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"Es wird nichts unter den Teppich gekehrt"

Interview mit Dr. Jörg Schmidt, Ministerialdirektor im Kultusministerium, über die aktuellen Vorfälle an Schulen im Landkreis Böblingen und deren Aufarbeitung

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    Dr. Jörg Schmidt: "Aufgaben müssen vor Ort angegangen und gelöst werden" Foto: red
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    Einige Schulen im Landkreis Böblingen stehen nach wie vor im Fokus: Das Kultusministerium rät zur Wachsamkeit Foto: Archiv

Wochenlang haben Unruhen an der Böblinger Eduard-Mörike-Schule (EMS) und an der Steinenbronner Grund- und Werkrealschule für Gesprächsstoff gesorgt. Seit Ferienende ist nach außen hin Ruhe eingekehrt. Die Aufarbeitung der Vorfälle findet aktuell hinter den Kulissen statt.

VON DIRK HAMANN

Artikel vom 14. Oktober 2014 - 04:33

KREIS BÖBLINGEN. An der EMS wurde die ehemalige Schulleiterin über Wochen hinweg mit heftigen Vorwürfen aus der Elternschaft konfrontiert. Schließlich zog das Kultusministerium die Reißleine und reagierte mit einem drastischen Eingriff: Um den Schulfrieden zu wahren, ging die EMS mit einem neuen kommissarischen Rektor ins neue Schuljahr.

An der Steinenbronner Schule kochte die Stimmung aufgrund ähnlich gelagerter Vorfälle wie an der EMS ebenfalls hoch. Doch hier reagierte das Regierungspräsidium (RP) schneller. Claudia Rugart, Abteilungsleiterin Schule im RP, initiierte ein Gespräch aller Beteiligten am Runden Tisch, wo man sich auf einen moderierten Prozess einigte, der zur Beruhigung beitragen und das gegenseitige Vertrauen wieder herstellen soll. Inzwischen hat ein erstes moderiertes Gespräch stattgefunden. Der geschlossene Burgfrieden, der beinhaltet, die Vorfälle an der Schule intern klären zu wollen, besteht noch.

Auch kam der Vorwurf auf, dass beide oben genannten und weitere Schulen unter dem Einfluss der Psychologischen Beratungsstelle Jutta Dierks stünden, die von der Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen der evangelischen Landeskirche als "konfliktträchtig" eingestuft worden ist.

Ein komplexes Thema, dass staatliche Stellen, Politik und zahlreiche Eltern nach wie vor sehr beschäftigt. Die KREISZEITUNG hat sich darüber mit Dr. Jörg Schmidt, Ministerialdirektor im Kultusministerium, unterhalten.

 

Herr Schmidt, das Kultusministerium und das Regierungspräsidium haben aktuell mehr mit Schulen im Landkreis Böblingen zu tun, als Sie sich vor den Sommerferien haben vorstellen können, oder?

Leider lassen sich solche Ereignisse wie aktuell an Schulen im Landkreis Böblingen schlecht vorhersehen. Aber letztlich haben wir die Entscheidung getroffen, die Schulleitung an der Böblinger Eduard-Mörike-Schule neu zu besetzen und Rektorin Katrin Rombold eine neue Aufgabe zu geben. Damit haben wir es noch rechtzeitig zum Schuljahresbeginn geschafft, dort den Schulfrieden wieder herzustellen.

 

Sie haben die Schulleiterin rausgenommen? In der Presseerklärung stand, dass die Entscheidung einvernehmlich getroffen worden ist?

Wir haben die Entscheidung getroffen und mit Frau Rombold im Einvernehmen so abgesprochen.

Was lief denn aus Ihrer Sicht an der Eduard-Mörike-Schule (EMS) so aus dem Ruder, dass der Schulfrieden nicht mehr zu gewährleisten war?

Das große Thema ist, dass die Kommunikation zwischen Schulleitung und Eltern nicht so funktioniert hat, wie ich mir das an unseren Schulen vorstelle. Ich habe die Erwartung an alle Instanzen, dass aufkommende Unsicherheiten mit den Eltern beredet werden. So wurden die Unsicherheiten der Eltern an der Eduard-Mörike-Schule immer größer.

 

Im Zuge der Neubesetzung der Rektorenstelle an der EMS haben die Konrektorin und drei weitere Lehrkräfte Versetzungsanträge gestellt und sind seit dem neuen Schuljahr an anderen Schulen tätig. Dort wiederum sind Eltern nun in Sorge, die Probleme, die an der EMS aufgetreten sind, könnten dadurch an die Schule verlagert werden, die von ihren Kindern besucht wird. Können Sie diese Sorgen nachvollziehen?

Ich kann die Unsicherheit nachvollziehen. Aber wir bauen darauf, dass diese Lehrkräfte von den Rektoren an ihren neuen Schulen ins vorhandene Schulleben gut eingebunden werden und dass den Eltern diese Unsicherheit dadurch genommen wird - was hoffentlich auch gelingt. Es darf keinen Generalverdacht gegen alle geben, jeder hat eine Chance verdient.

 

Zur Grund- und Werkrealschule Steinenbronn, von der ähnliche Probleme vermeldet wurden, wie sie zuvor an der EMS laut geworden sind: Dort hat Claudia Rugart, Abteilungsleiterin Schule im Regierungspräsidium Stuttgart, unlängst einen Runden Tisch aller am Schulleben Beteiligter initiiert, um eine Basis zur Klärung der Problematik zu finden. Nun haben moderierte Gespräche begonnen, um Schulleitung und Elternvertreter wieder zusammenkommen zu lassen. Wie sehen Sie dabei die Chancen auf nachhaltigen Erfolg?

Ich sehe gute Chancen auf Erfolg, das große Thema lautet auch hier Kommunikation. In moderierten Gesprächen mit einer neutralen Person werden verschiedene Dinge zur Sprache gebracht - und das zukunftsorientiert, damit man offen miteinander umgeht.

 

Elternvertreter aus Steinenbronn befürchten aus eigenen Erfahrungen aus der Vergangenheit und solchen, die ihnen von Seiten von Elternvertretern der EMS zu Ohren gekommen sind, dass Ihre Sorgen und Anliegen nun erneut unter den Teppich gekehrt werden könnten. Wie begegnen Sie solchen Befürchtungen?

Ich teile diese Befürchtungen nicht, sonst würden wir keine Moderation machen. Es wird nichts unter den Teppich gekehrt. Es gilt, offen und auf Augenhöhe miteinander zu reden, Sorgen und Ängste zu erörtern und auszuräumen. Voraussetzung dafür ist, dass beide Seiten nach vorne schauen, um einen gemeinsamen Weg zu finden. Wenn sich nichts ändert, dann muss man nachfassen - auf beiden Seiten. Es ist richtig, dass Elternbeiräte die Anliegen der Eltern klar positionieren. Aber ich habe auch die große Bitte, dass die Eltern diesem moderierten Prozess eine Chance geben.

 

Bilanziert wird schließlich gegen Schuljahresende?

Ja - aber nicht nur. Wir werden diesen Prozess nicht im Sande verlaufen lassen, sondern ihn aufmerksam verfolgen. Es liegt im Interesse aller, dass das gegenseitige Vertrauen an dieser Schule wieder hergestellt wird.

 

Wie bis vor kurzem an der EMS lässt sich auch die Schulleitung in Steinenbronn bei der Psychologischen Lehr- und Beratungsstelle Jutta Dierks beraten. Dem Vernehmen nach suchen auch zahlreiche weitere Lehrkräfte seit vielen Jahren diese Beratungsstelle regelmäßig auf. Ist Ihnen bekannt, in welcher Form Lehrkräfte dort Hilfestellung erhalten?

Konkret wissen wir das nicht, und das geht uns auch nichts an, denn auch Lehrkräfte haben eine Privatsphäre und Grundrechte - solange sie nicht Eltern oder Schüler indoktrinieren. Nachforschen dürfen wir ohne rechtlich fundierte Grundlage auch nicht. Vom Grundsatz her gilt die Wahrung der Privatsphäre.

 

Die Psychologische Lehr- und Beratungsstelle Jutta Dierks wird unter anderem von der Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen als "konfliktträchtig" eingestuft. Im Raum steht, dass von dort aus direkt Einfluss auf an Schulen praktizierte Pädagogik genommen werden könnte. Wird diesem Vorwurf untersuchend nachgegangen?

Auch diesem Vorwurf gehen wir nach. Hier sind wir dran und führen Gespräche. Ein abschließendes Urteil können wir uns dazu aber noch nicht erlauben.

 

Und die Berücksichtigung der Gruppe Dierks im 9. Bericht der "Interministeriellen Arbeitsgruppe für Fragen sogenannter Sekten und Psychogruppen"?

Auch dazu führen wir Gespräche. Allerdings enthält dieser 2013 veröffentlichte umfangreiche Bericht Angaben sehr vieler verschieden gelagerter Bereiche.

 

Der KRZ sind einige andere Schulen im Kreis und in der Region bekannt, an denen es aufgrund oben beschriebener Thematik ebenfalls rumort, wenn auch noch lange nicht in dem Ausmaß wie an der EMS oder in Steinenbronn. Wie gehen Sie künftig mit der Thematik um? Welche Lehren ziehen Sie aus den jüngsten Vorfällen?

Wir müssen künftig noch wachsamer sein und aufpassen, dass solche Situationen wie an der EMS oder in Steinenbronn nicht auch an anderen Schulen entstehen. Solche Vorgänge wirken mitunter ansteckend. Sollte es neue Vorfälle geben, dann muss man im Einzelfall genau hinschauen - aber ich warne auch sehr vor voreiligen Verdächtigungen, die den Schulalltag belasten würden. Eltern können und sollen sich mit Befürchtungen an die Schulleitungen - und wenn das nicht geht - an die lokalen Schulverwaltungen wenden. Das sind Aufgaben, die vor Ort angegangen und gelöst werden müssen.

 

Das Krisenmanagement im Staatlichen Schulamt Böblingen hat demnach in jüngster Zeit nicht funktioniert?

Vielleicht wäre eine andere Kommunikation besser gewesen. Wir sind nun nach den Geschehnissen der beiden Schulen aus dem Landkreis Böblingen im ganzen Land dabei, Schulämter und Regierungspräsidien dafür zu sensibilisieren, wie man mit solchen Vorgängen professioneller umgeht. Probleme dieser Art können schließlich nicht nur im Landkreis Böblingen, sondern überall entstehen. Wichtig ist, frühzeitig zu reagieren, bevor sich die Sache hochschaukelt.

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