Blankoversetzung in nächste Klassenstufe fragwürdig

Leserbrief vom 06. Mai 2020 - 14:36

Zum Thema Schule in Corona-Zeiten

"Kein Schüler im Südwesten soll in diesem Jahr sitzenbleiben." Diese Ankündigung von Kultusministerin Eisenmann mag zwar vordergründig populär wirken, doch ist dies aus pädagogischer Sicht auch sinnvoll und hilfreich?

In Bezug auf die Nichtversetzung zeugt die Aussage der Ministerin "Keine Schülerin und kein Schüler darf aus der aktuellen Situation einen Nachteil haben" von einem unzureichenden Verständnis der Intention der "Wiederholung einer Klassenstufe". Der wesentliche Indikator dafür, ob einem Schüler das Wiederholen einer Klassenstufe angeraten oder durch Nichtversetzung verordnet wird, ist laut Versetzungsordnung die Prognose, ob seine Leistungen dafür ausreichen, die Anforderungen der nächsten Klassenstufe zu erfüllen.

Trotz aller Bemühungen und Maßnahmen von Schulen, Lehrkräften und Eltern, angesichts des durch die Corona-Pandemie bedingten Unterrichtsausfalls Schülerinnen und Schüler beim Homelearning zu unterstützen, wird es gerade leistungsschwächeren Schülern nicht möglich sein, in diesem Schuljahr die im Bildungsplan ausgewiesenen Standards zu erreichen. Eine Blankoversetzung in die nächste Klassenstufe kann Lücken und Defizite nicht beheben. Sie verlagert ein bestehendes Problem lediglich in die Zukunft.

Spätestens im nächsten Schuljahr werden Schüler, die die Versetzung "per Blankoscheck" erhalten haben, diesen einlösen müssen und dabei die Konsequenzen zu spüren bekommen. Wäre es da nicht pädagogisch verantwortungsvoller, an Stelle von pauschal ausgesprochenen Versetzungen die Schülerinnen und Schüler und deren Eltern individuell zu beraten und ihnen die freiwillige Wiederholung einer Klasse zu empfehlen und, falls diese Empfehlung nicht angenommen wird, zum Wohl des Kindes die Wiederholung durch Nichtversetzung zu verordnen? In einer von Leistungsdruck und Hektik dominierten Welt verordnet uns Corona zwangsläufig Entschleunigung.

Auf den Schulalltag übersetzt bedeutet dies, einem Kind die Chance einzuräumen, durch Wiederholung einer Klassenstufe Lücken und Defizite in Ruhe und Gelassenheit mit der erforderlichen Zeit aufzuarbeiten anstatt in der nächsten Klassenstufe von Anforderungen, denen es nicht gerecht werden kann, gestresst, überfordert und frustriert zu werden.

Bernhard Maier, Holzgerlingen