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"Das Vertrauensverhältnis ist zerstört"

Interview mit Vertretern der Elternschaft der Böblinger Eduard-Mörike-Schule zu den Problemen, die sie an der Bildungseinrichtung ausgemacht haben

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    Besorgte Eltern der Böblinger Eduard-Mörike-Schule haben einen gemeinsamen Wunsch: Ihre Kinder sollen nach den Ferien wieder unbeschwert zur Schule gehen dürfen Foto: Archiv

Die vierte Sommerferienwoche ist angebrochen. Und noch immer sind Eltern, deren Kinder die Böblinger Eduard-Mörike- Schule (EMS) besuchen, von Sorgen und Ängsten geplagt. Nun haben sich 35 von ihnen getroffen. Um sich auszutauschen. Um ihr Vorgehen abzustimmen. Um sich gegenseitig Mut zuzusprechen.

Artikel vom 29. August 2014

BÖBLINGEN. Die Stimmung im Saal, in dem sich Eltern der EMS zusammenfinden, passt zum schummrigen Licht, dass die auf Sparflamme gedimmte Beleuchtung ausstrahlt. Der Elternabend, zu dem sich Erziehungsberechtigte von Kindern aller Klassenstufen der EMS mitten in den Sommerferien eilig organisiert haben, soll dazu dienen, trotz Urlaubszeit ein wichtiges Forum der Kommunikation zu bilden, eine organisiertere Struktur zu schaffen. Eigentlich, sagen sie, haben sie sich die Sommerferien anders vorgestellt, als permanent Zeit dafür aufzubringen, Gespräche zu führen, den E-Mail-Verkehr zu bedienen, zu recherchieren, Schriftstücke aufzusetzen und staatliche Stellen zu kontaktieren. Doch sie sehen sich zum Handeln gezwungen.

Ihre Gesprächsthemen kreisen um bereits bekannte, aber auch bislang eher kaum geäußerte Vorwürfe gegen die Schulleitung. Genauso um bereits bekannte, aber auch bislang unbekannte Vorfälle an der Schule, unter denen zuvorderst Kinder und auch Eltern zu leiden hätten. Darum, wie sich diese bündeln lassen, um Missstände an der EMS klar aufzeigen zu können. Sie sprechen von "Mauern", gegen die sie gerannt sind - bei vielen ihrer bisherigen Versuche, Gehör zu finden. Von Frusterlebnissen, die sie immer wieder zu verdauen hatten. Im Kreis sitzen Eltern, die über Gespräche mit der Schulleiterin klagen, bei denen sie auf Verständnis stießen, doch keinerlei Handeln erwirkten. Sie berichten von kurzfristig von der Schulleiterin abgeblasenen Gespräche an der EMS - oder Gesprächsanfragen, die erst gar nicht beantwortet worden sind. Sie erzählen von Kontaktaufnahmen mit dem Staatlichen Schulamt oder dem Regierungspräsidium und davon, dass diese jedes Mal zum gleichen Ergebnis geführt hätten: zu Versicherungen, dass ihre Anliegen ernst genommen würden, gepaart mit dem unguten Gefühl, dass genau dieses nicht passiert. Immer und immer wieder. Die Eltern tauschen sich über Ungereimtheiten aus, die sich bei ihnen aufgetürmt haben. Dinge, die ihnen aufgefallen sind und ihnen zunehmend sauer aufstoßen. Weil sie auf Antworten warten und keine erhalten.

Als eine lange Sitzung dem Ende zugeht, hat die KRZ in Interviewform nachgefragt und Stellungnahmen von Sprechern der Elternschaft erhalten, die beim Rest auf Zustimmung stießen. Ihren Namen wollen sie dazu nicht in der Presse lesen. Zu groß ist ihre Angst davor, Drohungen zu erhalten. Zu groß ist ihre Befürchtung, ihr Kind müsste deswegen nach den Ferien an der EMS dafür büßen.

Dazu hat die KRZ Fragen an die von der Schulleiterin beauftragte Berliner Anwaltskanzlei geschickt und um Antworten gebeten. Diese sind bei der KRZ bis zum gegenseitig vereinbarten Termin nicht eingegangen (siehe Hintergrund).

Wann haben Sie erstmals Kritik an der Schulleiterin an der EMS vernommen oder ausgesprochen?

"Vorneweg: Wir haben nichts losgetreten. Wir führen nur das fort, was eigentlich schon seit Amtsantritt der Schulleiterin im Herbst 2011 hätte bekannt sein sollen. Die Problematik sind nicht wir, sondern ist das, was an der Schule passiert. Ziemlich direkt nach ihrem Amtsantritt kamen Zeitungsartikel in Umlauf, in denen von Vorwürfen gegen die Schulleiterin aus der Eltern- und Lehrerschaft von ihrer vorherigen Stelle an der Filderschule berichtet wurde. Das kam uns komisch vor, denn laut Schulkonferenz wurde ihr ein gutes Zeugnis ausgestellt. Es gab Gerüchte und Diskussionen, doch wir sind schlussendlich übereingekommen, dass jeder Mensch eine zweite Chance verdient. Dann haben wir einiges mit ungutem Gefühl beobachtet. Eine sehr angesehene Lehrerin ist gegangen, dann war unsere Sekretärin - nach mehr als zwei Jahrzehnten an der Schule - plötzlich weg."

Ist so etwas nicht eine normale Entwicklung nach einem Schulleiterwechsel?

"Das haben wir zunächst auch vermutet. Immer mehr gestandene Lehrerinnen, die eigentlich tief mit der Schule verwurzelt waren, haben aber ihren Unmut geäußert, dann die EMS verlassen. Zu anfänglichen Gedanken, dass es sich hierbei um einen Generationswechsel handeln könnte, passte nicht, dass auch junge, engagierte Lehrerinnen offenkundig ein Problem mit der Rektorin hatten und sich versetzen ließen - eine ist sogar direkt zur Nachbarschule gegangen. Auf einmal gab es Elternabende, bei denen wir Eltern auf Fragen bezüglich Änderungen im Schulleben von Lehrern - wie früher üblich - nicht mehr aufgeklärt und mit ins Boot geholt wurden. Uns wurde lediglich erklärt, dass das, wonach wir gefragt haben, von der Schulleiterin so gewünscht sei. Dazu haben wir bei vielen Lehrern - auch nach Rückfragen - das Gefühl ausgemacht, dass diese einfach Angst hatten. Auch wenn bei Elternabenden das Thema Schulleiterin aufkam, haben diese dann lieber geschwiegen."

Wann gab es gegenüber der Schulleiterin erstmals offen ausgesprochene Kritik am Führungsstil?

"Ganz genau lässt sich das heute nicht mehr feststellen. Fakt ist aber, dass es im Schuljahr 2012/13 zum Rücktritt der damaligen Elternbeiratsvorsitzenden nach einem Zwist mit der Schulleiterin kam. Diese hat den anderen Elternbeiräten schließlich in einem langen Redebeitrag erklärt, warum die Elternbeiratsvorsitzende für sie nicht länger tragbar sei. Vor einem Jahr wurden Eltern darüber in Kenntnis gesetzt, dass die damaligen jahrgangsgemischten ersten/zweiten Klassen aufgelöst und zu einer Klasse zusammengefügt werden - ganz plötzlich, einen Tag vor den Ferien. Diese Art von Information hat nicht nur die betroffenen Eltern sehr irritiert. Im Zuge der Elterngespräche wurden andere Probleme über die Klassenstufen hinweg bekannt - Problematiken, die die ersten und zweiten Klassen betrafen, kannten die Elternvertreter der dritten und vierten Klassen bis dahin zum Beispiel gar nicht. Es wurde klar, dass verschiedene Eltern mit ernsten Anliegen Gespräche mit der Schulleiterin geführt hatten. Alle bestätigten, dass sich diese verständnisvoll gezeigt habe - sich um die besprochene Problematik jedoch im Nachgang niemand gekümmert hätte. Vielleicht waren wir alle zu lange zu blauäugig. Nun hat sich unter den Eltern der Leitsatz herausgebildet: ,Wenn Du zur Schulleiterin gehst, dann nie allein, sondern mit einem Zeugen.'"

Welchen Inhalt hatten diese Kritiken?

"Es ging immer wieder um die Zunahme von Gewalt an der Schule und darum, wie mit dieser umgegangen wird. Warum zum Beispiel das Rote Buch, ein Strafenkatalog für Vergehen, mit dem über viele Jahre gute Erfahrungen gemacht worden sind, keine Anwendung mehr findet. Es ging darum, dass sich bei uns Eltern der Eindruck verstärkte, von der Schulleitung bewusst ausgegrenzt zu werden, anders, als bei der früheren Rektorin Anneliese Hegenauer, wo Fragen, wenn es sein musste, auch schnell und verbindlich zwischen Tür und Angel geklärt worden sind. Viele Dinge, die es damals an der EMS gegeben hat, wurden stillschweigend abgeschafft. So gibt es keine ,EMSigen Eltern' mehr, die mit einbezogen werden, um in vielen Bereichen unterstützend zu helfen, auch die Schulzeitung ,EMSle', die früher viermal im Jahr erschien - und nach unserer Kenntnis sogar ein paar Euro in die Schulkasse brachte - wurde abgeschafft. Das Projekt ,Gewaltfrei Lernen' stieß von Seiten der Schulleiterin auf wenig Gegenliebe, sie wollte dafür ein in die selbe Richtung zielendes Nachfolgeprojekt anstoßen - was nicht erfolgt ist. Nun hat der Elternbeirat beschlossen, seine Bezuschussung für das nicht ganz günstige Projekt einzustellen, mit dem Hinweis, dass man sich das Geld sparen könnte, wenn daraus entwickelte Verhaltensregeln von Seiten der Schulleitung aus keine Beachtung finden.

Richtig aufgekocht ist die kritische Stimmung bei einem Elternabend der ersten und zweiten Klassen im Mai, als auch eine Mitarbeiterin des Staatlichen Schulamts zugegen war, als es um das Thema Auflösung der jahrgangsgemischten Klassen ging. Bei dieser Gelegenheit stellten anwesende Eltern auch Fragen zu anderen Punkten, zum Beispiel wollten sie wissen, warum es seit drei Jahren eine so hohe Lehrerfluktuation an der EMS gibt. Ihre Fragen wurden nicht beantwortet, unter anderem mit dem Hinweis, dass Personalfragen Angelegenheit der Schule seien. Andere angesprochene Punkte wurden mit dem Verweis abgebügelt, dass diese dem Datenschutz unterstünden. Erst nach diesem Abend hat die Elternschaft sich richtig auf die Hinterbeine gestellt - damals noch gar kein Thema war übrigens eine mögliche Verbindung der Schulleiterin zu einer Psychologischen Lehr- und Beratungsstelle. Es verwundert und verärgert uns Eltern sehr, dass unsere Ängste und Sorgen nun von allen Stellen, die wir hilfesuchend angeschrieben und aufgesucht haben, einzig auf das Informationsschreiben der Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen bezogen werden. Eine Einrichtung, die zudem zunächst noch nicht einmal von uns, sondern schon vor langer Zeit von Lehrern der EMS bemüht worden ist."

Die Ergebnisse einer Fremdevaluation sind auf der Homepage der EMS veröffentlicht worden. Wie bewerten Sie die in der Fremdevaluation zusammengetragenen Bewertungen?

"Die Ergebnisse der Evaluation dienen nicht als Argumentationsgrundlage, die aufgelaufenen Probleme kleinzureden. Erstens gab es bei der Online-Befragung der Eltern keinerlei Möglichkeit, Kritik an der Schulleitung zu äußern. Zweitens wurden die Erstklässler-Eltern gar nicht an der Online-Befragung beteiligt. Und drittens wurde der Bereich der Elternbeteiligung, im Zusammenhang mit den aktuellen Problemen der entscheidende Aspekt, gar nicht untersucht."

Oberbürgermeister Lützner und die Leiterin des Staatlichen Schulamts, Angela Huber, haben eine Mediation vorgeschlagen, um die Situation an der EMS wieder zu beruhigen. Wie stehen Sie zum Thema Mediation? Wie stellen Sie sich eine künftige Zusammenarbeit mit der Schulleitung und der Lehrerschaft vor?

"Wir haben im Gespräch beim Regierungspräsidium ganz klar geäußert, dass wir, nach allem was vorgefallen ist, für eine Mediation nicht mehr zu haben sind. Das Vertrauensverhältnis ist nicht ge-, sondern zerstört. Es gab von unserer Seite aus reichlich Gesprächsangebote, die zu nichts geführt haben. Wir haben der Schulleiterin nachweislich eine ehrliche zweite Chance gegeben, haben von unserer Seite aus alles getan, um eine gute Zusammenarbeit zu realisieren. Eine dritte Chance wollen wir ihr nicht geben. Was uns zum Thema Mediation zudem erstaunt, ist, dass eine solche schon einmal hätte durchgeführt werden sollen. Wir haben mitbekommen, dass hilfesuchende Lehrer diesem Vorschlag zugestimmt haben sollen. Mittels Mediation sollten Lehrer und Schulleiterin wieder zusammenfinden. Diese Mediation hat es aber nach unserem Wissensstand nie gegeben. Daraus schließen wir auch, dass staatlichen Stellen schon seit langem bekannt gewesen sein muss, dass es an der EMS Probleme gibt.

Für die EMS wünschen wir uns, dass Ruhe einkehrt, dass vieles von den guten Dingen, die dort ohne einen für uns ersichtlichen Grund eingerissen worden sind, wieder aufgebaut werden, dass Schulleitung, Lehrer und Elternschaft an einem Strang ziehen, um den Kindern eine unbeschwerte Grundschulzeit zu ermöglichen."

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