Keine Spur vonNachdenklichkeit

Leserbrief vom 19. Juni 2018 - 15:06

Zu den Artikeln "Minister Scheuer, der Zetsche-Schreck", "Keine Jobangst in Untertürkheim" vom 13. Juni, "Volkswagen zahlt hohe Geldbuße in Deutschland" vom 14. Juni, "Gedanken zum Sonntag" von Pfarrer Andreas Hiller und "Daimler-Betriebsrat wirft Justiz Vorverurteilung vor", 16. Juni

Den Vorwurf der Manipulation der Abgasreinigung und ob Daimler-Manager mit illegalen Abschalteinrichtungen betrogen haben, klären derzeit die Stuttgarter Staatsanwaltschaft und das US-Justizministerium. Bundesverkehrsminister Scheuer hingegen hat wegen unzulässiger Abschalteinrichtungen in der Abgasreinigung schon einen Rückruf von 238 000 Daimler-Fahrzeugen veranlasst. Daimler-Chef Dieter Zetsche will deren Rechtmäßigkeit prüfen lassen. Europaweit seien sogar 774 000 Daimler-Fahrzeuge betroffen. VW hingegen ist schon bereit, eine Geldbuße in Höhe von einer Milliarde Euro zu zahlen.

25 Milliarden Euro sind für VW die Gesamtkosten des Abgas-Skandals bisher. Trotzdem gab es elf Milliarden Euro Jahresgewinn und Millionengehälter. Im Kernland der Automobilwirtschaft Baden-Württemberg wurden 2016 in der Branche von 235 000 Personen eine Million Autos produziert und der Umsatz lag mit 65 Prozent Auslandsanteil bei 105 Milliarden Euro.

Die Zahlen zeigen, dass es vorrangig um die Rendite und den Umsatz geht. Wer ist der Größte in der deutschen Leitindustrie, scheint die einhellige Ausrichtung zu sein. Soziale, ökologische und ökonomische Folgen werden dabei ebenso negiert wie die globalen Auswirkungen auf Ressourcenverbrauch, Umwelt und den Klimawandel. Der Klimawandel schadet vorrangig jenen in armen Ländern, die am wenigsten dazu beitragen. Und wenn Zetsche am Rednerpult beteuert, dass bei Daimler nicht betrogen oder manipuliert wird und argumentiert, dass die Softwareprogrammierung dem Schutz der Motoren und nicht dem Bestehen von Abgastests diente, dann bleibt nur abzuwarten, wer im Rechtsstreit siegt. Von Umkehr oder wenigstens Nachdenklichkeit keine Spur. Und ob die gigantische Ausweitung und einseitige Ausrichtung auf immer mehr Autos zukunftsfähig ist, darf bezweifelt werden.

Anmerkung: 1970, vor meinem Studium der Pädagogik, war ich als Kfz-Meister im Ford-Entwicklungszentrum in Köln mit Abgastests beschäftigt. Die Firma Solex bestückte Motoren mit unterschiedlichen Vergasern, um den Abgasausstoß zu optimieren. Die während der verschiedenen Zyklusfahrten auf der Rolle gemessenen Abgase wurden in einem riesigen Plastikbeutel gesammelt. Die Giftstoffe hinterließen ekligen schwarzen, braunen, grünen und gelben Schleim im Riesenbeutel, der mir bis heute in Erinnerung geblieben ist.

Karl Weis, Holzgerlingen