Auf- und zusammenstehen!

Leserbrief vom 04. Juli 2019 - 17:24

Zum Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und den gesellschaftlichen Hintergründen

"Unsere Werte muss jeder mit Mut täglich verteidigen" schreibt Franz Feyder in der Kreiszeitung vom 27. Juni 2019. Ähnlich die vielen Aufrufe in diesen Tagen nach der Erschießung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Auch ohne Aufrufe müsste eine zivile Gesellschaft, wenn der Mensch nicht in Kannibalismus zurückfallen will, auf- und zusammenstehen, wenn eine Person kaltblütig ermordet wird, weil sie für eine weltoffene Gesellschaft, Barmherzigkeit und gelebte Nächstenliebe, sprich: Solidarität eintritt. Das Aufstehen für den einzelnen Fall und dort wo die Gründe des feigen Mordes wie in diesem Falle bekannt sind, wäre ohne wenn und aber eine Selbstverständlichkeit. Etwas komplizierter die Umsetzung als Grundsatz für alles und für alle.

Deshalb dürfte man sich der Frage nicht entziehen, ob auch die Voraussetzungen für dieses gesellschaftlich höchste Gut gegeben sind. Angesichts der Gleichgültigkeit von Millionen Menschen, Tendenz steigend, ist anmahnen zu kurz gesprungen, es gehört erforscht. "Uns geht es gut und wir müssten für die Grundwerte der liberale Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zusammenstehen", scheint nicht mehr selbstverständlich zu sein.

Wenn jemand etwas dagegen tun will, muss man sich auch eingestehen, dass die Gleichgültigkeit auch nicht so grundlos ist, wie häufig behauptet wird. Es gibt Indizien genug, wenn man verstehen will, dass die Bereitschaft zum Zusammenstehen stark beschädigt ist. Populismus, Wählerwanderung, Krise der Volksparteien und mehr offenbaren die Verschärfung der Klassengesellschaft zwischen den einen, die sich alles leisten können, und den anderen, die permanent Prioritäten setzen müssen, ob und was man sich genehmigen darf.

Unterhalb einer halben Million oder 1500 Euro Monatsmiete warm ist keine anständige Drei-Zimmer-Wohnung zu kaufen beziehungsweise zu mieten. Schon gut qualifizierte und beschäftigte Fachkräfte tun sich schwer eine, nach den heutigen Anforderungen angemessene, Wohnung zu leisten und malochen. Die, die es zu sechs- und siebenstelligen Jahresgehältern gebracht haben, sind sehr rar.

Wie soll es einen Zusammenhalt der Gesellschaft geben, wenn 10 Prozent der Bürger Deutschlands 60 Prozent des Vermögens besitzen (Durchschnitt der OECD-Länder 50 Prozent) und mehr als die Hälfte der restlichen 90 Prozent trotz ihrer harten Arbeit, nichts haben. Allmählich sickert durch, wie die wilde Globalisierung die Reichen reicher und die Armen ärmer gemacht hat, als sie davor waren. Reicher oder ärmer sein hat nicht viel mit Neid zu tun, es bedeutet auch mehr oder weniger Freiheit, mehr oder weniger Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen, mehr oder weniger Würde und nicht oder doch vergessen werden auf dieser Welt.

Wer immer Sehnsucht nach der Gemeinsamkeit und das Zusammenstehen für Menschlichkeit und füreinander sein hat, muss auch für die gesellschaftlichen Voraussetzungen für das Auf- und Zusammenstehen eintreten.

Bernardino Di Croce, Sindelfingen