Baumfamilien stärken sich gegenseitig

Leserbrief vom 31. Oktober 2018 - 15:00

Zum Artikel vom 24. Oktober 2018 "Manche Eichen müssen weichen"

Bei der Begehung des Dagersheimer Waldes wurde vom Revierförster Herrn Erbacher folgendes Statement abgegeben: "Wenn die jungen Eichen jetzt kein Licht von oben bekommen, so verkümmern sie wieder und sind verloren. Auch den Kampf um's Wasser würden sie verlieren. Deshalb müssen Bäume gefällt werden." Wissenschaftler der Universität Aachen, in Zusammenarbeit mit Förster Peter Wohlleben, kamen zu ganz anderen Erkenntnissen.

Sie haben in jahrzehntelanger Forschung festgestellt, dass Baumschößlinge im Verbund mit ihren Baumeltern zu stärkeren und widerstandsfähigeren Bäumen heranwachsen, als ohne sie. Zu dieser Baumfamilie gehören auch die benachbarten Bäume, die dann alle zusammen eine Gemeinschaft bilden. Über die Wurzeln werden die Kinder von allen mitversorgt, auch kränkelnde Schösslinge. Dies bewährt sich in trockenen heißen Sommern und kalten Wintern (Wasserversorgung).

Durch Botenstoffe, die ausgesendet werden, funktioniert ein Frühwarnsystem, um Maßnahmen zum Schutze gegen Schädlinge einzuleiten. Hierfür produzieren alle gewarnten Bäume Giftstoffe (bei den Eichen sind es Gerbstoffe), die über die Rinde und Blätter ausgesendet werden. Herannahende Schädlinge erkennen dies und meiden die Baumgemeinschaft. Sie fliegen weiter - oft bis zu 100 Meter. Funktioniert das nicht, weil das Gemeinschaftssystem durch Fällung zerstört ist, werden die Bäume von Schädlingen buchstäblich überfallen, weil sie sich nicht darauf vorbereiten konnten. Baummütter stehen im Idealfall dicht mit ihren Nachbarn zusammen und lassen durch ihre Kronen bewusst nur drei Prozent des Sonnenlichtes durch. Den Schößlingen wird somit ermöglicht, ganz langsam zu einem starken Baum heranzuwachsen. Das ist nicht im Interesse der Holzindustrie, die möglichst schnell große Bäume "ernten" will. Dies gelingt nur durch Ausdünnung und mitunter auf Kosten der Gesundheit der Bäume, weil die Selbstregulation ausgehebelt wird.

Nur indem man die Baumgemeinschaften erhält, ist der Wald selbst in der Lage, für seinen gesunden Nachwuchs zu sorgen. Diese Selbstregulation des Ökosystems Wald ist aber nur gegeben, wenn von den vielen Fällungen der gesunden Mutterbäume und ihrer Nachbarn abgesehen wird. Laut Peter Wohlleben ist dies langfristig sogar ertragreicher. Das Buch dazu von Peter Wohlleben heißt "Das geheime Leben der Bäume".

Eva Schlenker, Dagersheim