Infizierte isolieren statt Kontaktverbot

Leserbrief vom 25. März 2020 - 17:18

Zu Kontaktverbot und Gesundheitssystem

Am Sonntag gab die Bundeskanzlerin weitreichende Notstandsmaßnahmen zur Corona-Krise bekannt. Dann folgte ein massives Programm von fast einer Billion Euro zur Unterstützung der Wirtschaft. Wem nutzen diese Maßnahmen wirklich? Im Mittelpunkt steht ein "Kontaktverbot", "Ansammlungen" von mehr als zwei Personen werden verboten. Natürlich sind ein wirksamer Gesundheitsschutz wie hygienische Vorsichtsmaßnahmen oder das Abstandsgebot wichtig und einzuhalten. Aber ist das Kontaktverbot der richtige Weg, um die Krise einzudämmen? Der Experte der Weltgesundheitsorganisation WHO, Mike Ryan, meint: "Worauf wir uns wirklich konzentrieren müssen, ist, die Kranken mit Infektion zu finden und sie zu isolieren." Dies geht aber nur mit ausreichenden Testmöglichkeiten, von denen es in der Bundesrepublik viel zu wenige gibt. Warum? Ebenso sind massenweise Schutzkleidungen, Mundmasken, Desinfektionsmittel für den Schutz notwendig. Doch das ist alles nicht ausreichend vorhanden. Warum? Seit Jahren wird im Gesundheitswesen abgebaut: Betten, Pflegepersonal, alles wurde unter der Maxime "Es muss mehr Gewinn abwerfen" eingespart. Heute fliegt uns das um die Ohren und die Bevölkerung leidet darunter. Jetzt soll das Kontaktverbot ernsthaft der Stein der Weisen sein. Warum arbeiten dann immer noch Millionen von Leuten in der Industrie oft eng beieinander wie bei Siemens und in den Stahlfabriken?

Gerade die großen Pkw-Konzerne in Deutschland stellen ihre Produktion ein und nutzen die Corona-Krise dabei nur aus. Die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise führte schon seit 2018 zum Rückgang in Absatz und zu Gewinneinbrüchen. Nun tut man so, als seien die ganzen Probleme der kapitalistischen Überproduktionskrise ausschließlich die Folge von Corona. Mit dem Kurzarbeitergeld und den Staatshilfen soll die Gesellschaft, also wir Bürger, die Krisenlasten zahlen. Am Freitag hieß es noch, man wolle das Wochenende abwarten, wie sich die Bürger verhalten. Obwohl es nur Lob über die ruhigen Tage gab, wurde am Sonntag trotzdem die "Notstandsmaßnahmen" beschlossen. Will die Regierung mit diesen Maßnahmen wirklich helfen? Oder soll die Bevölkerung sich daran gewöhnen, mundtot gemacht zu werden, indem keinerlei direkte Kommunikation, keinerlei Protest mehr möglich ist, die Polizei allgegenwärtig ist und sogar die Bundeswehr eingesetzt werden soll? Wenn man den Abstand von zwei Metern einhält und sich vernünftig verhält, sind "Ausgangssperren" unnötig, könnten kleinere gewerkschaftliche und politische Treffen stattfinden. Wer hat Angst davor und möchte dies unbedingt verhindern? Wir sollten uns darüber Gedanken machen.

Johanna Jäckh-Vermeulen, Sindelfingen