Özil, Gündogan und der medialaufgescheuchte Hühnerhaufen

Leserbrief vom 09. August 2018 - 16:12

Zur Debatte um die Fußballer Mesut Özil und Ilkay Gündogan

Wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen erscheint die öffentliche Diskussion zu den Fällen Mesut Özil und Ilkay Gündogan. Kopfschüttend liest man zum Beispiel, dass Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder, der dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan in "Männerfreundschaft" verbunden scheint, den Außenminister Heiko Maas, Ziehsohn von Schröder-Gegner Oskar Lafontaine, bezüglich dessen Aussage zu Mesut Özil heftig beschimpft. Die Liste derer, die ihre einseitigen Kommentare beitragen, wird täglich länger. Man fragt sich, wann nach Erdogan und dem englischen Verein von Özil, sich noch der Papst zu Wort meldet?

Dabei hätte es gar nicht so weit kommen müssen. In Betrieben steht meist in der Arbeitsordnung, dass sich Mitarbeiter während der Arbeitszeit nicht politisch äußern dürfen, da sonst der Betriebsfrieden gestört würde. Sinngemäßes gilt für die Deutsche Nationalmannschaft. Hier hätte Löw früh handeln müssen und Ermahnungen aussprechen. Stattdessen äußerte er "sffzzt" gewisses Verständnis und versuchte abzuwiegeln. Dass er, Özil und Gündogan vom selben Berater "beraten" werden, bringt ein Gschmäckle rein. Mit angefeuert durch die Medien und einseitige Kommentarspalten, schaukelte sich die öffentliche Diskussion hoch. Auf allen Seiten nicht immer sachlich, teils beleidigend bis drohend geführt.

Auf der Facebook-Seite der Mutterzeitung dieser Zeitung bekam ich, als ich vom "Skandal Löw" sprach, Todesverwünschungen zu lesen: "Skandal ist, dass Sie überhaupt geboren sind". Leider von den Forumsmoderatoren nicht beanstandet, die aber bei Kritik an Redakteuren schnell empört reagieren.

Alle haben versagt: Löw, der Deutsche Fußballbund, Sportfunktionäre, wie FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß, der verbal ins Klo griff, Politik und Özil, der seinen Fehler verteidigt und den DFB rassistisch nennt. Dass Erdogan die Situation ausnutzt, ist logisch. Schließlich konkurrieren Deutschland und die Türkei um die Ausrichtung der Fußball-EM 2024. So wie sich der DFB und ganz Deutschland gerade darbieten, sind wir kein würdiger Kandidat, wenn wir wegen vergleichsweiser Kleinigkeiten wie hysterische Hühner medial herum flattern.

Jörg Lanksweirt, Böblingen