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Offenbar auch Schulen außerhalb Böblingens betroffen

Eduard-Mörike-Schule

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    Das Haus in der Dieselstraße, in der sich die von Jutta Dierks betriebene Psychologische Lehr- und Beratungsstelle befindet KRZ-Foto: Bischof

Artikel vom 09. August 2014 - 10:20

VON DIRK HAMANN

Das Problem um die Vorfälle an der Eduard-Mörike-Schule ist nicht länger eines, das nur Böblingen betrifft. Hinweise verdichten sich, dass weitere Schulen im Kreis unter dem Einfluss von Jutta Dierks stehen könnten, die offenbar eine ganze Schar von Lehrkräften eng betreut.
BÖBLINGEN. Um den Namen Dierks haben sich im Zusammenhang mit den Vorfällen an der Eduard-Mörike-Schule und deren Rektorin Katrin Rombold in den vergangenen Wochen jede Menge Fragen aufgetan, die nur schwer zu beantworten sind. Einerseits, weil sie weder von angesprochenen Damen beantwortet werden, andererseits, weil es keinerlei öffentliche Stellungnahmen gibt, die zur Aufhellung beitragen.
   Wer ist Jutta Dierks? Welche Ziele verfolgt die Frau, die in der Böblinger Diesel-Straße eine psychologische Lehr- und Beratungsstelle betreibt und von unterschiedlichen Sektenexperten als Zentrum einer Psychogruppe eingeordnet wird? Vertritt die pensionierte Gymnasiallehrerin, wie von der Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen der evangelischen Landeskirche beschrieben, die Lehre der so genannten Züricher Schule - eine "libertär-linksprogressive, hoch religions- und gesellschaftskritische Ideologie mit familienfeindlichen Zügen und der Idee, dass ein Kind nicht von den eigenen Eltern erzogen werden sollte"? Ist es wahr, dass sie direkten Einfluss auf das Handeln von Lehrkräften, die ihrer Psychogruppe angehören, ausübt? Und wenn ja: In welcher Form sind diese wo in ihrem Sinne unterwegs - und wie viele sind es?
   Fragen über Fragen, die sich dort, wo seit Wochen klare Stellungnahmen gefordert wären, nur über ein mühsames Aneinanderreihen von Beobachtungen, Indizien und Darstellungen von Betroffenen erklären lassen. Den Recherchen der KREISZEITUNG nach ist Dierks in den 80er Jahren nach Böblingen gekommen, war als Gymnasiallehrerin tätig, bis sie dem Vernehmen nach wegen nicht angemeldeter Nebeneinkünfte vorzeitig pensioniert wurde. Zusatzeinnahmen, die sie durch das Betreiben ihrer Psychologischen Lehr- und Beratungsstelle erzielt haben soll, die sie seit geraumer Zeit in der Böblinger Diesel-Straße betreibt. Publikationen über Dierks finden sich ebenso wenig wie über ihre Beratungsstelle. Diese ist nur anhand eines kleinen, an der Hauswand angebrachten Schilds auszumachen - ein Eintrag im Telefonbuch oder im Internet ist nicht vorhanden. Ebensowenig gibt es über diesen Ort weder öffentlich zugängliche Erfahrungsberichte noch einen Hinweis, was und nach welcher Methode dort gelehrt oder beraten wird. Obwohl sie Beobachtungen zufolge ein gut frequentierter Ort ist, vor allem an Montagabenden dort regelmäßig eine Schar an Besuchern auf einmal zugegen ist - dem Vernehmen nach handelt es sich dabei zuvorderst um Pädagogen.
Zur Beratung bei Jutta Dierks
   Ein gut bürgerliches Ehepaar aus einer Kreis-Gemeinde, dass sich bei der KRZ gemeldet hat, war im Jahr 2011 insgesamt achtmal bei Jutta Dierks, um bei Beratungsgesprächen in Erziehungsfragen Hilfe zu erhalten. Ihr Erstgeborener entwickelte sich prächtig, studierte Medizin - ihr Zweitgeborener machte in der Pubertät Probleme, wechselte an die Hauptschule nach Steinenbronn und wurde dort nicht mit offenen Armen von Schulleiterin Brigitte Sigler empfangen. Diese hingegen machte schnell die Ursache aus, die den Spross etwas auf die schiefe Bahn geraten ließ: das Elternhaus. "Uns wurde mitgeteilt, dass wir das Problem seien und sie hat uns empfohlen, uns von Frau Dierks beraten zu lassen." Ein Vorschlag, dem das Ehepaar nach Wochen des Abwägens in Sorge um ihr Kind folgte.
Stätte für Lehrerfortbildung
   Der Gang zur Psychologischen Lehr- und Beratungsstelle sei kein leichter gewesen, räumen die beiden Erziehungsberechtigten nun drei Jahre später ein. An der Tür wurden sie von Dierks empfangen, gebeten ihre Schuhe mit einem Überzieher zu versehen, "wie auf der Intensivstation", berichten sie. Dann wurden sie in einen großen, bestuhlten Saal gebeten, in dem auch "Lehrerfortbildungen und Gruppenunterricht für Schüler in den Ferien stattfindet", wurde ihnen erklärt. In der Beratung erfuhren sie schon beim ersten Mal: "Sie müssen das Kind selbstständig werden lassen, um das Vertrauen des Kindes zu erwecken." Und: "Sie sind das Problem in der Beziehung. Das Problem ist ihr Umgang mit dem Kind." Und: "Sie müssen sich ändern, nicht das Kind." Auf Einwände des Ehepaars, dass ihre Beraterin für solch eine Diagnose wohl auch zuerst mit dem Kind reden müsse, und dass sie dieses nicht anders erziehen würden, als ihren Erstgeborenen, reagierte sie schroff: "Ich bin Expertin, ich bin Pädagogin und sie nicht", schlug ihnen da entgegen. "Ich bin Fachfrau. Oder rede ich ihnen etwa rein, wie Sie Ihren Beruf ausüben?"
   Obwohl sich an ihrem Rat rein gar nichts änderte und sie keinerlei Veranlassung sah, sich mit dem Sohnemann zu unterhalten, ging das Ehepaar - der Verzweiflung nahe - insgesamt achtmal zur Dierkschen Beratung. Auch, weil sich das damalige Problemkind partout nicht bessern wollte. Im Gegenteil: Es geriet sogar mit dem Gesetz in Konflikt, weil es mit Freunden eine Gartenlaube in Brand steckte. Als die aufgeschreckten Eltern Jutta Dierks Vorschläge machten, wie sie ihr Kind deshalb bestrafen könnten, führte diese an, dass vorgeschlagene Sanktionen "Steinzeitpädagogik" seien und sie ihr Kind auch solche Erfahrungen sammeln lassen sollten, "wenn es das so will". Sätze, die das Ehepaar endgültig davon überzeugten, dass nicht sie das Problem sind - und sie ihre Zeit besser dem stark pubertierenden Kind widmen sollten als einer Beratung, die für sie vor allen Dingen "Frusterlebnisse" mit sich brachte. "Da wir ungern mit Schulden leben, haben wir noch um eine Rechnung für die Beratung gebeten und uns verabschiedet", berichten sie. "Komischerweise haben wir nie eine bekommen. Trotz mehrmaligem Nachfragen." KRZ-Recherchen nach hat der übliche Satz den Dierks für eine Beratungsstunde verlangt hat, damals 60 Euro betragen.
   Im Zuge der Beratungstermine, die sich über fast vier Monate erstreckten, bemerkten die Eheleute einige weitere Ungereimtheiten. Als sie zu einem Sitzungstermin in Dierks Privathaus, eine abgeschottete Villa am Ortsrand Neuweilers, das ihnen im Inneren vorkam wie eine "Bibliothek im Karl-May-Museum", gebeten wurden, trafen sie dort die Schulleiterin Brigitte Sigler. Eine Begegnung, die sie rätseln ließ, aber zunächst nicht weiter beachteten. Im Laufe des Schuljahrs machten sie jedoch weitere Verbindungen zwischen Rektorin und Jutta Dierks ausfindig.
   Als die Eltern, noch in Dierkscher Beratung, bei Sigler bei einem Gespräch über ihren aus der Reihe tanzenden Spross vorstellig wurden, machten sie erneut Bekanntschaft mit einer Art von Pädagogik, die bei ihnen zusehends Befremden auslöste. "Sie müssen sich ändern. Das Kind macht alles richtig", wurde ihnen von der Rektorin gesagt. Wenige Monate später, als das Halbjahreszeugnis im Fach Sport eine Note fünf für ihren Sohn bereithielt, stießen sie mit blankem Entsetzen darauf, dass die Schulleiterin den Grundsatz der kindlichen Selbstbestimmung offenbar nicht nur predigte, sondern sich selbst an diesen hält. Ein Beispiel: Ein Anruf beim Sportlehrer brachte sie auf die Spur, dass ihr Sohn monatelang den Sportunterricht geschwänzt hatte - und dass Brigitte Sigler seit längerem über das permanente Fernbleiben informiert sei. Aufgebracht riefen die Erziehungsberechtigten bei dieser an und fragten nach, warum sie nicht verständigt worden seien. Die Antwort, die sie erhielten, machte sie fassungslos. Eltern zu verständigen sei nicht gewünscht, "das Kind soll sie selbst verständigen". Auskünfte, die die Eltern vollends dazu bewogen, die Erziehung wieder komplett eigenständig in die Hand zu nehmen. Das Ergebnis: der Sohnemann schaffte seinen Hauptschulabschluss, ging dann auf die Werkrealschule nach Sindelfingen und beginnt nun eine Ausbildung.
   Und der Begegnung mit Brigitte Sigler in der Villa in Neuweiler gingen sie nach und stellten fest, "dass sie in dieser im ersten Stock in einer Art Lehrer-WG wohnt". Informationen, die sich mit Recherchen der KRZ decken: Die Steinenbronner Rektorin lebt demnach in besagter Villa mit einem Grundschulrektor aus Sindelfingen und zwei Lehrkräften des Böblinger Albert-Einstein-Gymnasiums unter einem Dach. Vor dem Hintergrund der im Raum stehenden Merkwürdigkeiten, die sich im Dunstkreis von Jutta Dierks abspielen und die täglich durch Hinweise mehr werden, eine sonderbar anmutende Kommune. Von deren Art es dem Vernehmen nach noch einige mehr geben soll - unter anderem im Haus der Psychologischen Lehr- und Beratungsstelle und in Steinenbronn.
   Rätselhafte Begebenheiten, die sich wohl weiterhin nur über ein mühsames Aneinanderreihen von Beobachtungen, Indizien und Darstellungen von Betroffenen erklären lassen.

=> Kommentar im "Rückspiegel" von KRZ-Redakteur Dirk Hamann (9. August 2014)

=> Themenseite mit allen bisher erschienenn Artikeln und Leserbriefen zum Thema
 

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