Beim Geld hört die Freundschaft auf

Leserbrief vom 03. Januar 2019 - 16:18

Zum Thema Migration

Die deutsche Politik hat sich mit der Anwerbung der "Gastarbeiter" in der Zeit zwischen 1955 und 1973 und der Verweigerung der Rechtsansprüche auf gesicherten Daueraufenthalt für weitere Jahrzehnte nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Ein halbes Jahrhundert hat es gedauert, bis Deutschland sich zum Einwanderungsland schweres Herzens bekannt und damit einige Rechte den "Gastarbeitern" zugestanden hat. Die alternative Bewegung der 1970er Jahre, meistens aus jungen Leuten aus dem linken Spektrum bestehend und zum größten Teil Vorgängerin der Partei die Grünen, war die schärfste Kritikerin der "rücksichtslosen Ausbeutung der unwissenden und rechtlosen Gastarbeiter aus dem Süden".

Als junger "Gastarbeiter", fand ich die Themen der heftig geführten Diskussionen sehr interessant und als Betroffener auch zutreffend. Mit dem Thema "Einwanderung nach Deutschland" stand eine Vielfalt an Aspekten zur Diskussion. Entwurzelung der Menschen, Ausbeutung billiger Arbeitskräfte, Schutz und soziale Verantwortung gegenüber rechtlosen Einwanderern und auch Fairness gegenüber Ländern, die viel Geld für die Ausbildung der jungen Migranten stemmen müssen und dann mit leeren Händen zurückbleiben, weil ihre Fachkräfte für 'n Appel und 'n Ei von reichen Ländern abgeworben werden. Als Folge davon wurde auch von zahlreichen Sozialwissenschaftlern der Slogan der "Arbeit zu den Menschen" und nicht umgekehrt mit geprägt. Heute wird Arbeitskraft hemmungslos eingekauft wie alle anderen Waren nach Bedarf, Güte und Preis. Viele der damaligen Kritiker, heute in der Regierungsverantwortung, machen sich darüber keinen Kopf mehr. Die Aus- und Einwanderung wird über alle Grenzen der Vernunft und unüberlegt als Lokomotive der Schaffung von Vielfalt und innovativen Potential gepriesen. Bin absolut für die freie Entscheidung der Menschen, sich auf diesem Planeten möglicherweise ein Wohn- und Beschäftigungsland auszusuchen. Trage auch die Überzeugung das Aus- und Einwanderung ein Element der kulturellen Bereicherung und Völkerverständigung sei kann. Dennoch sind die alten Bedenken nicht vom Tisch.

Abwerben und sich mit rechtlichen Steuerungsmechanismen die besten "Tomaten aus der Kiste rauszupicken" - meistens zu Lasten ärmerer Länder, die sich schwer getan haben, die Fachkräfte für den eigenen Bedarf und die eigene Entwicklung auszubilden - ist nicht mit Bananenimport gleichzusetzen. Migration wird immer noch nur zur Vermehrung des Profites benutzt und nicht zur kulturellen Bereicherung der Völker. Migranten gehören, vor allem in der Frage der Ausbildung, immer noch und in allen Ländern zu den benachteiligten Bevölkerungsschichten. Weniger Abwerbung, dafür mehr Verantwortung im Ausbau der Chancengleichheit durch die Förderung der schulischen Ausbildung ist das, was man mindestens von einem reichen Land zu erwarten hätte.

Bernardino Di Croce, Sindelfingen