Tollkühne Burschen in rasenden Kisten

Damals und heute: Spektakuläre Böblinger Seifenkistenrennen in den Nachkriegsjahren lockten die Zuschauer in Massen an

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    Seifenkistenrennen in Böblingen im Juli 1949: Der damals 15-Jährige Richard Reinhardt brettert, angefeuert von Zuschauermassen, als Schnellster über den Zielstrich in der Sindelfinger Straße Foto: red

Waghalsige Kerle brausen in klapprigen Fahrzeugen in Richtung Unterstadt, Zuschauermassen bevölkern Böblingens Straßen wie sonst nur bei Bergetappen der Tour de France zu sehen: Ein Foto aus dem Juli 1949 belegt, dass Seifenkistenrennen damals eine ganz große Nummer im städtischen Leben waren.

Artikel vom 09. Oktober 2013 - 14:42

BÖBLINGEN. Richard Reinhardt ist beim Durchstöbern alter Aufnahmen an einer bildlich festgehaltenen Erinnerung hängen geblieben. Der Böblinger hat ein Foto wiederentdeckt, das ihn beim Betrachten freudig schmunzeln ließ. Und das er prompt der KRZ zur Verfügung stellte. Es zeigt ihn als 15-Jährigen, wie er gerade in einem unmotorisierten Gefährt, einem aus Holz konstruierten Rennwagen, von vielen Zuschauern angefeuert in der Sindelfinger Straße über den Zielstrich brettert. "Das war dort, wo der Friseur Keller ist", fügt er hinzu. "Und ich habe gewonnen."

Seifenkistenrennen waren ein Renner in einem in den Nachkriegsjahren gerade einmal rund 8500 Einwohner zählenden Böblingen. "Das wurde von den Amerikanern ins Leben gerufen", blickt Reinhardt zurück. "Es war eine große Sache, alles war damals auf den Beinen, um dabei zu sein. Zwei, drei Rennen dieser Art gab's damals." Er selbst war nur durch einen für ihn glücklichen Zufall nicht nur als Zuschauer vor Ort - sondern als Teilnehmer am Start: "Weil Manfred Volz ausgefallen war, durfte ich als Ersatzfahrer ran. Dabei war ich bis dahin noch nie bei einem Wettbewerb gefahren, bin aber oft für mich selbst über Stoppelfelder gebrettert und habe mir dabei wohl einiges beigebracht."

Die Übungsfahrten auf rumpeligen Untergrund waren Gold wert für den damals 15-Jährigen. Nicht nur, weil er sich im Juli 1949 als Überraschungssieger feiern lassen durfte. Denn die Rennen damals waren nichts für zart besaitete Typen. Und schon gar nichts für Amateure. Gestartet wurde am Wasserturm, dann ging es erst die Waldburg runter, ehe die klapprigen Wagen das Käppele in Richtung Postplatz hinunterrauschten - ein Etappenziel, das etliche Starter erst gar nicht erreichten. "Am Käppele hat's viele Unfälle gegeben, da hat's einige ganz schön bös' zerlegt", erzählt Reinhardt. "Und es gab damals keine Strohballen zur Sicherung, die Fahrer trugen keinen Helm oder waren irgendwie geschützt." Weiter ging die rasante Sause durch Zuschauer-Spaliere hindurch die komplette Sindelfinger Straße hinunter bis ins Ziel. "Von dort aus sind wir hinterher mit Motorrädern wieder den Berg hinaufgezogen worden", so Reinhardt. "Die Siegerehrung fand auf dem Postplatz gegenüber vom Frech statt." Stolz wie Bolle durfte sich der Böblinger damals - sauber in weißem Hemd gekleidet - zum Gewinner küren lassen, beklatscht von einer Menschenmenge, die der junge Bursche damals "als fast schon erdrückend" befand.

Böblinger Seifenkistenrennen gibt es auch im Jahr 2013 noch, wenn auch nicht mehr in der Innenstadt. Sie finden inzwischen auf der Diezenhalde oder in Dagersheim statt, schöne Veranstaltungen zwar, allerdings locken sie keine Massen mehr an. Und an der Ecke Sindelfinger Straße, List-Straße herrschen seit etlichen Jahren Verkehrsprobleme anderer Art.

Heute gibt's an dieser Ecke Verkehrsprobleme anderer Art

Dort, wo im Juli 1949 begeisterte Zuschauer die Straßen zustellten, verstopfen beinahe tagtäglich Autos und Laster die Zufahrt zur Innenstadt. Die Kreuzung mit der List-Straße? Ein verkehrspolitisches Dauerthema. Und dort, wo in der Sindelfinger Straße jede Menge Publikum verkehrte, um tollkühne Burschen in rasenden Kisten anzufeuern, verkehren heute zum Ärgernis vieler Anwohner oftmals zwielichtige Gestalten in mit roten Lichtern gekennzeichneten Wohnungen. Weitere Veränderungen kündigen sich jedoch auch an dieser Stelle einer sich im Wandel befindenden Stadt an. Die Zuschauer von damals würden heute über die Sindelfinger Straße auf ein Gelände blicken, das Sanierungsgebiet wird und dessen derzeitiges ramponiertes Aussehen bis 2023 auf Vordermann gebracht werden soll.

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