Eine Sprosse nach der anderen nehmen

Leserbrief vom 25. Oktober 2018 - 18:24

Zum Thema Ausbildung und den Ansprüche an die eigene Karriere

Schon vor 40 Jahren hatte ich in unserem Betrieb mit "Auszubildenden" (damals noch "Lehrlinge") zu tun. Bei uns gab es für jeden Lehrling einen "Lehrgesellen". Bei diesem Lehrgesellen arbeitete der Lehrling nach seiner Grundausbildung mit.

Auch ich hatte einen solchen "Hilfsausbilder". Von diesem habe ich sehr viel - weit mehr als von meinem Meister - gelernt. Das war die Grundlage für meine "Karriere" als Werkzeugmacher (später Vorrichtungsbauer, Sondermaschinen- und Montagestraßen, sowie Montage-Roboter-Bauer und Konstrukteur). Für uns Lehrlinge war in den 60er Jahren unsere Ausbildung nicht zu allererst der Anfang einer "Geldverdiener-Karriere", sondern der Beginn einer soliden Berufslaufbahn. Damit war auch meist harte Arbeit verbunden.

Wenn ich an die Ausbildung in den Jahren 2000 bis 2010 denke, war dies ein "Spaziergang" im Vergleich zu unserer "Lehre". Gewiss: Die Anforderungen in der Ausbildung sind gestiegen. Aber nur in der Theorie. In der Praxis hinken sie alle hinterher!

Ich denke nur an ein Erlebnis meines Bruders, der die Druckerei eines Unternehmens in der Textilbranche leitete und als einziger Drucker auch die Arbeit machen musste. Der Chef des Unternehmens brachte ihm eines Tages einen jungen Mann als Praktikanten, der kurz nach seinem Abitur auf Betreiben seiner Mutter ein Praktikum absolvieren wollte oder sollte. Schon am dritten Tag fragte der junge Mann meinen Bruder nach seinen "Aufstiegschancen".

Mein Bruder nahm ihn mit ins Hochregallager, stellte eine Leiter auf und ließ den jungen Mann darauf hochklettern. Als der letztendlich ganz obern war, fragte er: "Und jetzt?". Mein Bruder antwortete ihm: "Das sind deine Aufstiegschancen!" Diese Einstellung habe ich bei unseren "Auszubildenden" bis zu meinem Ausscheiden als Rentner festgestellt.

Die Ausbildung und Lehre ist ja auch die Grundlage einer Karriere (nicht nur ein meist theoretisches Studium).

Man spricht auch nicht umsonst von einer "Karriereleiter"! Auf dieser Leiter kommt ein Schritt nach dem anderen. Man kann nicht gut eine Sprosse auslassen. Ich habe das sehr gut an unseren Ingenieuren gesehen. Diejenigen, mit der Turbo-Karriere (Abitur - Studium - Anstellung) waren weit schlechter, als diejenigen mit Volks-/Hauptschule - Lehre - Studium - Anstellung. Ganz einfach weil der Praxisbezug fehlte.

Ich rate daher jedem/jeder, der/die auf der Karriereleiter aufsteigen (und viel Geld verdienen will) eine Sprosse nach der anderen zu nehmen! Und wenn er/sie beim Facharbeiter hängen bleibt, ist noch nichts verloren!

Friedrich Mundle, Grafenau