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Zu Gast beim Wegbereiter der Moderne

Der Förderkreis Kunst Schönaich hat das Adolf-Hölzel-Haus in Stuttgart-Degerloch besucht

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Artikel vom 12. Juli 2016 - 17:42

Von Dieter Woiwode

SCHÖNAICH/STUTTGART. Adolf Hölzel war mit seiner Farbenkontrastlehre ein Wegbereiter der modernen Kunst. Wer aber kennt heute das Hölzel-Haus in Degerloch, in dem der Künstler bis zu seinem Tod wohnte und wo der Nachlass von einer Stiftung verwaltet wird? Der Förderkreis Kunst Schönaich wollte sich mit diesem wegweisenden Maler näher befassen und stattete Stuttgart einen Besuch ab, erneut kundig geführt von der Kunsthistorikerin Mirja Kinzler.

"Hölzel und seine Zeit" war ihr Thema, mit dem sie die Schönaicher zunächst im Kunstmuseum, dem Glaskubus am Stuttgarter Schlossplatz, empfing. Kaum ein Gegensatz könnte größer sein als zwischen den beiden in der gleichen Epoche malenden Otto Dix und Adolf Hölzel. "Was ist die richtige Kunst, war damals die Frage", sagt Mirja Kinzler vor dem "Großstadt"-Triptychon von Otto Dix aus den Jahren 1927/28. Schon "anti-akademisch", aber doch noch gegenständlich. Noch Figuration anstatt Abstraktion wie bei Hölzel. Das Neue ist die Übertreibung der Farbe, schrill und mit Symbolkraft für die sozialkritische Aussage. Anders als bei Hölzel, wie man später sehen wird. Dort werden Figuren nicht gemalt, sie entstehen aus der Abstraktion, erklärte die Kunsthistorikerin den Schönaichern.

Einem, der bei Hölzel in die Lehre gegangen, später mit ihm kollegial befreundet und einer der bedeutendsten Verfechter der abstrakten Malerei war, begegnet man im Kunstmuseum in einer Sonderschau: "Auf Papier - Arbeiten von Willi Baumeister". Etwa 70 Siebdrucke, Lithografien, Radierungen, Zeichnungen, Skizzen sowie Entwürfe für Bühnenbilder sind da zu sehen.

Nach der Mittagspause auf der Terrasse vor dem Museum ging es mit der Stadtbahn in die Höhe und zur Ahornstraße 22, der Villa, in die Adolf Hölzel im Jahr 1919 zog, nachdem er den Anfeindungen seiner professoralen Kollegen überdrüssig geworden war. 1905 war er als Leiter der Kompositionsschule an die damals Königliche Akademie der bildenden Künste gekommen und 1916 ihr Direktor geworden. Zu seinen Schülern gehörten später so bedeutende Maler wie Max Ackermann, Willi Baumeister, Johannes Itten, Oskar Schlemmer, aber auch Ida Kerkovius. Das war damals etwas Besonderes, denn eine akademische Ausbildung für Frauen gab es noch nicht. Hölzel hatte jedoch eine eigene "Damen-Malklasse" ins Leben gerufen. Ihnen waren die Schönaicher Kunstfreunde vor einem Jahr schon in der Ausstellung "Die Klasse der Damen" in der Städtischen Galerie Böblingen begegnet.

Hölzel-Haus steht nicht weit vom Fernsehturm entfernt

Im Hölzel-Haus empfing Stephanie Habel, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftung, die Kunstreisenden aus Schönaich mit Erklärungen zum Leben Hölzels und den früheren Bewohnern der Villa. Das Geld zum Hauskauf hatte Hölzel vom Inhaber der Pelikan-Werke in Hannover bekommen. Der hatte 1918 die erste große Ausstellung Hölzels in der Kestner-Gesellschaft en bloc gekauft. Hier im Hölzel-Haus sind frühe Landschaftsbilder aus der Dachauer Zeit zu sehen. Auch ein Auftragswerk von König Wilhelm II. von Württemberg ist dabei, eine Ansicht von Bebenhausen. Das erste ungegenständliche Bild, die "Komposition in Rot I", stammt aus dem Jahr 1905. Mirja Kinzler kann in Abbildungen zeigen - das Original hängt im Sprengel-Museum in Hannover -, wie hier verschieden geformte Flächen mit gleicher Farbe in unterschiedlichen Abstufungen zu einer Bildkomposition geworden sind - Harmonie von Farbe und Form. Ein Pastell um 1925 "Komposition, strukturiert" lässt sich im Original bewundern. Ausgehend von der Farbenlehre Goethes ist Hölzel mit seiner Harmonielehre der Farbe zu einem der bedeutendsten Wegbereiter der abstrakten Malerei geworden.

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