Aus der Disco werden Eigentumswohnungen

Die Schönaicher Filmklause wird abgerissen

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Von Michael Stürm

Artikel vom 15. Mai 2013 - 16:54

SCHÖNAICH. Eine Institution verabschiedet sich von Schönaich. Endgültig. Die Filmklause, legendäre Disco und langjähriger Anziehungspunkt für Besucher weit über die Ortsgrenzen hinaus, wird abgerissen.

Es war ein Ableben, das die Besitzer so nicht geplant hatten. Vor einem Jahr und kurz vor dem 50. Geburtstag machten die Behörden unerwartet Schluss mit dem Tanzschuppen, in dem die 60er und 70er Jahre beharrlich ihr Durchhaltevermögen unter Beweis stellten: Die feuertechnische Ausstattung entsprach nicht mehr den Vorgaben, rund 200000 Euro, so war zu vernehmen, hätte es gekostet, das alte Gemäuer brandschutztechnisch auf Vordermann zu bringen. Zu viel, beschloss Lothar Vetter.

Der Inhaber war 19 Jahre alt, als er im Jahr 1962 zusammen mit seiner Mutter Liesel das familieneigene Kino in eine Disco samt Bowlingbahn umwandelte - zu einer Zeit, als der Rock'n'Roll vorsichtig aus den USA nach Europa schwappte und die Beatles und Elvis sich langsam aber lautstark ins deutsche Schlager-Revier drängten. Die Filmklause wurde schnell zu einer angesagten Nummer in dieser aufstrebenden Welt der Pop-Kultur. Nicht nur in Schönaich. Der Name war weit darüber hinaus bekannt und führte dazu, dass sich bis zu 550 Besucher an den Wochenenden in dem Tanzschuppen drängten.

Die Blütezeit war in den 70ern

Vor allem in den 70er Jahren brummte das Geschäft, krachten die Beats und röhrten die Gitarren aus den Boxen. Einen großen Beitrag hierzu leisteten die US-Soldaten aus der Böblinger Panzerkaserne, die ihre Freizeit dort verbrachten und ihren Sold investierten. Nicht selten unter tatkräftiger Beteiligung der Militärpolizei: Drogen und Schlägereien machten die US-Ordnungshütern zu Dauergästen.

Auch nachdem die wilden Zeiten vorbei waren und nur noch an den Wochenenden die Musik dröhnte und die Lichter zuckten, blieb die Filmklause ihrer Zeit treu: Die Musik war bis zum Schluss 60er und 70er Jahre pur, die Inneneinrichtung - ein Traum für jeden Retro-Fan - vereinte Rustikalität mit Hippie-Flair. Kontinuität und ein Leben wider den Zeitgeist herrschte auch hinter dem Tresen. Chefin Liesel Vetter sorgte bis zum Schluss für den Ausschank und wurde mit ihren 91 Jahren als älteste Disco-Betreiberin Deutschlands gehandelt. Im Jahr 2007 hatte sie, 86-jährig, Pläne für weitere zehn Jahre. Daraus wurde nun nichts. Ein Bauträger hat sich das Gelände gesichert und wird mit zwölf Wohnungen auf vier Geschossen nachverdichten, wo sich früher ein Stück wilde Welt im beschaulichen Schönaich niedergelassen hatte.

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