Ohne unnötigen Schnickschnack

Leserbrief vom 04. September 2019 - 16:24

Zu: "Pflichttermin für die Zweirad-Szene" vom 2. August

Ihr Redakteur Matthias Weigert empfiehlt, sich auch auf "der Insel" umzuschauen, da dort Triumph und Royal Enfield Motorräder produzieren. In der Tat werden Triumph Motorräder in Hinckley/UK produziert. Royal Enfield Motorräder werden hingegen schon seit fast 50 Jahren nicht mehr in Redditch/UK produziert. Bereits 1955 wurde ein Teil der Royal Enfield Produktion nach Madras/Indien verlegt. Die Werkstore in Großbritanien schlossen sich 1970 für immer.

Enfield India wurde 1994 von Eicher Goodearth Ltd., einem Zusammenschluss des nicht mehr existierenden deutschen Traktorenherstellers Gebr. Eicher und Goodearth, einem indischen Importeur, übernommen. Seit 1999 liegen auch die Markenrechte an "Royal Enfield" bei der Eicher Group. Seit einigen Jahren unterhält Royal Enfield ein Entwicklungszentrum im englischen Leicester in dem die neuen 650 ccm Zweizylindermodelle maßgeblich mitentwickelt wurden.

Royal Enfield gilt heute als ältester noch produzierender Motorradhersteller der Welt. Mit 950 000 Einheiten im Jahr 2018 ist Royal Enfield heute der größte Hersteller von Motorrädern mit mehr als 250 ccm Hubraum. Die Hauptwerke befinden sich in Madras und Chennai (beide Indien). Außerhalb Indiens gibt es meines Wissens keine RE-Werke. Und noch ein Bonmot zu der Überschrift: Von 1953 bis 1960 wurden einige Enfield-Modelle in den USA als "Indian" vermarktet.

Eine andere bekannte Marke war Horex (1923-1956) aus Bad Homburg. Zwar gab es die Produktion nicht mehr als ich in Bad Homburg meine Kindheit und Jugend verbrachte, aber die jährlichen Horex-Treffen waren ein Pflichttermin für alle Heranwachsenden in der Umgebung und prägten meinen Motorradgeschmack. Royal Enfield ist mir von damals im Gedächtnis geblieben als Hersteller großvolumiger aber leistungsarmer Motorräder, die die Fabrik bereits als scheinbare Oldtimer verließen und das ständige Mitführen eines umfangreichen Werkzeugsatzes erforderten.

Beruf und Familie führten dann dazu, dass ich meine Motorradpläne nicht weiter verfolgte, bis ich vergangenes Jahr im Urlaub in Nepal war. Meine Blicke blieben an fast jeder Royal Enfield hängen und ich begann nach meiner Rückkehr, mich mit Royal Enfield zu beschäftigen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Royal Enfield seit ca. einem Jahr zwei brandneue Modelle mit neuentwickeltem Zweizylindermotor angekündigt, die seit langem wieder mit dem Stand der Technik mithalten sollten. So verfügen sie über eine moderne Abgasreinigung, die die augenblickliche Norm übertrifft und ABS für die Sicherheit. Leider waren sie offensichtlich nicht lieferbar. Die Verzögerungen wurden aber häufig damit erklärt, dass Royal Enfield einen ernsthaften Versuch starten wollte, sich im westlichen Markt zu etablieren und deshalb keine unausgereiften Modelle an den Mann bringen wollte. Zum Jahreswechsel beschloss ich dann meinen grauen "Einser"-Führerschein zu reaktivieren und saß dann einem Royal Enfield Händler gegenüber, um eine Bestellung für eine Interceptor 650 zu unterschreiben. Mein Händler machte mir Hoffnung noch vor Ende Februar liefern zu können. Einige Telefonate später schlug mein Händler mir dann Anfang April vor, statt der bestellten orangen Ausführung ohne verlässliches Lieferdatum doch die rot/schwarze Ausführung zu nehmen, die abholbereit bei ihm im Ausstellungsraum stand. Seither fahre ich dieses Motorrad mit klassischer Linienführung und ohne unnötigen Schnickschnack. Eine Entscheidung, die ich nicht bereut habe. Royal Enfield fahren heißt, das Motorradfahren genießen. Den Bordwerkzeugsatz habe ich übrigens noch nie gebraucht.

Nikolaus Dey, Gärtringen