Interview mit Sebastian Schimmer, Rektor des Schönbuch-Gymnasiums Holzgerlingen

Zeitung in der Schule

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    SGH-Schulleiter Sebastian Schimmer: Nach spannenden Jahren in Buenos Aires in Holzgerlingen bestens angekommen Foto: Thomas Bischof

Im Rahmen des Projekts "Zeitung in der Schule" hat sich Sebastian Schimmer, Rektor des Holzgerlinger Schönbuch- Gymnasiums (SGH), Interviewfragen gestellt. Dabei erzählte er von seiner beruflichen Vergangenheit, gab Einblicke in seinen Berufsalltag - und äußerte sich zu bildungspolitischen Themen.

Artikel vom 09. Januar 2019 - 18:01

Herr Schimmer, Sie sind seit September 2017 Schulleiter am Schönbuch-Gymnasium. Wie sind Sie zu ihrem Beruf gekommen?

Ich bin Schulleiter geworden, weil ich die Aufgabe interessant finde. Als ich davor drei Jahre an einer Schule in Buenos Aires tätig war, wurde der Schulleiter entlassen und kein Nachfolger gefunden. Ich habe mich bereit erklärt, die Stelle kommissarisch für ein Jahr zu übernehmen. Da konnte ich es ausprobieren und eben feststellen, dass mir dieser Beruf Freude bereitet. Deswegen habe ich mich dann auch auf diese Stelle hier am SGH beworben.

Sie unterrichten Biologie und Geschichte. Waren das auch Ihre Lieblingsfächer in Ihrer Schulzeit?

Ja, schon. Ich hatte auch Politik in der Schule, das hat mir ebenfalls Spaß gemacht. Als Schüler war ich für ein Jahr in den USA. Nach diesem Auslandaufenthalt fand ich Englisch ziemlich gut, da ich es dann einfach besser verstanden habe.

Welche Fächer mochten Sie als Schüler nicht so gerne?

Ich war auf einem humanistischen Gymnasium und hatte Latein von der fünften Klasse an. In den ersten beiden Schuljahren fand ich es noch ganz gut und habe Latein gerne gemacht. Doch dann habe ich den Anschluss verloren, wurde immer schlechter und es hat mich einfach nicht mehr interessiert. Wir haben nämlich viel Caesar gemacht und das fand ich ehrlich gesagt ziemlich langweilig und hatte einfach andere Interessen als Jugendlicher. Wo ich auch Schwierigkeiten hatte, war Französisch. Da bin ich nie wirklich reingekommen.

Sie waren einige Zeit an einer Schule in Buenos Aires als Lehrer tätig. War das eine deutsche Schule?

Genau, das nennt sich deutsche Schule, weil die Schüler dort einen in Deutschland anerkannten Abschluss machen können, allerdings nicht das Abitur, sondern den sogenannten IB (International Baccalaureate). An dieser Schule lernen alle Schüler Deutsch, vom Kindergarten an bis zum Abschluss. Früher gab es in Buenos Aires ein deutsches Stadtviertel, deshalb wird diese Schule von Deutschland gefördert. Aber außer den zehn deutschen Lehrern war an der Schule kein einziger deutscher Schüler. Es gibt vier große deutsche Schulen in Buenos Aires, an denen auch deutsche Schüler unterrichtet werden, zum Beispiel Kinder von Botschaftern oder von Daimler-Mitarbeitern, aber eben nicht an meiner Schule. Insgesamt waren dort ungefähr 1600 argentinische Schüler.

Gab es einen bestimmten Grund für die Entscheidung, Zeit in Buenos Aires zu verbringen?

Ja. Ich war ein Jahr in den USA und seitdem lebe ich immer ganz gerne mal im Ausland. Ich finde es sehr interessant, andere Kulturen kennenzulernen und hatte immer wieder den Wunsch, im Ausland zu arbeiten. Ich habe auch mal eine Weile in der Schweiz gearbeitet. Als meine Kinder klein waren, wollten meine Frau und ich nicht gerne im Ausland sein. Als meine Töchter groß waren und zum Studieren gingen, habe ich gedacht, ich versuche es nochmal, ins Ausland zu kommen. Ich bin dann durch Zufall in Buenos Aires gelandet - ich hatte jemanden kennengelernt, der an dieser Schule gearbeitet hat und mich fragte, ob ich nicht kommen möchte. Ich hatte Lust eine neue Kultur kennenzulernen und wenn man dort arbeitet, hat man nochmal ganz andere Möglichkeiten ein Land zu entdecken, als nur im Urlaub.

Gibt es grundlegende Unterschiede zwischen der Schule in Buenos Aires und dem Schulsystem hier in Deutschland?

Ja, definitiv. Ein grundlegender Unterschied liegt darin, dass die Schule in Buenos Aires eine Gemeinschaftsschule ist - das heißt, es gibt keine Abstufung zwischen Gymnasium, Realschule und Werkrealschule. Die Schüler kennen sich von klein auf, der Klassenverbund bleibt während der gesamten Schulzeit erhalten. Da ist natürlich ein ganz anderer Zusammenhalt in der Klasse. Es gibt keine Differenzierung, außer beim Geld. Alle deutschen Auslandsschulen sind Privatschulen und die Eltern zahlen pro Monat ungefähr 500 Dollar und das kann natürlich nicht jeder zahlen. Aber innerhalb der Klassen wurde nur unterschieden, ob die Schüler gut oder schlecht in Deutsch sind.

Am Ende gibt es zwei Abschlüsse, zum einen den argentinischen. Bei diesem verlässt man die Schule ohne Prüfungen. Man muss nur alle Fächer bestehen und strenggenommen nicht einmal das, da man so oft wie man möchte eine Nachprüfung in jedem einzelnen Fach ablegen kann. Wir hatten auch Schüler, die haben schon studiert und kamen trotzdem noch mal wieder, um Nachprüfungen abzulegen. Mit diesem Abschluss kann man nur in Argentinien studieren. Dieser Schulabschluss wird in anderen Ländern nicht anerkannt, weswegen der zweite Abschluss, der IB, eingeführt wurde, mit dem man in Deutschland oder in den USA studieren könnte. Der IB ist ziemlich schwer, vergleichbar mit dem Abitur und zum Teil sogar auf Deutsch. Meine beiden Fächer, Biologie und Geschichte, unterrichtete ich auf Deutsch. Das war der Grund, weshalb man mich dort gerne als Lehrer haben wollte.

Ein weiterer Unterschied zum SGH ist, dass die argentinischen Schulen Ganztagesschulen sind. Die Schulzeiten sind jeden Tag immer von halb acht bis halb fünf. Es gibt zusätzliche Mitarbeiter, keine Lehrer, die während der Pause in den Gängen sind. Deren Aufgabe ist eigentlich die gleiche, wie die Pausenaufsicht, die die Lehrer hier machen. Diese sogenannten Präzeptoren übernehmen auch die Anwesenheitsprüfung der Schüler. Natürlich ist auch die Kultur ganz anders als in Deutschland. Der Umgang ist herzlicher und ich als Schulleiter wurde zum Beispiel geduzt. Man begrüßt sich mit einem Kuss auf die linke Wange. Das haben Schüler bei mir dann auch immer gemacht. Viele Schüler haben mich auch "Seba" genannt, das war mein Spitzname. Sowas wäre hier ja undenkbar.

Wie sieht Ihr Alltag hier am SGH aus? Von wann bis wann sind Ihre Arbeitszeiten?

In der Regel bin ich jeden Tag von 7 bis 17 Uhr da. Manchmal habe ich Termine außerhalb, zum Beispiel beim Regierungspräsidium. An manchen Tagen muss ich länger bleiben, teilweise kann ich aber auch etwas früher gehen. Und wie der Tag aussieht, ist total unterschiedlich - und das ist auch das Schöne an meinem Beruf. Ich weiß selten morgens, was den Tag über so alles passiert und oft ändern sich die Pläne auch. Hauptsächlich spreche ich mit Menschen. Viele kommen zu mir, wenn es Probleme gibt oder wenn sie Fragen haben. Ich leite oft Konferenzen und bringe Menschen zusammen. Ein Teil ist auch die Verwaltung - ich muss Statistiken machen, Einteilung der Lehrer oder auch Schulprojekte anstoßen und begleiten.

Wie sind die Aufgabenbereiche zwischen Ihnen und der stellvertretenden Schulleiterin Veronika Belle-Häsler aufgeteilt?

Frau Belle-Häsler übernimmt hauptsächlich das operative Geschäft. Also das, was tagtäglich anfällt, wie Stundenausfälle. Da organisiert sie sehr viel und das ist eine sehr große Aufgabe, da ständig Bewegung drin ist: Lehrer fehlen oder Klassen sind nicht da. In den allermeisten Angelegenheiten beraten wir uns gegenseitig, denn manche Fragen sind schwer zu lösen. In solchen Fällen versuchen wir, gemeinsam eine gute Entscheidung zu treffen.

Haben Sie genauso Ferien wie die Schüler oder müssen Sie an manchen Tagen trotzdem in die Schule kommen?

Ja, manchmal muss ich auch in den Ferien in die Schule kommen, aber ich versuche schon, meine Ferien einzuhalten.

Haben Sie volle sechs Wochen Sommerferien wie die Schüler?

Ich habe nur drei Wochen Sommerferien.

Gegen Ende dieses Schuljahres findet am SGH das Projekt Schule als Staat statt. Was halten Sie davon? Wie finden Sie es, dass der Staat den Namen "Schimmerland" trägt? Wie beurteilen Sie die Verfassung und die Parteien?

Ich finde es ein ganz tolles Projekt, welches den Schülern die Möglichkeit gibt, Demokratie zu erleben, einen Staat mitzuerleben und Politik zu lernen. Zum anderen wird Schule auch mal anders wahrgenommen. Außerdem kommen Menschen von außen zu uns. Ich freue mich schon total darauf. Die Tatsache, dass der Staat auf meinem Namen basiert, ist lustig. Die Verfassung finde ich gut. Toll daran ist, dass diese selbst erarbeitet wurde. Wirklich beeindruckt war ich von der Elefantenrunde Ende November, in der sich alle Parteien kritischen Fragen stellten. Wie da diskutiert wurde und wie sich einzelne Schüler eingebracht haben, finde ich wirklich sensationell. Ich glaube, bei dem Projekt lernen alle so viel, das kann man im Unterricht gar nicht erreichen.

Bildung ist in der Bundesrepublik Sache der Länder - damit der Bund durch Investitionen eingreifen darf, muss das Grundgesetz entsprechend geändert werden, was der Bundesrat einstimmig abgelehnt hat. Die Länder sehen die Länderhoheit in der Bildungspolitik in Gefahr und halten den Eingriff in den Föderalismus für zu gravierend. Ist die Länderhoheit noch zeitgemäß oder sollten wir ein bundesweit einheitliches Schulsystem haben?

Das ist eine schwierige Frage. Konkret heißt das für uns, dass Fördergelder eingefroren wurden. Die Stadt Holzgerlingen bekommt diese Fördergelder vorerst nicht und solange bekommen wir auch eine bestimmte Medienausstattung nicht. Für uns als Schule ist es ärgerlich, dass dieses Geld nicht frei gegeben wird. Ich kann da aber beide Seiten verstehen. Ich habe da nicht wirklich eine Meinung dazu, ich wäre halt froh, wenn wir bald unsere Gelder bekämen und würde mir wünschen, dass bald eine Lösung gefunden wird. Die Bundesregierung hat im November den "Digital Pakt Schule" beschlossen. Allein für die geplante Schuldigitalisierung sind fünf Milliarden Euro vom Bund vorgesehen. Unter anderem sollen Schulen Geld für Laptops, Notebooks und Tablets erhalten. Gefördert werden soll auch WLAN an Schulen, die Entwicklung von pädagogischen Lern- und Kommunikationsplattformen, Schulserver und interaktive Tafeln.

Das SGH ist hier ja schon einen Schritt weiter, da es eine der 14 Schulen im Land ist, die an dem Versuch "Tablets in der Schule" teilnehmen. Was ist Ihre Meinung zum Gebrauch von Tablets im Unterricht? Sehen sie darin eine baldige "Revolution" oder eher ein zukunftsfernes Projekt?

Ich finde es toll, dass wir diesen Schulversuch haben, dann können wir zumindest einmal ausprobieren, wo diese Medien helfen und wo nicht. Ich selbst unterrichte aktuell nur in Tablet-Klassen und kann mir so eine eigene Meinung bilden. Ich schätze es sehr, dass uns die Stadt hier super unterstützt. Die Anschaffung der Tablets, der Ausbau der Schule mit neuen Datenkabeln und WLAN sind sehr kostenintensiv. Ich denke, es ist absolut notwendig, dass wir uns als Schule mit den neuen Medien auseinandersetzten. Das hat Chancen - aber auch Gefahren.

Denken Sie, dass neue Medien zeitnah auch an anderen Schulen eingesetzt werden?

Ich kann mir schon vorstellen, dass digitale Medien bald noch mehr verwendet werden, allerdings muss man abwarten, was dieser Versuch am Ende zeigt. Der Schulversuch mit den Tablets wird vom Hector Institut in Tübingen wissenschaftlich begleitet. Deren abschließende Auswertung wird zeigen, wo der Weg hinführt. So wie ich das im Moment beobachte, ist es politisch gewollt, dass die Schulen digitalisiert werden und deswegen gehe ich auch davon aus, dass in Zukunft mehr digitale Medien an Schulen benutzt werden. Wie viel weiß ich nicht, dass hängt auch davon ab, wieviel Geld da ist. Denn es kostet ja nicht nur viel Geld in der Anschaffung, sondern auch in der Pflege. Solange wir hier 150 IPads haben, ist es noch übersichtlich - aber wenn wir mal über 1000 haben, ist es schon eine andere Sache.

Holzgerlingens Bürgermeister Ioannis Delakos möchte in alle Schulen in Holzgerlingen investieren. Welche Anschaffungen oder Projekte möchten Sie mit den Zuschüssen in Angriff nehmen?

Das ist schon festgelegt, das Geld wird in die neuen Datenkabel investiert. Wir haben ja schon einen Bereich hier an der Schule, in den bereits neue Datenkabel verlegt worden sind und wo auch schon WLAN vorhanden ist. In manchen Teilen allerdings noch nicht und das wird dann mit den rund 350 000 Euro in Angriff genommen. Das macht ja auch Sinn, damit wir überall mit den IPads arbeiten können. Der nächste Schritt, welcher aber von den derzeit eingefrorenen Geldern abhängt, ist eine bestimmte Medienausstattung in allen Räumen. Nicht nur an unserer Schule, sondern an allen Holzgerlinger Schulen.

Das Interview führte Carolin Maurer, Neuntklässlerin am Schönbuch-Gymnasium Holzgerlingen.

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