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Angst und Leid beherrschen das aktuelle Bild

An der Böblinger Eduard-Mörike-Schule schlagen besorgte Eltern Alarm - Schulleiterin Katrin Rombold schweigt zu massiven Vorwürfen

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    An der Böblinger Eduard-Mörike-Schule herrscht ein Klima der Angst. Besorgte Eltern richten massive Vorwürfe an Schulleiterin Katrin Rombold - äußern möchte sich die Rektorin bislang dazu ebensowenig wie das Staatliche Schulamt oder die Stadt Böblingen als Schulträger / KRZ-Foto: Thomas Bischof

Lehrer, die das Weite suchen. Eltern, die um Kinder besorgt sind. Eine Schulleiterin, die, mit Vorwürfen konfrontiert, intern zum Gegenangriff bläst und ansonsten schweigt. Und leitende Stellen, die versuchen, das Thema unter den Teppich zu kehren. An der Eduard-Mörike-Schule herrscht ein Klima der Angst.

Von Dirk Hamann

Artikel vom 29. Juli 2014 - 10:06

BÖBLINGEN. Auszüge aus dem Leitbild der Eduard-Mörike-Schule (EMS) lesen sich prima. „Unsere Schule ist Lebensraum, in dem sich Schüler, Lehrer, Eltern und alle am Schulleben Beteiligten wohl fühlen, entfalten und einbringen“, steht dort geschrieben. Oder: „Wir sind eine aktive Schule, die Kontakte nach innen und nach außen unterhält.“ Oder: „Wir sorgen für Informationsfluss und Ideenaustausch.“ Ganz interessant auch: „Wir halten uns an Vereinbarungen. Wir sind Vorbild und zeigen das durch unsere Einstellung und Haltung. Jeder ist für das, was er tut, sagt oder unterlässt, selbst verantwortlich und trägt die Konsequenzen.“
Zeilen, die eines schönen Tages bestimmt wohl gemeint formuliert worden sind. Zeilen, die seit geraumer Zeit offenkundig ein Muster ohne Wert sind.

Denn das Klima an der EMS ist von Angst und Misstrauen geprägt. Eine Negativentwicklung, die genau genommen mit dem Dienstbeginn der neuen Schulleiterin Katrin Rombold zu Beginn des Schuljahres 2011/12 begonnen und inzwischen Ausmaße angenommen hat, die aufhorchen lassen. So soll bei unabhängigen Treffen der Elternbeiräte zur Sprache gekommen sein, dass Kinder der EMS als Strafe für „Vergehen“ einerseits im Umkleideraum eingesperrt worden sind oder unbeaufsichtigt vor die Türe gestellt wurden. Andererseits wird von einer Zunahme von Gewaltbereitschaft berichtet, davon, dass beispielsweise ein Schüler eine Lehrerin mit einem Stein bedroht hat, dass an Heizkörper uriniert worden ist – ohne, dass diese gravierenden Vorfälle Konsequenzen nach sich gezogen hätten. „Frau Rombold hat uns auf Nachfrage erklärt, dass es keinen einheitlichen Maßnahmenkatalog mehr gibt“, berichtet ein Elternbeirat. Und weiter: „Wenn man ihr gegenüber Anliegen zum Thema Gewalt an der Schule vorbringt, hat man zunächst den Eindruck, gehört zu werden. Immer wieder. Und immer wieder passiert hinterher nichts. Andere Eltern und ich haben uns deshalb schon ans Schulamt gewandt – und dort nur das Gefühl erhalten, dass die einzelnen Fälle bewusst heruntergespielt werden. Fest steht für uns, dass Lehrer an der EMS keine Handhabe mehr haben.“

Mehr noch: Es soll sogar vorgekommen sein, dass eine Lehrkraft, die eine eher harmlose Strafarbeit ausgesprochen hat, in Anwesenheit des Schülers und dessen Eltern von der Rektorin aufgefordert wurde, diese Strafe zurückzunehmen. Auch soll es vorgekommen sein, dass Katrin Rombold Informationen direkt an Kinder in den Klassen verteilt hat, ohne die Lehrer der Klassen über den Inhalt zu informieren. Auf Rückfrage der Lehrkräfte soll sie geantwortet haben: „Das geht sie nichts an!“

Die von den Repressalien betroffenen Lehrer indes haben laut Informationen aus Elternkreisen Angst, sich offen zu äußern. Dafür seien Eltern gegenüber Sätze gefallen wie: „Machen sie als Eltern weiter, wir müssen hier noch ein paar Jahre“ oder „man kann mir meine Pension streichen“ oder „die EMS ist für uns zur Hölle geworden“. Ins Bild passt, dass an der EMS in den Schuljahren 2011/12 bis 2013/14 von  insgesamt 16 Lehrkräften oder Angestellten Anträge auf Versetzungen oder auf vorzeitigen Ruhestand gestellt worden sein sollen, die größtenteils bewilligt wurden. Eine von Lehrern vorgeschlagene Mediation soll Katrin Rombold hingegen abgeblasen haben.

Bei einem Elternabend der gemischten Klassen 1 und 2 Ende Mai wurde Katrin Rombold zum Thema hohe Lehrerfluktuation um Auskunft gebeten – zu personellen Themen äußere sie sich nicht, entgegnete die Schulleiterin schmallippig, das sei Angelegenheit der Schule. Doch mit dieser Nicht-Information wollte sich eine Gruppe engagierter Eltern nicht zufrieden geben, verfasste ein Schreiben in Richtung Kultusministerium, Regierungspräsidium und Staatliches Schulamt mit Bitte um Stellungnahme – und sammelte, um dem Schreiben Nachdruck zu verleihen, an der EMS, die rund 300 Schüler beherbergt, 175 Unterschriften von anderen Eltern. Die Reaktion darauf hätte schroffer nicht ausfallen können. Von angeschriebenen Stellen gab es keinerlei Antwort, Katrin Rombold blies dafür zum Gegenangriff und holte sich zur Unterstützung ihre Konrektorin sowie beide Elternbeiratsvorsitzenden ins Boot. Anstatt, wie im EMS-Leitbild festgehalten, die Eltern einzusammeln und mitzunehmen, packte sie die Bürokratiekeule aus. Das Schreiben sei anonym verfasst, nicht mit dem Elternbeirat abgestimmt, der Inhalt des Schreibens seien Personalangelegenheiten der Schule, es seien nicht von ihr genehmigt Unterschriften auf dem Schulgelände und im Hort gesammelt worden, Elternvertreter seien um Klassen-Telefonlisten gebeten worden. „Die gesamte Vorgehensweise und das Schreiben schaffen große Unruhe in der Schulgemeinde und schüren Misstrauen“, wurde angeprangert. Eine vertrauensbildende Auskunft gab es nicht. „Dafür aber waren nun alle Eltern der EMS über unser Anliegen informiert, die sonst gar nicht zu erreichen gewesen wären“, so ein Elternbeirat. „Dadurch kamen weitere Missstände erst zum Vorschein, die ganze Sache erst ins Rollen.“ Unter anderem wandten sich nun auch die Elternbeiratsvorsitzenden von der Rektorin ab, bei denen sich der Eindruck verfestigte, „dass Frau Rombold die Eltern bewusst aus dem Schulleben heraushalten möchte“, begründet der stellvertretende Elternbeiratsvorsitzende Thomas Gärtner.

Von dem Duktus des Schreibens motiviert, machten sich einige Eltern ans Werk und begaben sich auf Recherchetour auf der Suche nach Gründen für die sich häufenden Vorkommnisse an der EMS. Dabei stießen sie zunächst auf die Info, dass Katrin Rombold, kurz bevor sie die Schulleitung in Böblingen übernommen hatte, Stellvertreterin bei der Filderschule war und sich dort vergeblich um den Posten der Schulleiterin beworben hatte. Sie schied aus dem Verfahren aus, dem Vernehmen nach traf ihre Bewerbung auf großen Widerstand von Eltern und Kollegen.
Von dieser Neuigkeit aufgeschreckt gingen die Nachforschungen weiter. Und mündeten in Informationen, die ihnen beim Durchlesen kalte Schauer über den Rücken laufen ließen. „Die Rektorin der Eduard-Mörike-Grundschule Böblingen sowie vier weitere Kolleginnen gehören nach Zeugenaussagen dem Kreis um die pensionierte Gymnasiallehrerin Jutta Dierks an. Sie betreibt seit Jahrzehnten in Böblingen eine Psychogruppe spezieller Prägung“, entnahmen sie Informationen von der Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche in Württemberg, die die Gruppe um Jutta Dierks als konfliktträchtig einstuft. Dierks sei als Studentin und junge Lehrerin Mitglied der sogenannten Zürcher Schule des Friedrich Liebling gewesen. Als dieser 1982 starb, sei es in der hoch ideologisierten Psychogruppe zu Nachfolgestreitigkeiten gekommen, aus denen Dierks als Verliererin hervorgegangen ist. Daraufhin habe sie sich mit einer kleinen Gruppe abgespalten und im Raum Böblingen-Tübingen etabliert. Ihre Praxis soll die Form von Beratungs- und Therapiegruppen gehabt haben, mit Dierks als Meisterin. Wie in der Zürcher Schule, die eine „libertär-linksprogressive, hoch religions- und gesellschaftskritische Ideologie mit familienfeindlichen Zügen und der Idee, dass ein Kind nicht von den eigenen Eltern erzogen werden sollte“ vertrete, soll sie deren Lehre als höchste Menschenform und als jeder Psychologie und Pädagogik weit überlegen betrachtet haben. Dem Schulamt Böblingen sei die Gruppe aus einschlägigen Erfahrungen bekannt.
„Wir haben Frau Rombold mit den Vorwürfen konfrontiert und um ein Gespräch gebeten. Ein Termin kam nicht zustande“, äußert Gärtner sein Unverständnis darüber, dass die Bereitschaft der Schulleitung, den Informationsfluss zu pflegen, gegen null tendiert. Das Leitbild ist längst zum Bild des Leidens geworden. „Haben Sie Verständnis, dass ich dazu nichts sagen kann“, sind die einzigen Worte, die sich Katrin Rombold auf Anfrage der KREISZEITUNG entlocken lässt. Ähnlich wortkarg gibt sich zunächst Angela Huber, Leiterin des Staatlichen Schulamts Böblingen. Sie verweist erst einmal kurz und knapp aufs Kultusministerium. Das Kultusministerium hingegen weist auf Anfrage darauf hin, dass es zum Thema eine Pressemitteilung formulieren wird. Knappe sieben Stunden später ist die Stellungnahme aus Stuttgart da. Im kompletten Wortlaut, in obrigkeitsstaatlicher Manier: „Das Kultusministerium nimmt die Sorgen von Eltern der Eduard-Mörike-Schule in Böblingen sehr ernst. Die Schulverwaltung werde die Vorwürfe deshalb genau prüfen und den Klärungsprozess an der Schule begleiten.“

„Lehrkräfte sind Landesbeamte“, teilt hingegen die Stadt Böblingen als Schulträger mit. Gleichwohl will sich Oberbürgermeister Wolfgang Lützner dafür einsetzen, dass den Vorwürfen nachgegangen wird. Gleichzeitig sieht er die Notwendigkeit, dass zunächst reale Vorgänge von Gerüchten getrennt werden müssen. Auch sollten mögliche Versäumnisse klar zugeordnet werden – so dürfe nicht für jedes Verhalten von Mitgliedern des Lehrkörpers die Rektorin verantwortlich gemacht werden. „Ein moderiertes Gespräch aller Beteiligter muss zeitnah stattfinden“, stellt Lützner klar. Ansichten, die auch Angela Huber teilt.

Angesichts der beschwerten Gesamtsituation regt Wolfgang Lützner zudem an, ein gemeinsames Leitbild für die Schule zu entwickeln, zu dessen Einhaltung sich alle Beteiligten verpflichten: „Dies hilft zur Klarstellung, welche Werte und Umgangsformen an der Eduard-Mörike-Schule miteinander von allen gelebt werden sollen.“

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