Böblinger Gewerbeforum kämpft an vielen Fronten

Hauptversammlung des Handels- und Gewerbeforums Böblingen zeigt die enormen Herausforderungen der Böblinger Händler auf

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    Werner Hesselmaier (l.) und Berit Erlbacher (r.) auf der Hauptversammlung des Böblinger Gewerbeforums im Paladion Foto: Jan-Philipp Schlecht

Der Blick zurück und nach vorn ist bei den Böblinger Händlern und Gewerbetreibenden ein sorgenvoller. Immens sind die Herausforderungen, die sie zu meistern haben: der Wegfall der verkaufsoffenen Sonntage, Baustellen und eine neue Verkehrsführung.

Artikel vom 16. März 2017 - 17:12

Von Jan-Philipp Schlecht

BÖBLINGEN. Die Stimmung in der Stadiongaststätte des Böblinger Paladions wechselt am Mittwochabend zwischen Ernüchterung und Aufruhr. Auf der Hauptversammlung des Handels- und Gewerbeforums (GWF) blickt der Vorsitzende Werner Hesselmaier für die nur 20 anwesenden Mitglieder zunächst auf das vergangene Jahr zurück, in dem die Böblinger Händlerschaft einige Rückschläge und nur wenige Lichtblicke erleben durfte. Die Aktivitäten des Gewerbeforums selbst waren nur von mäßigem Erfolg gekennzeichnet. Sei es die geplante Hütte auf dem Böblinger Weihnachtsmarkt, die man mangels Unterstützung zweier Schulen canceln musste. Oder zwei Podiumsdiskussionen auf den Businesswochen, die nicht die erhoffte Resonanz brachten.

"Auch die vom Gewerbeforum angestoßene Schlossbergoffensive hat bis jetzt noch nicht den gewünschten Effekt gebracht", sagt Hesselmaier. Die Stadtverwaltung wolle erst Mitte 2018 Ergebnisse präsentieren - "viel zu spät", wie er findet. "Wenn es dann überhaupt noch Einzelhandel rund um den Schlossberg gibt", sagt Hesselmaier nicht ohne Zynismus.

In den vergangenen Monaten haben vier Innenstadt-Läden dichtgemacht

Er zählt noch einmal auf, welche Inhabergeschäfte in der Innenstadt ihre Ladentüren für immer schließen: Am Schlossbergring sind dies das Fotostudio Gläser, Modellbau Köngeter (die KRZ berichtete) sowie Binder Optik in der Stadtgrabenstraße. Letztere ist aber nur umgezogen und hat am Mittwoch in den Räumen der Kreissparkasse in der Bahnhofstraße neu eröffnet (Bericht folgt). Hinzu kommen die Bäckerei Donauer, die zum 31. Dezember des vergangenen Jahres den Rollladen für immer heruntergelassen hat, und der Getränkefachhandel Lierenfeld in der Liststraße. Bis auf Binder fehlten entweder die Nachfolger. Oder die Perspektive.

Auch die Zahl der Mitglieder im GWF ist rückläufig: 141 zählt Kassenführerin Jutta Schulz aktuell, nach 156 im Vorjahr. Der Blick nach vorn fällt ebensowenig optimistisch aus, brechen doch auf Betreiben der Gewerkschaft Verdi zwei von drei verkaufsoffenen Sonntagen weg. "Nur noch den Termin zum Böblinger Stadtfest können wir durchführen, alle anderen werden nicht genehmigt", sagt Hesselmaier zerknirscht. Der Grund sind neue Auflagen, die verkaufsoffenen Sonntage nur noch im Rahmen von großen Traditionsveranstaltungen erlauben. Eine Regel, die wohl auch dem von Hesselmaier ins Leben gerufenen Gewerbefest "Hulb Open" das Genick bricht. Hesselmaier: "Die Hulb Open fällt aus, vielleicht auch für immer." Den Martinitag dürfte das gleiche Schicksal ereilen.

Ein Lichtblick ist das 25. Jubiläum des GWF, das Hesselmaier in der ersten Juliwoche im Mercure-Hotel feiern will. Es wird einer seiner letzten großen Auftritte sein, bevor er im kommenden Jahr den Stab weitergibt. "Ich werde im Dezember 65 und werde nicht wieder als Vorstand zur Wahl stehen", sagt er.

Die aus Wien stammende Werberin Berit Erlbacher hat seit Jahresbeginn kommissarisch die Schriftführung des GWF übernommen, nachdem der Böblinger Patentanwalt Elmar Meyer zu Bexten das Amt zum Jahresende überraschend niedergelegt hatte. Erlbacher wurde von den Mitgliedern einstimmig zur Nachfolgerin gewählt. Sie sieht in dem Jubiläumsjahr "die Chance für eine Neuausrichtung", will in Arbeitsgruppen Ideen entwickeln. Eine davon ist die Öffnung des monatlichen Stammtischs für neue Mitglieder. Das GWF will die Zusammenkunft stärker unter das Motto des Netzwerkens stellen, weswegen ein neuer, attraktiverer Name gefunden werden soll.

Als der offizielle Teil beendet ist, ergreift Leder-Maurer-Inhaber Ralf Maurer das Wort und beklagt die zunehmend schlechte Erreichbarkeit der Innenstadt mit dem Auto. Vor allem an der Beschilderung der neuen Thermalbad-Kreuzung lässt Maurer kein gutes Haar. Hier fehlte zu Beginn der Hinweis auf die Innenstadt komplett. Auswärtige Autofahrer, die nach Böblingen wollten, wurden per Schild in die Friedrich-Gerstlacher-Straße geschickt und waren aber spätestens an der Kreuzung mit der Leibnizstraße aufgeschmissen - hier war auf einmal kein Hinweis mehr auf Böblingen zu finden.

Nach zähem Ringen erringen Händler einen kleinen Erfolg

Maurer: "Mich beschleicht das Gefühl, dass man den Verkehr systematisch aus der Stadt heraushalten will." An seinem Stammhaus in der Sindelfinger Straße hat er die neue Verkehrsführung deutlich zu spüren bekommen. "Ich habe ein Einzugsgebiet von 40 bis 50 Kilometer, aber vielen Kunden ist die Fahrerei in Böblingen einfach zu umständlich, die kaufen dann lieber woanders", sagt er.

Auch Optiker Peter Karnahl schäumt über die Beschilderung am Thermalbad: "Ich habe Wochen gebraucht, um überhaupt nur herauszufinden, wer für die Schilder zuständig ist", sagt der Ladenbesitzer. Auch die Initiative einiger Böblinger Unternehmer bei der Stadt habe nur sehr schleppend Ergebnisse gebracht. "Letztendlich sind neue Schilder angebracht worden - immerhin", sagt Karnahl.

Eine deutliche Linderung der schwierigen Situation in der Innenstadt bringt aber auch das nicht. Hier müsste noch deutlich mehr passieren, sind sich die Unternehmer einig.

► Kommentar: Zeit, dass sich was dreht

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