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"Gang vors Gericht ist absolute Ausnahme"

Interview mit Annette Kick und Svenja Hardecker von der Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Landeskirche

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    Der Eingang zur Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Landeskirche in Stuttgart: "Wir sehen unsere Aufgabe in vielen Fällen auch als Service für die Gesellschaft", beschreibt die Weltanschauungsbeauftragte Svenja Hardecker einen Teil ihres Tätigkeitsfeldes Foto: dih

Noch immer sind zahlreiche Fragen zu den im Sommer aufgekommenen Konflikten rund um die Böblinger Eduard-Mörike- Schule (EMS) offen. Daraus entstanden ist unter anderem eine Auseinandersetzung, die das Verwaltungsgericht Stuttgart beschäftigt.

VON DIRK HAMANN

Artikel vom 19. Januar 2015 - 04:33

BÖBLINGEN. Sowohl Jutta Dierks, die in Böblingen eine Psychologische Lehr- und Beratungsstelle betreibt, als auch Katrin Rombold, ehemalige Rektorin der EMS, hatten gegen die Evangelische Landeskirche auf Unterlassung ehrverletzender Äußerung geklagt. In einer von der Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Landeskirche ausgegebenen Stellungnahme stand unter anderem, dass Dierks bis heute die "Ideologien der Zürcher Schule vertrete", um sie herum "eine Psychogruppe spezieller Prägung" bestehe, deren "Meisterin" sie sei. Bezeichnungen und Bewertungen, die vom Gericht bis zu einem rechtskräftigen Abschluss eines möglicherweise folgenden Hauptsacheverfahrens untersagt worden sind - es sah im Rahmen des Eilverfahrens keine hinreichenden aktuellen Belege dafür. Die Landeskirche hat angekündigt, Beschwerde gegen diesen Beschluss einzulegen.

Die KRZ hat sich mit den Weltanschauungsbeauftragten zum Interview getroffen und sich über deren Aufgabengebiete und Rollen, die sie ausfüllen, sowie über Hintergründe ihrer Arbeit unterhalten.

Die Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen ist seit diesem Sommer und den Vorfällen rund um die Böblinger Eduard-Mörike-Schule immer wieder Gegenstand öffentlicher Beiträge. Was genau ist die Aufgabe dieser Stelle?

Svenja Hardecker: Sie ist eine Einrichtung der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, wie es sie auch in vielen anderen Landeskirchen Deutschlands oder katholischen Bistümern gibt. Es gibt drei Schwerpunkte unserer Arbeit: Sie besteht einmal aus Recherchearbeit über religiöse und weltanschauliche Bewegungen und Gruppen aller Art. Dazu gehören oft auch Besuche bei und Dialoge mit diesen Gruppen. Zu diesen Themen informieren und beraten wir, begleiten Menschen mit entsprechenden Konflikten oder Verletzungen seelsorgerlich. Unser drittes Arbeitsfeld liegt in der Bildungsarbeit mit Vorträgen oder Artikeln. Meist arbeiten wir reagierend. Wir suchen uns die Themen nicht aus, sondern befassen uns mit dem, was an uns herangetragen wird an Fragen und Konflikten.

 

Warum befasst sich eine kirchliche Stelle mit solchen Dingen?

Annette Kick: Ursprünglich ging es bei der damals so genannten "Apologetik" hauptsächlich darum, das eigene Glaubensverständnis in Auseinandersetzung mit anderen weltanschaulichen Strömungen zu profilieren und besser zur Geltung zu bringen - so wie in den 1920er Jahren die Auseinandersetzung mit dem Materialismus oder der völkisch-religiösen Bewegung. Das ist bis heute eine Ausrichtung unserer Arbeit, die innere kirchliche Auseinandersetzung mit dem immer vielfältiger werdenden religiösen Markt. Da geht es einerseits darum, Defizite im eigenen Angebot zu sehen und Impulse aufzunehmen, andererseits auch um Abgrenzung gegen weltanschauliche Tendenzen und Angebote, die aus evangelischer Sicht problematisch sind. Dazu gehören auch praktische Anfragen, an wen ein Gemeindehaus vermietet werden kann, ob Kooperationen mit dieser oder jener Gruppe möglich sind oder nicht. Kirchliche Weltanschauungsstellen haben zu diesem Themenbereich sehr viel Recherchematerial angesammelt, das heute auch von außen angefordert wird.

Svenja Hardecker: Daraus ist eine zweite Blickrichtung unserer Arbeit entstanden. Wir sehen unsere Aufgabe deshalb in vielen Fällen auch als Service für die Gesellschaft. Dabei geht es nicht darum, den eigenen Glauben zu verteidigen oder zu verbreiten. Bei Anfragen von außerhalb der Kirche geht es darum, über uns bekannte Chancen und Risiken zu informieren, über positive und negative Erfahrungen, die wir gesammelt haben, oder über den Forschungsstand zu einem Thema. Da kommt es übrigens sehr oft vor, dass wir Anrufer eher beruhigen können, wenn sie aufgeregt mit einem "Sekten"-Verdacht bei uns anrufen.

Annette Kick: Zu diesen Anfragen, die von außen kommen, ist mir wichtig: Jeder, der bei uns nachfragt, weiß, dass wir Kirche sind. Das verschweigen wir nicht. Dennoch soll bei solchen Anfragen unsere eigene religiöse Überzeugung nicht im Vordergrund stehen, sondern andere Fragen, wie die Konfliktträchtigkeit oder Transparenz eines Angebots. Wir wären übrigens sehr froh, wenn es mehr nichtkirchliche Stellen und Experten gäbe, die in solchen Fällen angefragt werden könnten.

 

Im Fall EMS haben Sie mit einer kurzen Stellungnahme über die Psychologische Lehr- und Beratungsstelle Jutta Dierks informiert. Ein Papier, das nun Gegenstand einer gerichtlichen Auseinandersetzung geworden ist.

Annette Kick: Das Papier ist eigentlich erst am Ende einer langen Geschichte verfasst worden. Erst haben uns Lehrer ab Herbst 2013, dann viel später auch Eltern nach dem Hintergrund der schon länger andauernden Konflikte an der Schule gefragt. Sie konnten die von der damaligen Rektorin praktizierte Pädagogik immer weniger nachvollziehen. Sie wurde nach ihren Aussagen nicht transparent gemacht, nicht kommuniziert. Als sie zufällig beobachteten, dass die Rektorin häufig die besagte Beratungsstelle aufsuchte, fragten sie bei uns nach, ob wir etwas darüber wissen. Es kann also keine Rede davon sein, wir als Kirche hätten diesen Konflikt verursacht oder geschürt. Wenn man rechtzeitig die Konflikte und Irritationen über pädagogische Maßnahmen und so weiter an der Schule und mit den zuständigen Behörden hätte besprechen und klären können, wären wir gar nicht angefragt worden; keiner hätte Anlass gehabt, nach den Hintergründen zu fragen.

Svenja Hardecker: Wichtig ist uns, zu betonen, dass der Hintergrund - die Verbindung zu Jutta Dierks - selbst gar keinen Grund darstellt, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen. Auch Lehrer und Lehrerinnen dürfen selbstverständlich hingehen, wohin sie wollen, dürfen glauben, was sie wollen. Erst wenn beispielsweise unübliche, unklare pädagogische Maßnahmen und Konzepte daraus hervorgehen, wird es schwierig; oder, um ein ganz anderes, durchaus auch akutes Beispiel zu nennen: wenn jemand als Lehrerin oder Lehrer an der eigenen Schule für radikale fundamentalistische Glaubensformen wirbt.

Annette Kick: Nicht einmal die Zugehörigkeit zu Scientology ist für Lehrer verboten. Es kommt immer darauf an, wie gut jemand die Lebensbereiche trennen kann. Die Zughörigkeit kann mehr oder weniger bestimmend sein. Es hängt immer auch davon ab, wie eng sich jemand an das Konzept gebunden fühlt und wie energisch und unflexibel jemand diese Inhalte umsetzt.

 

Sie sind mit Jutta Dierks, wie mit anderen Gruppen, in einen Dialog getreten?

Annette Kick: Nein, es gab ja dafür kein Gegenüber. Unser Kollege Hansjörg Hemminger, der vor einem Jahr in den Ruhestand gegangen ist, hatte seit mehr als 25 Jahren mit Beratungsfällen rund um die Gruppe um Jutta Dierks zu tun. Die Gruppe blieb immer völlig verborgen und intransparent, über Inhalte haben wir nur aus Beratungsfällen erfahren, teilweise auch in ausführlichen Mitschrieben von den Sitzungen dort. So gab es vor mehr als zehn Jahren einen Fall, bei dem sich eine junge Studentin das Leben genommen hatte, weil sie sich in einem für sie unlösbaren Konflikt zwischen ihrer religiösen Tradition und der Haltung von Jutta Dierks, die Religion als ein Grundübel verurteilte, befand. Beraten wurden auch Zugehörige der Gruppe, die die Gruppe verlassen wollten und Menschen, deren Kinder oder Geschwister sich durch die Zugehörigkeit zur Gruppe stark veränderten. So machte eine junge Frau den Fortbestand ihrer Beziehung davon abhängig, dass sich ihr Partner dem Kreis um Dierks anschloss. Die Partnerschaft scheiterte daran. Eltern wurden regelmäßig mit dem Vorwurf konfrontiert, sie hätten alle Probleme ihrer Kinder verursacht. Damals hat Dierks die Lehre der Zürcher Schule von Friedrich Liebling, die wir als kritisch ansehen, eindeutig angewandt. Das Verwaltungsgericht hat gesagt, diese Fälle lägen zu lange zurück, um auf ihre aktuelle Beratungspraxis zu schließen.

 

Sie haben das Staatliche Schulamt Böblingen über die Ihnen vorliegenden Erkenntnisse informiert?

Annette Kick: Nein, direkt nicht. Wir haben den Beauftragten für so genannte Sekten und Psychogruppen beim Kultusministerium informiert und alle Ratsuchenden aufgefordert, sich an die Behörden zu wenden. Die Betroffenen wollten immer, dass wir etwas tun. Wir haben aber immer wieder erklärt, dass wir als kirchliche Stelle keinen Auftrag haben, im öffentlichen Raum zu agieren.

 

Gleichwohl haben Sie sich im Mai an die Stadt Böblingen gewandt?

Annette Kick: Betroffene hatten uns geklagt, dass die Zustände immer bedenklicher würden; dass durch den ungeklärten Umgang mit Gewalt diese immer mehr zunehme. Wir wussten, dass die Schulbehörden von den Vorfällen an der EMS wussten, wussten aber nicht, ob der Schulträger auch davon weiß. Mir war zwar klar, dass die Stadt nicht direkt zuständig ist und ich sowieso nicht. Aber mein Gewissen hat mir keine Ruhe gelassen. Was wäre, wenn etwas Schlimmes passieren würde? Deshalb habe ich einfach eine ganz persönlich gehaltene Mail an die Stadt geschrieben; nur ganz allgemein, dass ich von Konflikten wisse, die vermutlich einen weltanschaulichen Hintergrund haben, und dass ich bei Bedarf gerne ansprechbar bin.

 

Die Stadt hat dies an Angela Huber, Leiterin des Staatlichen Schulamts, weitergeleitet - hat sich von dieser Behörde jemand bei Ihnen gemeldet?

Annette Kick: Nein, vom Staatlichen Schulamt hat sich bei mir niemand gemeldet.

 

Das Kultusministerium empfiehlt Ihre Stelle, um sich Rat und Informationen einzuholen. Wie funktioniert denn das Zusammenspiel mit dem Leiter der Interministeriellen Arbeitsgruppe sogenannte Sekten & Psychogruppen beim Kultusministerium Baden-Württemberg?

Annette Kick: Es gab früher sogenannte Vernetzungsgespräche mit dem Zuständigen im Kultusministerium, mit städtischen Beratungsstellen, Jugendamt, der Aktion Bildungsinformation e.V., Betroffenenverbänden und den kirchlichen Beratungsstellen, wo man sich darüber ausgetauscht hat, was gerade so läuft. Leider gibt es so etwas derzeit nicht. Ich würde es für dringend halten, dass solche Gespräche wieder in Gang kommen. Aber in Einzelfällen versucht man - zumindest war es in der Vergangenheit so -, einander zu informieren und sich gegenseitig zu beraten.

 

Wie oft passiert es Ihnen denn, dass Sie bei Angelegenheiten wie im Fall der Psychologischen Lehr- und Beratungsstelle Jutta Dierks Post von prominenten Anwaltskanzleien aus Berlin erhalten und eine gerichtliche Auseinandersetzung folgt?

Annette Kick: Das ist eine absolute Ausnahme. Natürlich sind Gruppen oft nicht einverstanden, wenn wir auch Kritisches sagen - dass Anwaltsschreiben bei uns eingehen, ist aber bestimmt nicht an der Tagesordnung. Ich selbst hatte bisher in 14 Jahren erst einmal einen Antrag auf Unterlassung, der aber gleich abgewiesen wurde. Hansjörg Hemminger hatte allerdings in 28 Jahren Tätigkeit 20 Gerichtsverfahren wegen Äußerungen, die meisten davon mit dem Verein zur Förderung Psychologischer Menschenkenntnis (VPM), der seinen Ursprung in der Zürcher Schule hatte. Fast alle Verfahren haben wir übrigens gewonnen.

 

Nun hat das Verwaltungsgericht in einem Eilverfahren beschlossen: Der Kreis um Jutta Dierks darf von Ihnen weiter als konfliktträchtig, aber nicht als Psychogruppe bezeichnet werden. Wie definieren Sie "konfliktträchtig", was ist für Sie eine "Psychogruppe"?

Svenja Hardecker: "Konfliktträchtig" bedeutet das, was der Name sagt: wenn im persönlichen, beruflichen oder gesellschaftlichen Umfeld eines Angebots oder einer Gruppe erfahrungsgemäß häufiger Konflikte entstehen; meist, weil von den gesellschaftlich anerkannten Normen und Werten abgewichen wird.

Annette Kick: Für den Begriff "Psychogruppe" gibt es keine klare Definition; die Einschätzung als eine solche ist ja keine Tatsachen-, sondern eine Meinungsäußerung. Aber es gibt bestimmte Kennzeichen: Im Gegensatz zu Menschen, die für eine bestimmte Zeit und für ein bestimmtes Problem psychologische oder therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen, wird für das Mitglied einer Psychogruppe ein bestimmtes Verständnis oder eine Methode von Psychologie oder Pseudopsychologie zu einer umfassenden Lebensorientierung, die man mit Gleichgesinnten teilt und die alle Lebensbereiche dauerhaft bestimmt. Die "Therapie" ist nicht nur eine zeitweilige Heilmethode unter vielen möglichen Lebenshilfen, sondern sie wird zum Befreiungsweg, der für alle Probleme und für alle Menschen als richtig angesehen wird.

 

Könnten Sie noch eine Information fachlicher Natur geben? Jutta Dierks betreibt in Böblingen eine Psychologische Lehr- und Beratungsstelle - welche fachliche Ausbildung ist eigentlich erforderlich, um so eine Stelle betreiben zu können?

Svenja Hardecker: Das ist rechtlich nicht gut geregelt. Wenn jemand Beratung oder Lebenshilfe anbietet, diese Dienstleistung aber nicht mit dem Begriff "psychologische Psychotherapie" verbindet und nicht verspricht, heilen zu können, dann braucht diese Person keine Ausbildung nachweisen. Für solche Angebote ist übrigens die Gewerbeaufsicht zuständig. Betreiber solcher Angebote sind deshalb auch nicht dazu verpflichtet, ihre Arbeitsmethoden offen zu legen. Auf diese empfindliche Lücke im Verbraucherschutz hat schon die Enquete-Kommission "Sogenannte Sekten und Psychogruppen" des Deutschen Bundestags, bei der übrigens auch Hansjörg Hemminger mitgearbeitet hat, in ihrem Abschlussbericht 1998 hingewiesen, doch geschlossen wurde sie bisher nicht.

 

Wie ist das dann mit der "Psychologischen Lehr- und Beratungsstelle" in Böblingen?

Annette Kick: Frau Dierks hat keine anerkannte fachliche Qualifikation als Psychologin. Das Einzige, was sie hat und auch offen darlegt, ist eine mehr als 30 Jahre zurückliegende Ausbildung bei Friedrich Liebling in Zürich. Dessen Lehre war aber keine anerkannte Fachrichtung in der Psychologie, sondern galt als eine Ideologiebewegung.

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