Dürftig, nebulös, respektlos: "Fake-News" der US-Army

Leserbrief vom 23. April 2020 - 17:00

Zum Artikel "Nahkampf in Zeiten von Abstand: Die US-Army übt in Böblingen" vom 21. April

Zunächst einmal gilt mein Dank Redakteur Michael Stürm, der in Wahrnehmung des Informationsgebotes einer freien Presse nachrecherchiert hat, was es mit der sich über zwei Wochen erstreckenden Großübung der US-Army auf dem Böblinger Gelände der Panzerkaserne überhaupt auf sich hat. Die Antworten, die er auf seine berechtigten Fragen erhalten hat, sind dürftig, nebulös und in meinen Augen respektlos. Sie grenzen eher - um ein Lieblingswort des amerikanischen Präsidenten Trump aufzugreifen - an "Fake News" als an erschöpfende Antworten, wie sie die Bürgerinnen und Bürger eines souveränen Staates grundsätzlich erwarten dürfen. Michael Stürm bezeichnet diese "Antworten", die keine waren, schlicht als "Phrasen". Dieser Feststellung ist nichts hinzuzufügen.

Nach allen öffentlich zugänglichen Informationen sind im US-Standort Böblingen "Spezialeinheiten" stationiert, die - auch dies ist wiederholt publiziert worden - zumindest in früherer Zeit bei ihren militärischen Operationen zwischen Afghanistan und dem Irak mit Zwischenaufenthalt in Böblingen hin- und hergependelt sind. Inzwischen haben sich die USA und die Taliban in Afghanistan auf einen Abzug der US-Truppen geeinigt. Die Lage im Irak ist unklar, ob dort die US-Operationen inzwischen eingestellt sind oder nicht. Die irakische Regierung hatte ursprünglich den Abzug aller fremden Truppen gefordert.

Wenn es nun in der US-Verlautbarung zum Großmanöver heißt, hierbei gehe es auch um "die kollektive Verteidigung Europas" und "das Wohlergehen der Zivilbevölkerung", so muss man sich fragen, von welcher aktuellen militärischen Bedrohungslage die US-Army eigentlich ausgeht. Und zu "Europa", das kollektiv verteidigt werden soll, zählen bekanntlich auch Länder, die nicht der NATO angehören...sowie die Russische Föderation! Eine eigenartige Begründung für die Notwendigkeit eines US-Großmanövers, zudem noch in Zeiten der Corona-Pandemie.

Vollends zur Farce wird die US-Begründung mit der Feststellung, es gehe auch um "das Wohlergehen der Zivilbevölkerung". Einer Zivilbevölkerung, die seit vielen Jahren, ja Jahrzehnten, massive Einschränkungen und akustische Belästigungen durch die in Böblingen stationierten US-Spezialeinheiten hinnehmen muss. Wie Frederika Steisslinger in einem KRZ-Leserbrief vom 17. April in diesem Zusammenhang völlig richtig konstatiert, könne man "seit Jahrzehnten den rücksichtslosen Ausbau der Panzerkaserne zu einer Militärfestung mit dem enormen Raubbau an unserem Böblinger Wald verfolgen". Um das "Wohlergehen der Zivilbevölkerung" auf Dauer sicher zu stellen, gibt es nach meiner festen Überzeugung deshalb nur einen Weg: Die Auflösung oder Verlegung dieser "Militärfestung", die in einem Ballungsraum keinen Platz hat.

Abgesehen davon teile ich generell die Meinung von Rolf Mützenich, dem Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion, der dieser Tage in einem "Spiegel"-Interview auf die Frage: "In der Krise wird dringend Geld benötigt. Die Nato will trotzdem an höheren Verteidigungsausgaben festhalten", folgendes geantwortet hat: "Ich halte das nicht mehr für vertretbar. Wir haben es in der Pandemie mit einem Feind zu tun, der in allen Ländern wütet. Den können wir nur gemeinsam bekämpfen - aber nicht militärisch. Das heißt: Es ist Zeit für Abrüstung und für mehr internationale Zusammenarbeit. Wenn allein die Nato-Staaten Tausend Milliarden Euro für Rüstung ausgeben, ist das keine angemessene Antwort auf die Herausforderungen, vor denen alle Länder stehen. Das Geld brauchen wir dringend an anderer Stelle. Wir sind gut beraten, mit anderen Ländern über Abrüstungsschritte zu verhandeln."

 

Wolfgang Heubach, Rohrau