Ökologische Vernunft steht auf dem Prüfstand

Leserbrief vom 02. April 2020 - 17:24

Zum Artikel: Virus stoppt Ausbaupläne für Flughafen vom 27. März

Kapitalismus ist, auf einen kurzen Nenner gebracht, wenn allein der Reibach das Handeln bestimmt. Das derzeitige Standing von Verkehrsminister Winfried Hermann ist für einen Außenstehenden schon sehr erstaunlich. Setzte er sich zum Beginn seiner Amtszeit noch mehrfach dem Vorwurf aus, den Straßenbau in Baden-Württemberg durch nicht oder nicht rechtzeitiges Abrufen von Bundesmitteln zumindest ausgebremst zu haben, so stellt er sich bei der Entwicklung und dem weiteren Ausbau des Flugbetriebs in Land und Bund absolut quer zu den Klimazielen seiner Partei; ganz offensichtlich mit Rückendeckung seines "Chefs".

Es drängt sich mir nicht zum ersten Mal der Eindruck auf, dass er statt seines Dienstwagens am Liebsten ein Dienstflugzeug in seinem ministeriellen Hangar stehen hätte; für kurze Strecken, zum Beispiel in die Staatskanzlei, natürlich noch ein Lufttaxi. Welche Veränderung mag in diesem Manne vorgegangen sein - sozusagen die Rolle rückwärts vom Paulus zu Saulus?

Es ist schon erstaunlich, wie eine grün dominierte Landesregierung bereit zu sein scheint, ökologische Hauptziele ihrer Politik rein wirtschaftlichen Zielen zu opfern. Mit einer Politik des Zuhörens trat Kretschmann nach seiner Wahl an. Er hatte wohlweislich nicht gesagt, wem er zuhören und auf wen er hören wolle. Die Spitzen-Grünen Kretschmann, Hermann und Kuhn bilden zumindest dem äußeren Anschein nach ein Triumvirat, zum Teil wohl gegen heftigen Widerstand von größeren Gruppen in ihrer eigenen Partei, dazu entschlossen, alle Voraussetzungen dafür zu schaffen, den weiteren Ausbau des Landesflughafens trotz aller verbalen Einschränkungen letztlich zu Lasten der Flughafen-Anrainer und des Klimas insgesamt zu ermöglichen.

Wie sich aus dem Artikel herauslesen lässt, sind wohl auch die Vorlagen des Stuttgarter OB das Papier nicht wert, auf dem sie stehen. Sie scheinen mehr Schlupflöcher zu Gunsten der Ausbaupläne der Flughafengesellschaft zu haben als der reifste Schweizer Käse. Es ist erschreckend, wenn es einer Seuche solchen Ausmaßes bedarf, um diese ökologische Fehlentwicklung zu stoppen!

Harald Eberlein, Weil im Schönbuch