Der erste Weltkrieg aus geschichtlicher Distanz

Leserbrief vom 15. November 2018 - 17:42

Zum Gedenken an das Ende des Ersten Weltkriegs

Leider herrschen 100 Jahre nach Kriegsende immer noch viele alte Stereotypen vor. In meiner Jugend gab man noch Deutschland die Alleinschuld und Kanadier fragten mich, wo denn die Hunnen in Deutschland seien? Bei distanzierter Betrachtung komme ich zum Ergebnis, dass Ideologisierung, Nationalismus, Vetternstreit und unkontrolliert agierendes Militär, gepaart mit Größenwahn zur Katastrophe führte. Daraus sollten wir lernen. Mein Opa musste als Teenager vier Jahre lang in Russland und vor Verdun kämpfen und überlebte knapp einen Kopfschuss. Kernproblem war die den Bürgern eingeredete Erbfeindschaft zwischen Deutschland und Frankreich. Ein Teil meiner Vorfahren kommt aus Frankreich. Waren das Erbfeinde?

1871 erzwang Bismarcks Preußen das Zweite Kaiserreich in Versailles und demütigte die Franzosen. Wie wäre die Geschichte verlaufen, hätten stattdessen der Süddeutsche Bund und Österreich zusammengefunden? Nachdem der halbe Engländer, Kaiser Wilhelm II., den Nichtangriffspakt mit Russland nicht verlängerte und nach dem Ableben seiner Oma, Queen Viktoria, mit seinem Vetter, dem Englischen König, und seinem Vetter, dem Zaren, eifersüchtelte, waren die Voraussetzungen schlecht. Als ein serbischer Terrorist das österreichische Thronfolgerpaar ermordete und Österreich Serbien in den Krieg zwang, eilte Deutschland als Kriegspartei ohne Not hinzu. Mit der Folge, dass Russland und das auf Rache für Sadova sinnende Frankreich in den Krieg eintraten. Wegen der Brechung der Belgischen Neutralität und Gräueltaten durch Deutsche Truppen griff England in den Krieg ein, 1915 überfiel Italien Südtirol. Nachdem Deutschland Mexiko zum Kriegseintritt zu überreden versuchte und ihnen Texas versprach, was die Engländer den Amerikanern steckten, traten diese in den Krieg ein. Am Ende waren noch viele Länder mehr im Krieg.

Kopfschüttelnd möchte man meinen: "Eine Horde von Raufbolden, denen Millionen Tote und Hungernde gleichgültig waren, wegen Ruhm und Stolz". Auch hatte man aus dem amerikanischen Bürgerkrieg nicht erkannt, dass es jetzt Massenvernichtungswaffen gab. Wenn ich heute die ganze Politikpropaganda lese, frage ich mich, ob wir überhaupt viel gelernt haben?

 

Jörg Lanksweirt, Böblingen