Herrenberger Bauhof organisiert sich selbst

Stadtverwaltung erprobt in einem bundesweit einzigartigen Pilotprojekt neue Arbeitsstrukturen - Und vermeldet Erfolg auf ganzer Linie

Artikel vom 12. Februar 2019 - 15:30

HERRENBERG (red). Selbst-Organisation in einer städtischen Verwaltung: Geht das? Ja, meint die Stadt Herrenberg, die in Kooperation mit der Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen Ludwigsburg ein bundesweit einzigartiges Pilotprojekt ins Leben gerufen hat.

Im vergangenen Frühjahr ist der Arbeitsbereich Bauhof des Amtes für Technik, Umwelt, Grün (TUG) in die Selbst-Organisation überführt worden. "Der Erfolg zeigt: Auch der öffentliche Dienst kann New Work", betont Oberbürgermeister Thomas Sprißler. Das 13-köpfige Bauhofteam hat seither nicht einen Chef, sondern acht, und die kommen aus den eigenen Reihen. Rund die Hälfte der Mitarbeiter, die alle unterschiedliche handwerkliche Ausbildungen und Spezialkenntnisse mitbringen, übernimmt Führungsaufgaben, von der Arbeitsplanung über die Kundenberatung bis zur Personalauswahl. So bespricht nun beispielsweise der Malermeister direkt mit dem Ordnungsamt, wie bestimmte Straßenmarkierungen gemacht werden sollen. Und bei großen Veranstaltungen ist der Profi für den Aufbau schon beim Vorgespräch mit den Veranstaltern dabei. Verantwortung und Einsatzbereitschaft, Effizienz und Schnelligkeit wachsen durch die Selbstorganisation der Arbeit, so das Fazit der Stadt nach rund einem Dreivierteljahr. Die Zahlen belegen diesen Eindruck: rund 100 Aufträge mehr als im vergleichbaren Zeitraum vor Einführung des Ansatzes hat die Abteilung abgewickelt. Das entspricht einer Umsatzsteigerung von rund 35 000 Euro.

"Wir haben uns auf die Fahnen geschrieben, die Zukunftsfähigkeit der Stadtverwaltung auszubauen und dabei die Unterstützung von Claudia Schneider aus Ludwigsburg genutzt", erläutert Hauptamtsleiter Tom Michael. Das Gesamtkonzept "Zukunftsfähiges Herrenberg" läuft seit 2017 und umfasst die gesamte Stadtverwaltung. Eine Mitarbeiterbefragung brachte für das Amt für Technik, Umwelt, Grün ein eindeutiges Ergebnis: "Ein größerer Teil der Mitarbeiter war mit der aktuellen Situation unzufrieden", fasst Amtsleiter Stefan Kraus das recht ernüchternde Votum seiner Bauhof-Truppe zusammen. Seine Mitarbeiter erhofften sich mehr Entwicklungsmöglichkeiten in monetärer, in persönlicher und fachlicher Hinsicht. "An sich waren diese Wünsche nicht neu", sagt Kraus. "Die Befragung hat sie nach oben gespült und wir haben ihnen Raum gegeben. So entwickelten sich effektive, effiziente und auch digitale Prozesse und Abläufe mit dem Nebeneffekt, dass die Ideen und das fachliche Können der Mitarbeiter viel besser genutzt und gefördert werden können."

Der Entschluss, das Bauhof-Team in die Selbstorganisation zu überführen, fiel im Frühjahr 2018. Doch mit diesem Grundsatzbeschluss alleine war es nicht getan. Schon deshalb nicht, weil der TVöD (Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst) ein recht starres Korsett vorgibt und es gerade für Mitarbeiter der unteren Lohngruppen nur sehr begrenzte Möglichkeiten zur beruflichen Weiterentwicklung gibt. Ein Selbstläufer war der "New Work"-Ansatz also nicht. Zu den Erfolgsfaktoren gehört die Förderung im Programm "Digital@hbg" des Ministeriums für Inneres, Digitalisierung und Migration Baden-Württemberg.

Prinzip könnte auch bei anderen Abteilungen funktionieren

Unterstützt von Claudia Schneider und ihrem Team definierte die 13-köpfige "Selbst-Orga"-Truppe des Amts für Technik, Umwelt, Grün ihre eigenen Regeln unter anderem bezüglich Leistungsbewertung, Personalauswahl, Urlaub, Krankheit und Überstunden. Die Mitarbeiter mussten in Führungs- und Verwaltungsaufgaben geschult werden. Neben Oberbürgermeister, Dezernenten und Amtsleitern zählten fortan auch "Bauhofler" zu den Lehrgangsteilnehmern. Interne Prozesse und Abläufe mussten überdacht, geändert und, wo möglich, digitalisiert werden. Blaupausen, auf die man hätte zurückgreifen können, gab es nicht und auch das Tagesgeschäft durfte währenddessen nicht vernachlässigt werden.

Möglich wurde die "Selbst-Orga" durch die Nicht-Besetzung einer frei gewordenen Meisterstelle. Die Aufgaben werden im Team und in Eigenverantwortung erledigt, im Wechsel schlüpfen die Mitarbeiter in die Rolle des selbst installierten "Vier-Wochen-Mannes", der in dieser Zeit der zentrale Ansprechpartner ist. Das gilt sowohl für die interne, wie auch für die externe Kommunikation. Natürlich sei die Entwicklung des Bauhofs hin zum selbstorganisierten Arbeiten nicht geräuschlos über die Bühne gegangen, gibt Stefan Kraus offen zu. "Doch das Selbst-Orga-Team hat es geschafft, Probleme und Differenzen anzusprechen und auszuräumen."

Auch künftig wird der (Arbeits)Alltag die Gruppe vor Herausforderungen stellen, die es notwendig machen neue Regelungen zu finden oder bestehende Vereinbarungen zu optimieren. "Doch das bisher Erreichte überzeugt und deshalb prüfen wir im Herbst, ob der "New-Work"-Ansatz nicht auch auf weitere Abteilungen unseres Amtes ausgeweitet werden kann", wirft Stefan Kraus einen Blick in die Zukunft.

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