Gesundheitsamt mit Corona überfordert

Leserbrief vom 23. April 2020 - 17:00

Zum Thema Corona der letzten Wochen

Ich wohne alleine im Erdgeschoss eines Zwei-Familien-Haushalts. In der Wohnung im ersten OG wohnt eine 3er-WG. Einer der Bewohner war vom 7. bis 10. März in Tirol zum Ski fahren. Während seiner Rückreise erfuhr er, dass er dort indirekten Kontakt zu mit Corona-infizierten Personen hatte. Er informierte seinen Arbeitgeber und meldete den Fall am 11. März beim Gesundheitsamt. Zu dem Zeitpunkt hatte er keine Symptome. Sein Arbeitgeber beschloss, dass er die restliche Woche vorsorglich zu Hause bleiben sollte. Am 12. März rief ihn ein Amtsarzt des Gesundheitsamtes zurück und teilte ihm mit, dass er nicht getestet wird und er sich keine Gedanken machen müsse, da es ja nur ein indirekter Kontakt gewesen ist und er keine Symptome hätte. Zu diesem Zeitpunkt allerdings klagte der Bewohner über trockenen Husten. Dies sagte er auch dem Arzt, dieser spielte die Sache herunter: "Das könne auch sonst was sein." Am 13. März wurde Tirol vom RKI als Risikogebiet eingestuft und alle Reiserückkehrer sollten sich in eine 14-tägige Quarantäne begeben.

Über das Wochenende verschlechterte sich der Zustand des Bewohners und er meldete sich am 16. März erneut beim Gesundheitsamt. Dieses nahm den Fall erneut auf und man versicherte ihm nach Prüfung zurückzurufen. Als er 48 Stunden später noch immer keinen Rückruf erhalten hatte, rief er erneut beim Gesundheitsamt an. Beim dritten Anruf wurden erneut alle Daten, die schon bei den zwei anderen Anrufen aufgegeben wurden erneut aufgenommen und er bekam einen Termin für einen Test am 19. März in Herrenberg. Am 21. März dann die Mitteilung des positiven Testergebnisses und der offiziellen Anordnung einer 14-tägigen Quarantäne für alle drei Bewohner der WG. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Bewohner das Virus bereits zehn Tage, hätte es an seine Mitbewohner und mich übertragen können und die Mitbewohner hätten es dann an der Arbeit verteilt.

Ich selbst bin pensionierter Polizeibeamter. Der Bewohner wurde vom Gesundheitsamt gebeten, eine Liste zu erstellen mit den Kontaktdaten der Personen, zu denen er Kontakt hatte, also auch mir. Dies tat er gewissenhaft und schickte sie wie in der Mail vom Gesundheitsamt an ihn gesandte Adresse gesundheit@lrabb.de. Die Personen auf der Liste (auch ich) wurden nie vom Gesundheitsamt angerufen und informiert, dass sie Kontakt mit einer infizierten Person hatten. Weder ich noch die direkten Mitbewohner haben einen Termin für einen Coronatest bekommen. Am Ende der der Quarantänezeit sollte der positiv getestete Bewohner mit einer Mail an gesundheit@lrabb.de bestätigen, dass er 48 Stunden symptomfrei sei. Dies tat er und nachdem er 24 Stunden keine Rückmeldung bekommen hatte, rief er erneut beim Gesundheitsamt an und fragte nach. Dabei stellte sich heraus, dass er eine falsche Mailadresse bekommen hatte, diese hätte eigentlich gesundheitsamt@lrabb.de lauten müssen. Dies erklärt auch, warum niemand von der Kontaktliste informiert wurde, da diese ja scheinbar nie angekommen ist.

Obwohl die infizierte Person, die Personen mit denen er Kontakt hatte beim Gesundheitsamt gemeldet hat, wurden diese nie informiert. Wo sind die Daten abgeblieben? Und was ist, wenn dies kein Einzelfall war? Es können Fehler passieren, aber es ist doch bestimmt nicht erst nach zwei Wochen aufgefallen, dass falsche E-Mail-Adressen in Umlauf gebracht wurden. Und wenn dieser Fehler bemerkt wurde, hätte man alle über die Korrektur informieren müssen. Ich bin 67 und gehöre somit zur Risikogruppe. Die Mitbewohnerin der infizierten Person arbeitet im Gesundheitswesen - man mag sich nicht vorstellen, was das für Ausmaße hätte nehmen können. Was mich an dieser ganzen Situation nun aber am meisten stört, dass unser Landrat mit erhobenem Daumen und Schutzmaske dasteht und prahlt, dass er für seine Mitarbeiter schon ausreichende Masken gehortet hat. Dies ist in meinen Augen eine Ohrfeige für die Gesellschaft. Er hortet die Masken für sich und die Mitbürger sollen sich selbst welche nähen, denn im Handel gibt es kaum noch welche zu erwerben.

Das Vermummungsverbot gibt es seit vielen Jahren, bei Demos oder in Stadien. Trotzdem wird kaum etwas unternommen. Nun sollen Schutzmasken zur Sicherheit dienen und man beruft sich hier auf das Vermummungsgesetz, wenn sie nicht richtig getragen werden. Haben wir keine anderen Probleme als so einen Kram?

 

Walter Kaltenbach, Böblingen