Wo bleibt die Kultur der Nächstenliebe?

Lesermeinung

Leserbrief vom 11. Oktober 2018 - 16:48

Zum Kommentar "Die Nächsten" vom 29. September. Angesichts der Notlage im Umfeld von Tschernobyl, die das Holzgerlinger Paar Schill durch Häuserbau zu lindern versucht, sind globale Überlegungen wie sie Martin Müller in seinem Kommentar anstellt, sehr wichtig.

Seit der Club of Rome 1972 unsere industrialisierte Umweltzerstörung aufzeigte, hat sich zwar die Zahl der Publikationen, Grünen Parteien und Konferenzen zu diesem Thema stark vergrößert, die Zerstörung unseres Planeten aber nimmt weiter zu.

Ein Beispiel: Die gebauten Autos - Blechhaufen nennt sie mein ehemaliger Nachbar und Daimler-Mitarbeiter - werden immer mehr, größer, stärker und schneller. Ein abgasarmes vernünftiges Baumaß hat trotz zunehmender Verkehrsverdichtung, Fahrverbote und Luftverschmutzung keine Chance, denn die Rendite, das individuelle Ego, das Mehr und das Neue wird von der Autoindustrie perfekt als alternativlos propagiert und kultiviert. Gleichzeitig werden Auswirkungen auf die Umwelt ignoriert und machbare Alternativen nur sehr zögerlich angegangen. Aber irgendwann werden wir von der im Namen des Fortschritts produzierten dreckigen Luft nachhaltig beschädigt.

Nicht nur die von Kriegen zum Teil mit deutschen Waffen verursachten Flüchtlingsströme, sondern auch die Migrationsbewegungen weltweit halten uns den Spiegel vor. Immer noch profitieren wir von den kolonialen Markt- und Machtstrukturen, die in den letzten Jahrhunderten aufgebaut wurden. Sie liefern Rohstoffe. Wir machen daraus hochwertige Fertigprodukte, nutzen dabei ihre Minimallöhne und verkaufen sie teuer. Wer mehr darüber wissen will, sollte sich mit den globalen Wertschöpfungsketten beschäftigen, die auch aufzeigen, worauf unser sich mehrender Wohlstand gründet und die Kluft zwischen Armen und Reichen weiter wachsen lässt.

Wo bleibt da die hochgepriesene christlich-abendländische Kultur der Nächstenliebe und Solidarität? Wo bleibt da der faire Austausch, der gerechte Lohn? Seit Jahrzehnten stagniert die Entwicklungshilfe, sowohl finanziell als auch personell.

Es bedarf vieler Dickbrettbohrer um die Energiewende einzuleiten. Wenn das Jugendreferat an Grundschulen versucht, durch Aktionen Kinder für Umweltschäden zu sensibilisieren, so weist dies in die richtige Richtung, um längerfristig was zu ändern. In einer Stern-Region allerdings, in der gut verdient wird und in der man gut leben kann, ist dies besonders schwer.

Karl Weis, Holzgerlingen