Schönbuch: Klimawandel verstellt innere Uhr von Tieren

Fachmännisch begleiteter Winterspaziergang am Mönchberger Sattel: Vorbei an Spechthöhlen und einer zukünftigen Waldweide

Bei einer Waldbegehung am Mönchberger Sattel haben der Revierförster Weil im Schönbuchs, Daniel Berner, und der Forstrevierleiter vom Herrenberger Stadtwald, Winfried Seitz, darüber aufgeklärt, wie heimische Wildtiere mit extremen Wetterschwankungen umgehen.

Artikel vom 22. Februar 2019 - 19:30

Von Anja Wickertsheim

KREIS BÖBLINGEN. "Der Wald ist ein Rückzugsort für Wildtiere und wir möchten möglichst allem gerecht werden. Wir möchten die Natur schützen, Tieren einen Rückzugsraum geben und Kulturgeschichte bewahren", berichtet Berner, während er mit den Füßen fest auf schneebedecktem Waldweg steht. Mit von der Partie sind Förster Winfried Seitz, der den Herrenberger Stadtwald wie seine Westentasche kennt, und Dominik Schorpp, der momentan ein Praxissemester in Forstwirtschaft durchläuft. "Das ist ein Studium mit unzähligen Facetten zwischen Naturschutz, Öffentlichkeitsarbeit, Wirtschaft und Holzernte. Eine Arbeit, bei der man viel in der Natur ist und trotzdem Kontakt mit Menschen hat", erklärt der 22-jährige Student.

Nur einige Meter entfernt ragt ein kahler, etwa fünf Meter hoher Baumstamm in die Höhe. Ein glatter, nahezu rindenloser Stamm, der eher an einen Marterpfahl, als einen heimischen Baum erinnert - und doch einen wichtigen Zweck erfüllt. "Der Baum ist nicht tot und bietet vor allem dem Mittelspecht Nahrung", betont Seitz mit einem Blick auf einzelne Rindenplatten und die Löcher, die im oberen Drittel des Stamms von einem emsigen Specht in den Baum gehackt wurden. Die nahezu kreisrunden Hohlräume dienen nicht nur dem gefiederten Zimmermann mit dem langen, schmalen Schnabel als Bruthöhle, sondern werden nach dessen Auszug unter anderem von Siebenschläfern, höhlenbrütenden Vogelarten oder auch Fledermäusen erneut belegt und als Unterschlupf oder Nistplatz genutzt.

"Im Herrenberger Stadtwald gibt es 13 verschiedene Fledermausarten und im gesamten Schönbuch sogar 16. Die verschiedenen Arten wurden im Jahr 2015 von Professor Müller - ehemaliger Leiter der Abteilung Physiologische Ökologie der Tiere an der Universität Tübingen - über ihre unterschiedlichen Rufe per Batcorder bestimmt", berichtet Seitz, bevor es noch ein Stück tiefer in den Wald hinein geht. Hinein in ein ausgefeiltes Ökosystem, das den Lebensraum für unzählige Tier- und Pflanzenarten bereitstellt und deren Bestand auch bei widrigen Umständen wie beispielsweise extremen Wetterbedingungen sichern soll. Zumindest weitestgehend. So können sich beispielsweise Rehe in Trockenzeiten mit dem Morgentau auf grüner Nahrung behelfen, da sie verhältnismäßig wenig Wasser benötigen und Amphibien wie Unken oder Molche unter feuchtes Laub oder am Boden liegendes Holz zurückziehen. "Die meisten Amphibien brauchen Wasser nur zur Reproduktion und nutzen Tümpel lediglich als temporären Lebensraum", weiß der 51-jährige Seitz. Und Berner ergänzt: "Das Wilde und Unaufgeräumte im Wald tut der Natur gut, denn Holz, das sich in der Zersetzung befindet, schafft neuen Lebensraum, zum Beispiel für Käfer."

Die Biodiversität ebenfalls stärken wird ab Juni 2019 eine Waldweide, nicht weit vom Wanderparkplatz Mönchberg entfernt. Denn dort sollen dann auf einer etwa sieben Hektar großen Fläche Galloway-Rinder weiden. Eine Maßnahme, die den Erhalt von lichtem, sonnendurchflutetem Wald unterstützen soll und der Fledermausart "Graues Mausohr" in die mit Flughaut überspannten Finger spielt, denn das zierliche Säugetier mit dem seidigen, dichten Fell jagt bevorzugt auf offenen Flächen.

"Die Waldweide war schon vor Jahrhunderten eine Art der Bewirtschaftung, und schon Goethe hat sie erwähnt", beruft sich Seitz auf Altbewährtes. Zudem, so erklären die hauptberuflichen Naturburschen weiter, solle der Zaun wilddurchlässig werden, also kein Hindernis für Waldbewohner wie beispielsweise Füchse, Rotwild und Hasen darstellen.

Trotz der guten Lebensbedingungen im insgesamt 16 000 Hektar großen Naturpark Schönbuch bleibt dennoch unbestreitbar, dass der Temperaturanstieg, die fehlenden Niederschläge und plötzlich auftretende Temperaturstürze im Jahr 2018 für erheblichen Stress in der heimischen Tier- und Pflanzenwelt gesorgt haben und die Nachwirkungen in manchen Fällen immer noch sicht- und spürbar sind.

Heißer Sommer beschert ein Jubeljahr für Borkenkäfer

So hat die andauernde Hitze vor allem Fichten anfällig für Schädlinge gemacht und die Vermehrung des gefräßigen Borkenkäfers regelrecht befeuert. "Der heiße Sommer war für die Bäume der pure Stress. Dafür aber hatte der Borkenkäfer ein wahres Jubeljahr", beschreibt der 43-jährige Berner seine Beobachtungen.

Deutlich schwerer als der Waldschädling hatten es da die Wildschweine, die sich im vergangenen Jahr vor allem aufgrund des milderen Klimas auch außerhalb der gängigen Paarungszeit verpaart haben. Umstände, die dafür verantwortlich sind, dass zahlreiche im Herbst geborene Frischlinge diesen Winter nicht überleben werden, weil ihre Wärmeregulation in den ersten Lebenswochen noch nicht voll ausgebildet ist.

Nicht viel anders, so berichtet Michael Hoffmann, Vorsitzender des Tübinger Vereins für Natur-, Arten-, Tierschutz und Renaturierung, im Anschluss an die Waldbegehung in einem Telefoninterview, würde es momentan den Eichhörnchen ergehen, denn auch die hätten mancherorts schon wieder Nachwuchs. "Im vergangenen Jahr gab es für Eichhörnchen deutlich mehr Probleme als sonst, weil die Früchte früher reif geworden sind und an den Stadträndern durch Räumfahrzeuge entsorgt wurden. Dementsprechend konnten nicht genug Vorräte angelegt werden", weiß Hoffmann.

Und das sei nur die Spitze des Eisberges, wurden doch im Raum Tübingen Anfang des Jahres schon die ersten Entenküken gesichtet, in den vergangenen Monaten zahlreiche unterernährte Igel in Auffangstationen abgegeben und in der milden Vorweihnachtszeit eine Blindschleiche auf einem Fahrradweg zwischen Nufringen und Herrenberg gesichtet. "Durch den heißen, trockenen Sommer haben Igel weniger Kleintiere zum Fressen gefunden und viele Tiere sind durch den warmen Herbst nicht rechtzeitig in den Winterschlaf gekommen", beschreibt Michael Hoffmann die Folgen der veränderten Wetterlage, die bei so manchem Tier die innere Uhr verstellt hat.

    Tiere in Not
    Wildtieren sollte laut PETA und anderen Tierschutzorganisationen geholfen werden wenn sie verletzt, wenn sie schwach sind, wenn es sich eindeutig um ein elternloses Jungtier handelt.
 
    Beispiele: Eichhörnchenbabys, die Menschen hinterherlaufen oder sich gar am Hosenbein festklammern, befinden sich in akuter Not. Küken, die in der kalten Jahreszeit länger als 20 Minuten mutterlos umherschwimmen sollten nicht ignoriert werden, da sie sonst zu erfrieren drohen. Ebenso, wenn sie in unmittelbarer Gefahr sind, beispielsweise auf einer stark befahrenen Straße.
 
    In diesen Fällen bitte Ersthilfe leisten und danach schnellstmöglich die nächst gelegene Wildtierauffangstation oder das Tierheim verständigen. (awi)

 

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