Ein Stück zur rechten Zeit

Das Sindelfinger Theaterensemble Szene 03 spielt ab 24. März "Biedermann und die Brandstifter" von Max Frisch

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    Die Darsteller bei der Probe. Es spielen Marja Rothenhöfer, Jenny Spitzer, Daniel Bayer, Volker Bönisch, Florian Penkwitt und Bernd Schmalenbach. Dramaturgie und Assistenz: Elke Spitzer
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    Brisanter Theaterstoff: Daniel Bayer und Bernd Schmalenbach sind im Sindelfinger Theaterkeller demnächst in Max Frischs "Biedermann und die Brandstifter" zu sehen Fotos: Theater Szene 03

"Hochaktuell, hochbrisant, hochpolitisch": Wenn der Weil der Städter Regisseur Karsten Spitzer über die aktuelle Szene-03 -Inszenierung spricht, wird schnell klar, wie sehr ihm dieses Stück am Herzen liegt. Kein Wunder: In Zeiten von Fremdenhass und Populismus gehört "Biedermann und die Brandstifter" einfach auf die Bühne.

Artikel vom 16. März 2017 - 17:30

Von Eddie Langner

SINDELFINGEN. Theater kann Unterhaltung und Entspannung sein. Es kann aber auch ein Weckruf, ein Alarmknopf sein. In diesem Sinne bringt das Theater Szene 03 jetzt "Biedermann und die Brandstifter" von Max Frisch auf die Bühne.

"Ich hatte das schon sehr lange im Sinn", erklärt Karsten Spitzer. Die Entscheidung sei dann vor einiger Zeit bei einem gemeinsamen Gartenfest mit Jürgen Siehr gefallen. Siehr hat das Theater Szene 03 gegründet und zwölf Jahre lang geleitet. Im Jahr 2015 übernahm Karsten Spitzer seine Nachfolge. "Dieses Stück müsste man mal wieder auf die Bühne bringen", waren sich Vorgänger und Nachfolger damals einig. Dabei waren die Flüchtlingskrise und der sich in der Folge abzeichnende Rechtsruck in Europa damals noch gar nicht abzusehen.

Umso mehr sind Spitzer und seine Darstellerriege jetzt davon überzeugt, das richtige Stück zur - im doppelten Wortsinn - rechten Zeit ausgesucht zu haben. "Im letzten Dreivierteljahr hat sich das alles ja nochmal gravierend verschärft", verweist Spitzer auf die politischen und gesellschaftlichen Reaktionen auf die islamistischen Anschläge und Vorfälle 2016 in Deutschland und Frankreich. Das alles begünstige den Aufstieg von Rechtspopulisten, "weil die in der Bevölkerung Ängste schüren".

Auch in "Biedermann und die Brandstifter" sei Angst das große Thema. "Wie gehe ich mit Angst um? Lasse ich mich von ihr unterjochen?", stellt der Regisseur die Fragen, die das Stück behandelt. Für ihn ist klar: "Angst ist immer ein schlechter Ratgeber." Deshalb will er gemeinsam mit seinem Ensemble gegen Rechtsruck und Populisten Stellung beziehen. Und zwar eindeutig. Zuletzt habe er das Stück im Dezember im Stuttgarter Wilhelma-Theater gesehen. "Das hat für mich das Zeitgeschehen nicht getroffen", vermisste der 56-Jährige bei dieser eher burlesken Inszenierung die aus seiner Sicht notwendige Ernsthaftigkeit.

Deshalb wolle er dies mit dem Theater Szene 03 anders machen. "Man muss die Dinge klar benennen", findet der Regisseur. Le Pen in Frankreich, Johnson in England, Wilders in den Niederlanden, Höcke und Petry in Deutschland und Trump in den USA - sie alle sind für ihn die Brandstifter. Deshalb habe er viele aktuelle Bezüge in seiner Inszenierung untergebracht.

Den Zeitpunkt für die Aufführungen hätte Spitzer kaum besser wählen können. Europa steht in diesem Jahr vor einigen Schicksalswahlen: Die Niederländer haben eben erst den befürchteten Wahlsieg von Geert Wilders abgewendet, am 16. April könnten die Türken per Referendum ein Präsidialsystem einführen, und am 23. April - dem Abend, an dem das Szene-03-Ensemble Dernière feiert - wählen die Franzosen womöglich Marine Le Pen zur Präsidentin.

Wie heißt es so schön: Die Welt ist eine Bühne. Und wo man hinschaut, gibt es Menschen, die sie brennen sehen wollen - jedenfalls dann, wenn sich niemand den Brandstiftern entgegenstellt. Spitzer vermisst in diesem Zusammenhang den Mut in der Gesellschaft. "Manchmal kommt mir das vor wie das Kaninchen vor der Schlange", erklärt er. "Und wo das hinführen kann, wenn die Mehrheit schweigt, haben wir in diesem Land ja erlebt", sagt er. Er selbst greift im Gespräch mit der KREISZEITUNG zu drastischen Worten: "Wenn jemand braune Scheiße labert, dann ist das braune Scheiße. Da wird auch kein Kuchen daraus, noch nicht mal ein Brownie."

 

Info: Das Theater Szene 03 feiert am Freitag, 24. März, um 20 Uhr im Theaterkeller Sindelfingen (Vaihinger Straße 14) Premiere mit "Biedermann und die Brandstifter". Weitere Termine: 25. und 26. März sowie 1., 2., 8.,9., 21., 22. und 23. April. Beginn jeweils um 20 Uhr, sonntags bereits um 18 Uhr. Vorverkauf beim i-Punkt Sindelfingen, Telefon (0 70 31) 94-325.

 

 

  Hintergrund: Biedermann und die Brandstifter
 

Das Theaterstück "Biedermann und die Brandstifter" (Uraufführung 1958) handelt von einem Bürger namens Biedermann, der zwei Brandstifter in sein Haus aufnimmt, obwohl sie von Anfang an erkennen lassen, dass sie es anzünden werden. Der Schweizer Autor Max Frisch ("Homo Faber", "Andorra") hat in dem Schauspiel komische und makabre Elemente eingearbeitet, die je nach Inszenierung unterschiedlich gewichtet sind. Historischer Anlass für Frischs ersten Textentwurf war der kommunistische Umsturz in der Tschechoslowakischen Republik im Februar 1948. Das Stück lässt viele Interpretationen zu: Unter anderem kann man es als Kritik an deutscher Untätigkeit, Naivität und Feigheit gegenüber dem aufkeimenden Nationalsozialismus in den 30er-Jahren deuten. Quelle: Wikipedia

 

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