Eine Comedy-Schachtel voller "Mechthild"-Pralinen

"Kultourmacher vom Alten Amtsgericht" bescheren den Zuschauern mit der Sieger-Gala im restlos ausverkauften Europasaal eine sehr kurzweilige zehnte Böblinger "Mechthild"

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    Wuchtig-freche Moderatorin der Comedy-Gala am Samstagabend: Diva La Kruttke kündigte alle die auftretenden Männer mit frivolem Charme an KRZ-Fotos: Thomas Bischof

Sieger-Gala statt Wettbewerb war angesagt bei der zehnten Auflage des Böblinger Comedy-Festivals in dem mit 1200 Zuschauern vollbesetzten Europasaal der Kongresshalle. Das Publikum erlebte am Samstagabend ein unterhaltsames und sehr kurzweiliges "Best-of"-Programm mit den bisherigen "Mechthild"-Gewinnern.

Von Eddie Langner

Artikel vom 22. Dezember 2013 - 17:06

BÖBLINGEN. "Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen - man weiß nie, was man kriegt", sagte Tom Hanks im Film "Forrest Gump". In abgewandelter Form passt das berühmte Filmzitat auch zum diesjährigen Comedy-Festival. Die zehnte Auflage hat der Verein "Die Kultourmacher vom Alten Amtsgericht" nämlich als Sieger-Gala konzipiert. Das heißt: Es gibt keinen Wettstreit um die Böblinger "Mechthild", sondern ausschließlich kurze, aber sehr knackige Auftritte der bisherigen Gewinner. Diese sind: Martin Herrmann (Sieger 2004) Armin Fischer (2005), Philipp Weber (2006), Thomas Schreckenberger (2007), Robert Griess (2008), Axel Pätz (2009), Jens Neutag (2010), Michael Sens (2011) und Michael Krebs (2012). Außerdem gibt es ein Wiedersehen mit den Tänzern des Rock"n"Roll-Clubs "Twisting Grizzlies" Böblingen, die schon 2011 für lauten Jubel gesorgt haben. Anders als bei "Forrest Gump" wissen die Zuschauer also schon vorher ziemlich genau, was sie erwartet: eine prall gefüllte Comedy-Pralinenschachtel der Marke "Mechthild".

Pünktliche Pointen: Pünktlich auf die Minute rollt Tobias Becker mit seiner Bigband den wie immer sehr eleganten Klangteppich fürs Festival aus. Und ebenso pünktlich steht mit Martin Herrmann der im doppelten Sinne erste Sieger auf der Bühne: Der in Freiburg aufgewachsene Kabarettist und Mitherausgeber der Zeitschrift "Pardon" hat als Allererster die "Mechthild" gewonnen - damals noch in der Aula des Böblinger Albert-Einstein Gymnasiums. Mit leisen, aber wunderbar bösen Pointen ("Alle sagen Vater zum Pfarrer - nur nicht die eigenen Kinder. Die sagen Onkel.") und einer schrägen Musiknummer, bei der ein Eierschneider als "tibetanische Taschenharfe" herhalten muss, sorgt er für einen Auftakt nach Maß.

Gemeinsame Gag-Schnittmenge: Die Gala ist noch keine halbe Stunde alt, da steht auch schon Thomas Schreckenberger auf der Bühne. Der für seine bitterbösen Pointen bekannte Kabarettist streift aktuelle Themen wie Große Koalition oder NSA-Affäre und parodiert sich rappend durch sechs Jahrzehnte deutsche Geschichte. Schreckenbergers Wunsch nach "mehr Fallschirmspringern in der FDP" löst teils höhnisches Gelächter, teils unbehagliches Gemurmel aus. Der Rest seines kaum 15 Minuten langen Auftritts dreht sich um Überalterung und alles, was sie mit sich bringt - "Ü-80-Partys" zum Beispiel. Der Auftritt von Axel Pätz, zeigt, dass es offenbar so etwas wie gemeinsame Gag-Schnittmengen gibt: Der charismatische Musikkabarettist hat ebenfalls eine Nummer zum Thema Überalterung und singt über ... genau: "Ü-80-Partys".

Eine Diva für die Frauenquote: Quasi als Gegengewicht zu all den Männern auf der Bühne führt Diva La Kruttke frech und frivol durch den Abend. Sie war im Vorjahr in der Vorrunde zum Festival-Finale gegen den späteren Sieger Michael Krebs ausgeschieden. Die in Schleswig-Holstein geborene Kabarettistin gibt die selbstverliebte Verführerin auf Männersuche. Als Running-Gag kündigt sie ausnahmslos jeden Künstler als "schönsten" oder "interessantesten" Mann an und plaudert ansonsten in penetrant eingedeutschtem Französisch. Sie sagt zum Beispiel "Ihm geht le Müff" für "Ihm geht die Muffe". Nach dem x-ten "N"est-ce pas" (das die Diva "ness pass" ausspricht) geht das vielen im Publikum ziemlich auf den "biscuit". Und auch wenn die studierte Schauspielerin und Sängerin eine tolle Stimme hat - ihr spöttisches "Schlampen"-Loblied zur Melodie von Petula Clarks "Downtown" kommt nicht überall so gut an.

Die humorreichen Sieben: Sieben von insgesamt neun Gewinnern stehen an diesem Abend auf der Bühne. Michael Krebs ist terminlich gebunden, und Robert Griess unterhält Kreuzfahrtpassagiere auf der Aida, weswegen beide von den erstmals eingesetzten Großvideoleinwänden links und rechts oberhalb der Bühne grüßen. Die Clips sind kurz, aber sehr witzig geworden und machen Lust auf den gemeinsamen Nachholtermin mit den beiden am 1. Februar in der Kongresshalle. Die vergünstigten Karten, die es in der Pause zu kaufen gibt, stoßen jedenfalls bereits auf einiges Interesse.

Musik-Duo: Den kurzen Mittelblock des Programs bilden die Auftritte von Axel Pätz und Michael Sens. Letzterer wirkt deutlich weniger verkrampft als bei seinem Sieger-Auftritt vor zwei Jahren. Genau wie damals kommt seine Udo-Lindenberg-Parodie wieder am besten an.

Schon wieder Pause? Für irritierte Blicke sorgt bei den Zuschauern die Pausentaktung. Bereits nach 50 Minuten und zwei Live-Auftritten (plus der oben erwähnten Videobotschaften) ist erstmal für eine halbe Stunde Sendepause. Und nach je zwei Mal einer Viertelstunde Programm von Pätz und Sens kommt schon die nächste Pause. "Also einen mehr hätte ich jetzt schon noch ausgehalten", brummelt ein Zuschauer auf dem Weg ins Foyer. "Wir hatten immer zwei Pausen", betont Maigg Wieczorek auf Nachfrage. Allerdings war die zweite Pause bisher vor allem dafür da, die Zuschauerstimmen auszuzählen. "Das Comedy-Festival ist ja auch ein gesellschaftliches Event, bei dem die Leute gern Gelegenheit haben sich auszutauschen", findet der Vorsitzende der "Kultourmacher". Hauptgrund für die Pausen ist aber die Logik: Armin Fischer und Jens Neutag haben beide vor dem Festival Auftritte an anderen Spielorten: Fischer in Kirchheim, Neutag sogar in Karlsruhe. Zur Erleichterung der "Kultourmacher" kommen beide rechtzeitig an.

Drei Ausrufezeichen zum Finale: Mit Philipp Weber, Armin Fischer und Jens Neutag setzt die Sieger-Gala zum Schluss drei dicke, fette Ausrufezeichen. Der gebürtige Unterfranke Philipp Weber hat in Tübingen unter anderem Biologie und Chemie studiert. Entsprechend kompetent und witzig zugleich plaudert er in odenwäldischem Dialekt über die wachsende Popularität von Sushi, die für ihn übrigens ganz banale Gründe hat ("Nur weil asiatische Hausfrauen zu faul sind zum Kocha!"). Oder er redet sich mit fiepsigen Stimmausschlägen in Rage über die sprachliche Exotisierung ur-deutscher Gerichte - zum Beispiel wenn auf Speisekarten überall "Carpaccio" stehe, wo doch eigentlich das Wort "Uffschnitt" vollkommen ausreiche. Armin Fischer gibt danach den charmanten Tiefstapler. Mit unverschämter Lässigkeit greift der hochvirtuose Klavierkabarettist und bekennende Verehrer von Franz Liszt Weihnachtsliedwünsche aus dem Publikum auf und vermixt diese zu einem spontanen Medley. Jens Neutag schließlich nutzt seine Auftritt für ein kabarettistisches Plädoyer für mehr Anarchie in Deutschland. Ein Land, in dem man sich von einen Abfallkalender vorschreiben lasse, wann man welche Art von Müll vor die Tür stellt, habe seiner Meinung nach ein bisschen Revoluzzertum bitter nötig.

Mechthild in der Warteschleife: Schon während der Planungen für die "Mechthild" 2012 haben die "Kultourmacher" beschlossen, die zunehmend schwere Suche nach bezahlbaren und zugleich begnadeten Comedy-Talenten für ein Jahr auszusetzen. Die "Mechthild" ist damit aber nur in der Warteschleife und nicht auf dem Abstellgleis: Am 20. Dezember 2014 wird der Comedy-Wettstreit fortgesetzt, und Böblingens "Eiserne Lady" ist wieder zu haben.

Comedy-Leistungsschau: "Als Moderator wird dann Axel Pätz auf der Bühne stehen", weiß Gerhard Gamp schon jetzt. Was er und seine "Kultourmacher" noch nicht genau wissen, ist dagegen, wie der Wettkampfmodus kommendes Jahr aussehen wird. "Das werden wir uns genau überlegen", legt er die Stirn in Falten. Aber auch, wenn die Messlatte nach dieser Leistungsschau in Sachen Comedy wieder ein Stück höher hängt - Gerhard Gamp und die "Kultourmacher" sind zuversichtlich, dass sie auch künftig wieder Künstler finden werden, die den Ansprüchen von Publikum und Veranstaltern vollauf genügen.

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