Deja-vu der Bombennacht von 1943

Leserbrief vom 04. Oktober 2018 - 17:18

Zum 75. Gedenken an den Bombenangriff auf Böblingen und die Umlandgemeinden.

Deja-vu beschreibt das Gefühl, eine neue Situation schon einmal erlebt zu haben. Dieses Gefühl haben wie meine Mutter gegenwärtig Menschen, die die Bombennacht vom 7. auf den 8. Oktober 1943 überlebt haben. Denn das Wetter ist genau so sonnig wie an den Tagen vor dem Bombenangriff.

Viele Erinnerungen kommen bei ihr hoch: Wie sie mit ihrer Mutter ihrer Schwester und Nachbarn im Keller des heutigen Ratsstüble, in der Marktstraße, saß und das Haus daneben von einer Luftmine ausgelöscht wurde. Das Haus meiner Großeltern, das alte Forsthaus in Fachwerkbauweise aus dem 17. Jahrhundert, wackelte in seinen Grundfesten, hielt aber der Druckwelle stand. Als sie aus dem Keller kamen, riss sich der kleine Hund meiner Mutter in Panik los und kam um. Die Innenstadt war eine Feuerhölle. Die Bewohner der Pfarrgasse seilten sich mit Hilfe der Anwohnerin Frau Stierle aus ihren brennenden Häusern über die Stadtmauer in die Poststraße ab. Mein Opa, der Bote Braun, der aufgrund einer schweren Kriegsverletzung von Verdun nicht einrücken musste, war der Bürgerwehr zugeteilt und im Keller der Brauerei am Postplatz in Bereitschaft. Nach dem Angriff rannte er durchs brennende Böblingen zu seiner Garage am unteren Ende der Hüttentalstraße, in der sein Lastwagen mit einer Ladung Margarine geparkt war. Außer dem beschädigten Garagentor war nichts passiert. Danach scheuchte er seine Töchter, die sich in einen kleinen Bunker in der Helfergasse gerettet hatten, auf mit den Worten: "Ihr hockt im Bunker und unser Dachstuhl brennt!" Da die Eichenbalken so alt waren, brannten sie nicht richtig und konnten das Feuer eindämmen. Gegen Mitternacht kamen zum Glück die Feuerwehren aus Calw und dem Umland und pumpten Wasser aus den Entnahmestellen an den Seen zur Marktstraße.

Andere hatten weniger Glück. Mein Vater erzählte mir oft von der Bombennacht. Er musste die Jugendfeuerwehr an dem Abend leiten, die Tote etwa von dort, wo heute das Hotel Garni Decker steht, bergen musste. Diese Nacht hatte sich ins kollektive Gedächtnis der Bürger im wahrsten Sinne der Wortes eingebrannt.

Leider hat die Menschheit nicht dazugelernt, und ich bin heute froh darüber, 1968 gegen die Bombenangriffe in Vietnam demonstriert zu haben und 2003 gegen den Irakkrieg. Mit einem Schild "Krieg ist ein gutes Geschäft! Investiert eure Söhne!" Heute müsste man ergänzen: "und eure Töchter!"

Jörg Lanksweirt, Böblingen