Kirche kapituliert vor zehn Geboten

Leserbrief vom 08. Oktober 2018 - 18:00

Zum Artikel "Nicht heilig, sondern sündig" vom 26. September.

Der Missbrauchsskandal und seine Folgen haben das Vertrauen in die christliche Elite unterminiert. Klar ist aber auch: Die katholische Kirche muss sich der Kritik stellen, zumal sie von der Geistlichkeit provoziert ist. Sie haben sich und anderen geschadet und Unrecht zugefügt. Wenn das Sündenglöcklein läutet und die aus theologischer Sicht neokirchliche Moralabwesenheit elegant entsorgt werden möchte, ist es Zeit für eine Nachsorgebehandlung.

Die Vergangenheit liegt in einer Mülltonne. Die Namen in der Tonne werden in diesen Tagen zur Statistik verarbeitet - so, als könnten die Seelen der Opfer sich erbrechen und somit befreien von Abscheu, Schmerzen, Hilflosigkeit und Wut? Es liegt ein scharfer Chlor-Geruch über dieser keimfrei, desinfiziert wirkenden Recycling-Prosa. Trotzdem dürfte der Täterwaschmaschinen-Inhalt die geistlichen Weltbilder ins Wanken bringen. Viel interessanter als das Reden oder Schweigen der Hauptverantwortlichen ist das Panorama, das sich seit bald neun Jahren in diesem Skandal entfaltet: Das Bild einer Kirche, die vor den zehn Geboten kapituliert. Die vermeintlich nächstenliebenden Schutzpatrone der Gläubigen erweisen sich zunehmend unzuverlässig und unglaubwürdig.

Manfred Hauke, Böblingen