Alles haben wollen, aber nichts dafür tun

Leserbrief vom 07. Februar 2019 - 16:24

Zum Artikel "Widerstand gegen Fahrverbote" vom 4. Februar

Die Kreiszeitung zitiert auf ihrer Titelseite Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer, der Städten rät, die von Diesel-Fahrverboten betroffen sind, "sich mit allen juristischen Mitteln zur Wehr zu setzen". Die Bürger wollten Klimaschutz und saubere Luft, "allerdings nicht mit Fahrverboten, Geschwindigkeitsbeschränkungen oder Steuererhöhungen". Nun würde mich doch einmal sehr interessieren, wie Herr Scheuer und seine Gefolgsleute sich das vorstellen: Man möchte alles haben aber nichts dafür tun. Wie soll es zu sauberer Luft in den Städten kommen, wenn von den Fahrverbots-Gegnern gefordert wird, die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen und regelmäßig überprüften Grenzwerte zu ändern, nur damit jeder weiter munter herumfahren kann? Immerhin ist die gesundheitsschädliche Wirkung von Stickoxiden und Feinstaub durch 70 000 wissenschaftliche Publikationen belegt.

Auch der Präsident der europäischen Pneumologen-Gesellschaft, der Berufsverband der Pneumologen und die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin widersprechen den Grenzwert-Kritikern klar und deutlich. Der Verein der Lungenfachärzte für Kinder und Jugendliche machte in einer Stellungnahme in Bezug auf die Grenzwert-Skeptiker klar: "Wissenschaftliche Aussagen pauschal in Frage zu stellen, ohne hierfür Belege anzuführen, ist unseriös. Wer öffentlich Zweifel an dem gesundheitsschädlichen Potential von Luftschadstoffen sät, ohne hierfür wissenschaftliche Arbeiten zu zitieren, verletzt die Grundsätze ärztewissenschaftlichen Handelns." Es verhält sich hier wie auch in anderen Bereichen: Die Menschen wollen eine gesunde Umwelt, sauberes Wasser, saubere Luft und eine gute Zukunft. Aber wer ist denn wirklich bereit etwas dafür zu tun? Wer ist bereit, weniger Auto zu fahren, wenn es schon bei ein paar wenigen Fahrverboten oder dem Ruf nach einer Geschwindigkeitsbeschränkung empörte Aufschreie gibt? Wer verzichtet auf das extrem klimaschädliche Fliegen? Mit einem einzigen Flug nach Australien und zurück trägt ein einzelner Fluggast mehr zur Erderwärmung bei als ein Äthiopier in seinem ganzen Leben. Wer verzichtet auf Fleisch, trägt doch die Nutztierhaltung zu zirka 20 Prozent der Treibhausgasemissionen bei, zur Versauerung von Böden und Gewässern, zur Überdüngung, zu Todeszonen in den Meeren, zum Artensterben, zum Hunger in der Welt. Ohne den Fleisch- und Milchkonsum könnte man die weltweit genutzten landwirtschaftlichen Flächen um 75 Prozent reduzieren und würde noch immer genug Nahrung produzieren, um die gesamte Menschheit zu ernähren. Ohne eine Änderung unseres Lebensstils, ohne Einschränkungen und Verzicht werden wir weder gesunde Luft noch sauberes Wasser noch genügend landwirtschaftliche Flächen haben, um alle zu ernähren. Wir werden überhaupt keine lebbare Zukunft mehr haben.

Ute Teufel, Holzgerlingen