor (ganz FDP), Regularien deutlich abzubauen. "Die Landesbauordnung ist verschärft worden - muss das sein?", fragt Toncar, "beim Thema Brandschutz zum Beispiel darf es natürlich keine Kompromisse geben, aber viele Vorschriften verursachen aus unserer Sicht nur unnötig Kosten."

 

Steuern: "Wir müssen das Problem der kalten Progression lösen", stellt Toncar klar. Eine Gehaltserhöhung dürfe nicht zu weniger Einkommen führen, weil man in die nächste Steuerklasse rutscht. "Normalverdiener landen inzwischen bei Steuersätzen, die eigentlich für Reiche vorgesehen waren", erläutert der Liberale, "das sollte sich ändern." Zudem müsse der Solidaritätszuschlag - kurz: Soli - wie ursprünglich vereinbart 2019 wegfallen.

 

Rente: Der demografische Wandel sei nicht aufzuhalten. "Die klassische umlagefinanzierte Rente reicht halt nicht mehr aus - das ist ja bekannt", sagt Florian Toncar. Die zusätzliche betriebliche wie private Altersvorsorge seien wichtig. "Die betriebliche Form könnte man gerade im Kreis Böblingen noch attraktiver machen", findet der FDPler, "zum Beispiel durch die Beteiligung der Arbeitnehmer am Unternehmen." Dass die Beitragssätze der gesetzlichen Rente gemäß dem demografischen Faktor noch etwas steigen, hält Toncar für unvermeidlich. Reichlich Handlungsbedarf allerdings sieht er bei der privaten Vorsorge, die unmittelbar mit der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank verknüpft ist. "Die Aktivitäten der EZB gehen aus meiner Sicht über ihr Mandat hinaus", stellt Toncar fest, "da muss die Politik mehr Einfluss üben." Der neue EZB-Präsident ab 2019 müsse viel mehr als Stabilisator auftreten. "Derzeit geht die Zentralbank viel zu große Risiken ein - und das ohne Transparenz und ohne demokratische Legitimation."

 

Soziales: Florian Toncar findet, dass das sogenannte Hartz-IV-System gut funktioniere. "Mehr Unterstützung brauchen aber die Alleinerziehenden", findet er, "zum Beispiel indem man die Kinderbetreuungsmöglichkeiten verbessert." Die Kita-Gebühren will der FDPler allerdings nicht anrühren, "aber sie sollten steuerlich komplett absetzbar sein." Grundsätzlich fordert Toncar auch in diesem Bereich: "Leistung soll sich lohnen." Qualifizierungen sollten stark gefördert, die Möglichkeiten eines Zuverdienstes verbessert werden. Mit Interesse verfolgt der 37-Jährige die Pläne der neuen CDU-FDP-Grünen-Koalition in Schleswig-Holstein, Bürgergeld als Pilotprojekt einzuführen. "Ich bin gespannt, wie sich das entwickelt."

 

Flüchtlingspolitik: "Die Einwanderung in den letzten Jahren ist nicht gut gelaufen - man war nicht gut vorbereitet und hat das alles wohl unterschätzt", bilanziert Toncar, "aber nun ist es so, und wir müssen das Beste daraus machen." Die vielen unterschiedlichen Fälle müsse man differenzieren. Für die Kriegsflüchtlinge aus Syrien schlagen die Liberalen einen Sonderstatus und befristetes Bleiberecht vor. "Zudem brauchen wir ein Einwanderungsgesetz", stellt Toncar fest. Ausgewiesene müssten von ihren Herkunftsländern konsequent zurückgenommen werden. Ob Abschiebungen nach Afghanistan möglich sind, müsse man ständig neu bewerten, "aber bei den Maghreb-Staaten sehe ich da kein Problem." Das große Thema Integration sieht Florian Toncar als gesellschaftlichen Prozess - beide Seiten seien gefordert. "Die Gesellschaft muss offen sein und den Kommenden eine Chance geben", sagt der FDPler, "umgekehrt müssen die Kommenden sich integrieren wollen." Die eigene Anstrengung sei wichtig, deshalb sollte es für Flüchtlinge auch schneller möglich sein, einfache Arbeiten zu übernehmen.

 

Bleibt die Frage, welche Chancen Toncar seiner Partei gibt, an die Bundesregierung zu kommen. Klappt es mit einer schwarz-gelben Koalition? "Im Moment ist es noch zu früh, das zu sagen", ist er vorsichtig, "es gibt viele Möglichkeiten." Aber eins habe die FDP aus der Wahlschlappe von 2013 gelernt. "Es darf nicht darum gehen, dass wir regieren müssen - auch wenn es rechnerisch möglich wäre", stellt er klar, "die Kernanliegen der FDP müssen eingebracht werden - sonst funktioniert es nicht."

  Dr. Florian Toncar
    1979 in Hamburg geboren, in Weil im Schönbuch aufgewachsen.
    1999 Abitur am Goldberg-Gymnasium in Sindelfingen.
    ab 2000 Studium der Rechtswissenschaft in Regensburg, Cambridge und Heidelberg. Erstes Staatsexamen 2005, dann Referendariat am Landgericht Stuttgart. Zweites Staatsexamen 2007. Promotion im Oktober 2012.
    2005-2013 Mitglied des Bundestages.
    Seit 2014 in einer internationalen Wirtschaftskanzlei in Frankfurt/Main tätig.
    Lebt mit seiner Frau Theresa und zwei kleinen Kindern (3/1) in Frankfurt.

 

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