Rabiater Rentner wegen Pfefferspray-Attacke vor Gericht

Amtsgericht Böblingen findet einvernehmliche Lösung nach gefährlicher Körperverletzung auf Parkplatz in Herrenberg

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    Selbstverteidigung ist durchaus erlaubt. Wenn aber die Bedrohung fehlt, wird aus der vermeintlichen Verteidigung ein Angriff Foto: red

An einem Freitagabend im August letzten Jahres eskalierte ein Streit auf dem Parkplatz bei der Feuerwehr in Herrenberg. Zwei Welten prallten aufeinander - ein Quartett junger Leute beim Vorglühen und ein Rentner in seinem Wohnmobil beim Einschlafen. Das Ende vom Lied: Der Senior verletzt die vier mit einem Pfefferspray.

Artikel vom 12. Mai 2018 - 13:36

Von Hans-Dieter Schuh

HERRENBERG/BÖBLINGEN. Auf der Anklagebank saß er noch nie, sein Verteidiger hat das Mandat am Vortag niedergelegt. Er ist bestens vorbereitet, wie einer, der Ärger und Papierkrieg gewohnt ist. Er hat diverse Unterlagen vor sich liegen, links eine Flasche Wasser, seine Partnerin sitzt mit Block und Stift im Zuschauerbereich. Er krempelt am Hemd die Ärmel hoch. Und Amtsrichter Werner Grolig eröffnet die Hauptverhandlung am Amtsgericht Böblingen gegen ihn wegen gefährlicher Körperverletzung.

Der Rentner, gebürtig in Bonn, hat eine ungewöhnliche Vita, die er vor Gericht immer wieder einfließen lässt, um seinen Angriff zu begründen. Der 67-Jährige ging bereits mit 40 in Ruhestand, war zuvor Finanzbeamter gewesen. Seitdem ist er viel auf Reisen, hat in Deutschland keinen festen Wohnsitz mehr, nur noch eine verdeckte E-Mail-Adresse und lebt überwiegend in Thailand. Er gibt sich reiseerfahren, berichtet über Monate in Mexiko, wo jährlich 15 000 bis 20 000 Menschen ermordet werden. Er hat einen Sohn - "ich glaube 45 Jahre alt" - über 2000 Nettoeinkommen und leidet an starken Allergien. Er hat an besagtem Abend bereits zwei Glas Wein getrunken, ist geduscht und liegt im Bett seines Wohnmobils, als gegen 22 Uhr von dem neben ihm parkenden Pkw eine "gewaltige Lärmbelästigung" ausgeht mit Musik und lautem Geschrei. Er ruft 110, den Notruf der Polizei.

Sein Groll steigt, als man ihm den Bescheid gibt, eine Lärmbelästigung sei kein Notfall, und ihn an die örtliche Polizei verweist. Er vermutet, dass man ihm bewusst eine falsche Nummer gegeben hat. Jedenfalls ist die Herrenberger Polizei nicht zu erreichen. Wegen seiner Allergie ist er in ein keimfreies Bett gestiegen und ärgert sich, dass er jetzt aufstehen, rausgehen und danach eine frische Bettwäsche auflegen muss. Er steckt sein Pfefferspray ein. "Ich möchte schlafen, könnten Sie die Musik ausmachen, will er den vier 20- bis 25-Jährigen, die an ihrem Wagen neben dem Wohnmobil standen, gesagt haben. Er rechnet in dem Moment mit allem, nachdem er "sehr schlechte Erlebnisse" in Mexiko gehab habe, sagt, "irgendetwas stimmte mit den Leuten nicht". Da dreht sich einer der beiden Jungen Männer weg und nahm etwas in die Hand, etwas blitze auf. "Stop, oder ich sprühe!" will er noch gesagt haben und drückte dann den Knopf an der Spraydose.

Der Richter hat eine Idee

So seine Sicht der Dinge. Der Amtsrichter stellt erst einmal fest, dass es hier nicht um einen Notfall gegangen sei, insofern wunderte er sich, dass ihn die Polizei nicht "rundgemacht" habe, als er die Notfallnummer wegen einer Ruhestörung angerufen hat. Und Richter Grolig versucht auszuleuchten, warum der Rentner nicht in der Lage gewesen ist, die vier um Ruhe zu bitten. "Ich bin Schwerbehindert und fühle mich dem nicht gewachsen", begründet er den Angriff. Und außerdem sei es eigentlich Aufgabe der öffentlichen Hand, die Steuern dafür einnimmt, für Ordnung zu sorgen.

Die Polizei kam dann auch. Aber erst, nachdem sie von einem der beiden jungen Männer über die Notfallnummer alarmiert worden war. Der Krankenwagen kam gleich mit zur Erstversorgung der zwei Frauen und zwei Männer, die in dem Moment praktisch blind waren. Ihre Version des Tathergangs ist ein anderer. Die Vier, alles gestandene Arbeitnehmer aus Herrenberg und Umgebung, hatten ihr Auto auf dem fast gänzlich leeren Parkplatz abgestellt, um in der Nähe eine Kneipe zu besuchen. Sie kamen dann zum Auto zurück, wollten sich hier noch etwas in Stimmung bringen und sich dann ins Herrenberger Nachtleben stürzen. Stattdessen stürzt plötzlich ein aggressiver älterer Mann auf sie zu, droht sie umzubringen, wenn sie die Musik nicht abdrehen oder wegfahren. Ihr Angebot, die Musik leiser zu machen und in ein paar Minuten zu verschwinden, beantwortet der Sprayer, indem er abdrückt. Mit tagelangen schmerzhaften Folgen.

"Sie haben völlig überreagiert", sagt Amtsrichter Grolig zu dem Rentner. Bislang sei er allerdings nie straffällig geworden. Als Lösungsansatz greift der Richter indirekt die Schmerzensgeldklage über 1000 Euro einer der beiden Frauen auf. Er schlägt vor, den vorliegenden Strafbefehl über 8400 Euro samt Eintrag ins Vorstrafenregister umzuwandeln in vier Mal tausend Euro Schmerzensgeld - ohne Vorstrafe. Die Vier sowie der Delinquent und seine Partnerin brauchen nur wenige Minuten für die Zustimmung. Trotz des Lehrgelds, das der Rentner bezahlen muss, sieht er wohl kein Fehlverhalten seinerseits: "Ich überlege mir, nicht mehr nach Deutschland einzureisen."

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