Keine Glorifizierung: Bitte das Gesamtbild sehen

Leserbrief vom 16. April 2018 - 13:36

Zum Leserbrief: "Es entsteht der Eindruck einer Glorifizierung" von Jürgen Siehr vom 12. April

Ich kann den Eindruck von Herrn Siehr, die Kreiszeitung habe im Artikel "Hitlers Kriegsmaschine rollt in die Stadt" vom 9. April glorifiziert, nicht zustimmen. Der war sehr nüchtern. Die Realität war wohl "slightly different". Ich konnte noch mit Zeitzeugen von damals sprechen. In der Bevölkerung amüsierte man sich über die kartoffelessenden Soldaten aus Norddeutschland. Andererseits genoss man das muntere Leben, das die Soldaten in die Stadt brachten, mit Tanzmusik im Fliegerhorst und längst vergangenen Lokalen. Böblingen war eine lebendige Stadt. Ums Militär machten sich wenige einen Kopf. Ein Großteil der Deutschen war leider für das Dritte Reich. Als wir "68er" unsere Altvorderen kritisch zur damaligen Zeit hinterfragten, regte uns eigentlich die Doppelmoral auf. Keiner wollte für Hitler gewesen sein. Aber irgendwie trauerten viele dem Dritten Reich nach und Politik und Wirtschaft waren noch mit alten Nazis durchsetzt.

Zu denken gab mir die Diskussion mit einem Ex-HJ-Führer, der ehrlich war. Er war sehr jung, groß, blond, blauäugig, hatte eine tolle Uniform, ein Motorrad und anfangs eine tolle Zeit, bis er als 17-Jähriger Berlin verteidigen musste. Als 1960er-Jahre-verwöhntes Bürgerkind kam ich mir doch etwas überheblich vor, als ich mich fragte, wie ich in der damaligen armen Zeit, ohne unser Wissen über Demokratie mich verhalten hätte? Wir sollten aufhören, uns moralisch auf die Seite der Sieger zu schlagen. Aus der Nummer kommen wir nicht raus. Wir tragen keine Schuld, jedoch Verantwortung, dass Ideologie, Macht von Gruppen, Indoktrinierung, Wut und Hass nie mehr deutsches Handeln bestimmen darf.

Ich habe das Gefühl, dass vieles, was meine Generation in den 1960er und 1970er Jahren erlernt hatte, in den Wirren des Wohlstandes und der Spaßgesellschaft unter gegangen ist.

Jörg Lanksweirt, Böblingen