Unde venitis? - Quo vadis EU?

Leserbrief vom 28. Mai 2018 - 13:24

Zum Thema "Zukunft der EU".

Robert Schuman als Sohn eines aus Lothringen stammenden Vaters und einer luxemburgischen Mutter, einige andere Politiker wie Jean Monnet, Alcide De Gasperi, Konrad Adenauer aber auch Winston Churchill und viele andere, die sich nach Frieden, Freundschaft, Freiheit und Demokratie der Völker in Europa sehnten, hegten schon mittendrin im zerstörerischen 2. Weltkrieg die Gedanken eines vereinigten Europas. Wenn europäische Länder die Handelsbeziehungen untereinander aufbauen, werden weniger Krieg gegeneinander geführt, so die Frieden schaffende einleuchtende Überzeugung und man regte unmittelbar nach dem Krieg die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), Vorläufer der heutigen EU, an.

Wer weiß es, ob sie sich damals vorgestellt haben, wie Wirtschafts-Kriege den Unfrieden unter den Europäern und anderswo erzeugen und wie die gewünschte Freiheit und Demokratie dadurch auch beeinträchtigt werden würde. Heute wissen wir wie Wirtschafts-Kriege viele Menschen entwürdigen, entmündigen und auch unfrei machen. Bundespräsident Steinmeier beklagt leise bei dem Jahrestag der Verkündigung des Grundgesetzes den Verlust des Vertrauens in die etablierten demokratischen Institutionen. "Er wolle zwar nicht einstimmen in den Chor der Untergangspropheten, aber alle spüren, dass etwas ins Rutschen geraten ist." Wenn dies schon in dem reichsten Land der EU vernommen und bei allen Wahlen versucht wird, die etablierten Politiker durch Jüngere, Unbelastete und Dynamikversprechende zu ersetzen, dann ist in einigen anderen EU-Ländern schon längst fünf vor zwölf. Unde venitis? (woher kommt das?)

Auch bei den Wirtschafts-Kriegen gibt es sehr viele "Opfer", Verlierer. Globalisierung, EU-Integrationsprozesse und "Demokratieexport", die mehr ein Kampf um Einfluss und Sicherung der Energieressourcen sind, als die so deklarierten "Handlungen aus humanitären Gründen", haben mit dem Lied "What a wonderful World" nicht viel gemeinsam. Verlierer haben dadurch weniger Geld, weniger Würde durch befristete und prekäre Beschäftigungen und weniger Anerkennung als vor vielen Jahren und in der Relation mit den heutigen Wohlhabenden, Reichen und Superreichen, die ihre soziale Stellung mit mehr Geld, Freiheit und Privilegien ausgebaut haben. Wer will schon in einem Chor der Untergangspropheten mitsingen? Aber auch ein Chor der Louis Armstrong nachsingt spricht nicht gerade für soziale Verantwortung.

So wählen die Italiener und andere Bürger in der EU "Cinquestelle und Lega Nord". Selber Schuld? Weniger haben ist nicht begeisternd aber noch schlimmer ist es, vergessen zu werden. Früher gab es Parteien und Politiker, die ein System in Frage gestellt haben und sich als Sprachrohr der Ärmeren betätigt haben, jetzt wollen fast alle im Chor für "What a wonderful World" mitsingen. Scheinbar wird das Lied so laut gesungen, dass die Sänger nicht merken, dass das Schiff untergeht.

Bernardino Di Croce, Sindelfingen