Volksbank-Gelände muss Anziehungspunkt werden

Leserbrief vom 01. Oktober 2019 - 17:24

In den nächsten Tagen wird mit dem Abbruch des alten Volksbank-Gebäudes begonnen werden. Dies ist ein Ereignis, das den Anfang einer neuen Epoche für die Sindelfinger Innenstadt darstellen kann. Wir meinen: muss! Denn es geht unter anderem um die seit 20 Jahren ausgebliebene Anbindung des Stern-Centers an die Innenstadt. Dazu möchten wir einige Gedanken äußern.

Die Stadt hat nach unserem Kenntnisstand vor, den durch den Abriss des ehemaligen Volksbank-Gebäudes entstehenden Freiraum zu einer Rasenfläche zu machen, die "bespielt" werden könnte, vielleicht mit Bänken und Spielgelegenheiten. Dies erinnert an den unglücklichen Umgang mit dem unteren Planie-Bereich, der viel Kopfschütteln verursacht hat. Gerne wüssten wir mehr hierzu. Unserer Meinung nach darf auf keinen Fall ein fantasieloses Areal im absoluten Zentrum Sindelfingens entstehen. Es geht schließlich um einen Zustand für wahrscheinlich viele Jahre. Das Gebiet muss von Beginn an interessant sein und Frequenz für die Innenstadt bringen.

Sindelfingen muss schon in diesem Zwischenstadium vor der endgültigen Bebauung des Volksbank- und Postareals zeigen, dass dieses Gebiet eine zentrale Rolle in der Innenstadtentwicklung spielt. So wie sich Stadtverwaltung, Gemeinderat und Bürgerschaft auch dringend aufmachen müssen, einen Generalplan für die endgültige Nutzung des Geländes zu entwickeln. Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren und müssen die Möglichkeiten ganz schnell nutzen.

Hier muss ein Bereich als regelrechter "Hot Spot" entstehen, mit dem Sindelfingen endlich beginnt, ein gestalterisches und architektonisches Bild zu entwickeln, das einer Stadt angemessen ist, die Standort von höchst entwickelten, international tätigen Hightech-Betrieben ist. Im Augenblick ist das leider in der Innenstadt nicht im Geringsten zu erkennen.

Uns ist dieser Aspekt wichtig, weil Sindelfingen sich auf die grundlegenden Veränderungen einstellen sollte, die zum Beispiel bei der Firma Daimler in den nächsten Jahren zu erwarten sein werden. Dabei meinen wir nicht die finanziellen, sondern die anstehenden technologischen und sozialen Veränderungen. Die aktuelle Situation betrachtend scheint es uns logisch, dass die Firma sich zu einem Mobilitätsdienstleister und auch zu einem Softwarekonzern entwickeln wird, der die riesigen Datenmengen nutzt, die die neuesten Fahrzeuge benötigen aber auch erzeugen werden. Diese Fahrzeuge werden rollende Computer sein, drahtlos verbunden mit Handys, PCs, Bankdaten, smarten Gebäuden und generieren über mobile Sensoren daher riesige Datenmengen.

Die Firmenkultur und damit auch die Beschäftigtenstruktur wird sich verstärkt in Richtung der Softwareriesen entwickeln: Eine hoch spezialisierte, gut bezahlte, mobile, kulturell und politisch interessierte Belegschaft, die nicht nur Ansprüche an ihren Arbeitsplatz, sondern auch an die Urbanität ihrer städtischen Umgebung hat. Verstärkt werden im In- und Ausland entwickelte Lebensformen und ästhetische Ansprüche auch in der Stadt gesucht werden, in der man arbeitet.

Hat sich die Stadtverwaltung darauf vorbereitet? Bietet Sindelfingen einen adäquaten Gegenpart zum hier in der Entwicklung, der Forschung und im Design anzutreffenden Spirit globalisierter Firmen? Wir haben nicht den Eindruck, dass ein solcher Zusammenhang bisher ins Bewusstsein gerückt ist oder gar öffentlich diskutiert wurde - vielleicht am ehesten noch im Zusammenhang mit der Idee einer Hochschulansiedlung mit Schwerpunkt Mobilitätsforschung. Wir denken aber, dass diese Diskussion dringend notwendig ist - es sei denn wir wollen zusehen, wie sich unsere Stadt und das Daimler-Werk immer mehr als zwei Parallelwelten etablieren.

Als Konsequenz daraus stellen wir deshalb auch die Fläche, die der Abriss der Volksbank bieten wird, in genau diesen Zusammenhang. Dort sollte für die Zeit bis zum Bau eines endgültigen, neuen, modernen Komplexes eine temporäre, aber nachhaltige und eigenwillige Architektur geschaffen werden, die den Ort schnellstmöglich zu einem außergewöhnlichen Anziehungspunkt macht. Hier sollte man sich treffen können. Hier sollten beispielsweise durch ansteigende Sitzreihen Möglichkeiten für kulturelle oder sportlich-spielerische und künstlerische Darbietungen geschaffen werden. Durch ein pavillonartiges Dach, als großes Segel geformt, könnte eine kleine geschützte Fläche gebaut, Sichtbarkeit erzeugt und die neugierig gemacht werden auf die endgültige städtebauliche Lösung.

Darüber sollten wir sofort die Diskussion beginnen, um solche Strukturen möglichst schon im nächsten Sommer nutzen zu können. In vielen Städten gibt es Beispiele temporärer Architektur: die "Humboldt-Box" in Berlin, die "Architekten-Box" in Hamburg, die temporäre Bücherei in Magdeburg, der Achim-Menges-Pavillon in Heilbronn, das schwimmende Holztheater und -kino der "Manifesta 11" in Zürich ? Die temporäre Einrichtung muss überhaupt nicht teuer oder bombastisch sein, aber sie muss vor allem Leben bringen und vielleicht auch "schlichte Schönheit".

Klaus Philippscheck, Jürgen Stauch, Herbert Rödling für die Ini "Wir alle sind die Stadt"