Ist der falsche Polizist von Gärtringen nur ein Geschäftsmann?

Angeklagter will mit Gärtringer Betrugsmasche der falschen Polizisten nichts zu tun haben

Artikel vom 05. Juli 2019 - 14:48

Von Bernd S. Winckler

GÄRTRINGEN/STUTTGART. Sitzt mit einem 43-jährigen Deutsch-Türken tatsächlich jener Strippenzieher auf der Anklagebank des Stuttgarter Landgerichts, der auch in Gärtringen zwei Senioren falsche Polizisten auf den Hals hetzte, um sie um ihr Erspartes zu bringen? Oder ist der Mann am Ende kein Bandenkopf, sondern nur ein harmloser Geschäftsmann?

Im Prozess vor dem Stuttgarter Landgericht gegen den Mann, der als falscher Polizist unter anderem maßgeblich an Betrügereien gegenüber Senioren in Gärtringen sowie dem Landkreis Ludwigsburg beteiligt gewesen sein soll, beteuert der Angeklagte auch am zweiten Verhandlungstag seine Unschuld.

Der Anklageschrift zufolge soll er als Bandenkopf von einem Call-Center in der Türkei aus Senioren angerufen und mehrere falsche Polizisten ferngesteuert haben: die sogenannten Geld- und Wertsachen-Abholer, die dann vor Ort bei den Senioren Druck machen. Darunter auch die beiden bereits verurteilten 23 und 34 Jahre alten Männer, die beim Empfang der Beute festgenommen wurden. Später soll er hierzulande dann die Beute zwischengelagert und später in die Türkei gebracht haben.

Doch stimmt das wirklich? Der Angeklagte behauptet, er sei ein harmloser Geschäftsmann mit deutschem und türkischen Pass, der Immobilien in der Türkei einkauft, beziehungsweise finanziert. Nur dafür habe er Geld in die Türkei transferiert. Und auch nur dazu habe er versucht, Leute für einen Geldtransfer in die Türkei zu gewinnen. Und der jüngere Mann, den das Landgericht bereits wegen seiner Täterschaft verurteilt hat, soll als Geldüberbringer einen großen Betrag selbst veruntreut haben.

Ob die Richter der 8. Großen Strafkammer des Stuttgarter Landgerichts die Geschichte des 43-Jährigen glauben, wird sich am Ende des Prozesses noch zeigen.

Am gestrigen zweiten Prozesstag haben die beiden Verteidiger des Beschuldigten eine polizeiliche Ermittlerin im Zeugenstand durch ein Kreuzverhör in Bedrängnis gebracht. Die Ermittlerin berichtete von der Überwachung der Telefonate zwischen dem Angeklagten und seinen mutmaßlichen Geldabholern im letzten Jahr. So auch bei dem Versuch, eine 63-jährige Rentnerin in Gärtringen um rund 25 000 Euro und Goldschmuck zu erleichtern. Der Gärtringerin wurde mitgeteilt, sie müsse Geld vor anrückenden Einbrechern bei der - falschen - Polizei in Sicherheit bringen. Ebenso bei einem Ehepaar in Stuttgart, dem die falschen Polizisten mit der Behauptung, es kämen Einbrecher, knapp 5000 Euro und ein Sparbuch abluchsten. Der Versuch, 55 000 Euro bei einer betagten Frau in Schwieberdingen zu ergaunern, schlug indes fehl. Den Gesamtschaden, für den der 43-Jährige verantwortlich sein soll, beziffert die Staatsanwaltschaft auf rund 120 000 Euro.

Doch wie zuverlässig waren die polizeilichen Telefonüberwachungen? Die Ermittlerin ist überzeugt, dass man dadurch festgestellt habe, wie der Angeklagte seine Geldkuriere anleitete, wie er ihnen Tipps gab, wie sie große Bargeldbeträge sicher in die Türkei bringen können. Erlaubt sind jeweils pro Person nur bis 10 000 Euro. Er soll den Hinweis gegeben habe, dass man im Koffer keinerlei elektronische Geräte transportieren dürfe, weil dann der Koffer einer intensiven Kontrolle unterzogen werde. Er soll sich mit den Geldtransporteuren regelmäßig getroffen haben, um Beutestücke wie Schmuck und Gold zu übergeben. Laut Ermittlerin habe der Angeklagte eine große Erfahrung besessen, wie man sicher Bargeld in die Türkei unkontrolliert schafft.

Kreuzverhör bringt keine gesicherten Erkenntnisse

Durch das Abhören seiner Telefonate habe man auch mitbekommen, dass die Beute zuerst in einem Metallkoffer zwischengelagert und später dann in die Türkei gebracht wurde. Doch auf Nachfragen der Verteidiger muss die Polizei zugeben, dass man im Grund keine deutlichen Erkenntnisse gewonnen habe, dass der hier sitzende Angeklagte die von falschen Polizisten ergaunerten Gelder und Sachwerte tatsächlich empfangen oder persönlich an Transporteure ausgehändigt habe.

Nach der Darstellung des 43-Jährigen hätten seine Geldtransfers ausschließlich zum Kauf eines Hotels in der Türkei gedient. Dabei sei es einmal um 50 000 Euro gegangen, wobei dem Mann, der das Geld transportieren sollte, eine Provision von drei Prozent versprochen worden sei. Jene 50 000 Euro verschwanden allerdings beim Transport in offensichtlich dunkeln Kanälen.

Akribisch genau wollen die Stuttgarter Richter jetzt in der Beweisaufnahme herausfinden, welche Rolle der Angeklagte im Fall der falschen Polizisten spielte und ob er tatsächlich nur Opfer einer Fehleinschätzung polizeilicher Telefonüberwachung ist. Dazu werden auch jene Männer in den Zeugenstand gerufen, die als angebliche Komplizen des 43-Jährigen schon schuldig gesprochen wurden. Ebenso werden auch alle Opfer der Masche, die bereits im ersten Prozess im April dieses Jahres vernommen wurden, nochmals eingehend befragt. Dazu hat die Strafkammer noch sechs weitere Prozesstage angesetzt.

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