Klein England statt Großbritannien?

Leserbrief vom 23. Oktober 2018 - 10:54

Zum bevorstehenden Brexit

Im Sommer 2015 reichte ich einen Lesebrief ein und zog mir mit den Unmut des seinerzeitigen Herausgebers der Kreiszeitung zu, als ich unter anderem schrieb: "Was habe ich als Europäer mit Briten gemeinsam, die ihre "splendid isolation" wieder haben wollen? Ich war auf einer internationalen Konferenz, als 2016 für den Brexit abgestimmt wurde. Die Briten dort zeigten sich entsetzt. Nicht wegen des EU-Austritts, sondern weil sie jetzt beim Zoll länger anstehen müssten und ihre Jobs wackeln könnten. 1968 und 1969, als ich bei Familien in England wohnte, war das anders. Wir schimpften auf De Gaulle, der England nicht in die EWG ließ und ließen uns von der durch den Kalten Krieg bedingten Haltung "don't mention the war" täuschen. Als ich nach Ende des Kalten Krieges geschäftlich in und mit England zu tun hatte, war das Land anders. Sehr nationalistisch, der Juniorpartner der USA, antieuropäisch und unterschwellig antideutsch. Mancher Kollege im höheren Management seufzte, dass auf der Insel manche immer noch den Zweiten Weltkrieg kämpften. Im Rückblick war es schade, dass Ende der 1970er Jahre der erste Brexit fehl schlug.

England passt nicht ins vereinte Europa. Schottland und Wales eher. Ich habe auf der persönlichen Ebene viele Briten kennen gelernt, die europäisch denken. Sobald man die Hierarchien nach oben geht, denkt man leider immer noch imperial. Großbritannien ist ein fragiler Staatenbund. Nach dem Brexit könnte Klein-England drohen.

Jörg Lanksweirt, Böblingen