Der Gültsteiner Werner Reutter hilft Flüchtlingen im Irak

Sonntag Vortrag im evangelischen Gemeindezentrum

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    Seine Reisen hat Werner Reutter schriftlich und fotografisch dokumentiert - einige der Bilder hat seine Tochter für ihn in einem Fotobuch zusammengetragen, das ihm schon aus kritischen Situationen herausgeholfen hat Foto: Schumacher

Die dramatische Situation der Flüchtlinge im Irak kennen die meisten Menschen hierzulande nur aus dem Fernsehen. Werner Reutter aus Gültstein hat sie mit eigenen Augen gesehen. Der 75-Jährige bringt Hilfsgüter und Geld für Flüchtlinge in den kurdischen Teil des Irak. Seine Berichte sind schockierend. Am Sonntag, 16. Dezember, um 15 Uhr liest er daraus in einem Vortrag im evangelischen Gemeindezentrum in Gültstein.

Artikel vom 15. Dezember 2018 - 09:00

Von Sandra Schumacher

HERRENBERG. "Montag, 2. Dezember 2014: Auf unserer Fahrt von Dohuk nach Erbil lief ein Mann auf den Händen bei Dunkelheit ohne Beine über eine dreispurige Straße. Wir hielten an und gaben ihm Geld, er hat sich riesig gefreut und bedankt. Einen Kilometer später liefen vier kleine Kinder mit größerer Schwester nachts um 11 Uhr auf der Straße. Jabbar hat wegen der Kleidung gemeint, es seien syrische Flüchtlingskinder. Leider haben wir nicht angehalten und was gegeben. Eltern vielleicht tot."

Gerade erst ist Werner Reutter von seiner jüngsten Reise heimgekehrt. Sein Ziel dabei war nicht die Nordsee oder Italien - sondern der Irak. Genauer gesagt der kurdische Teil des Iraks. Das Krisengebiet, in dem der Islamische Staat, die irakische Armee und die kurdischen Peschmerga-Kämpfer sich erbitterte Gefechte geliefert haben. Seine Erlebnisse dort hat der 75-Jährige sorgsam in seinen Reisetagebüchern notiert.

"17. September 2017: Heute sind wir ca. 258 Kilometer bis Dohuk gefahren, dann noch 40 Kilometer bis in das erste Lager. Dort wurden wir von Musa, dem Chef, der für neun Lager zuständig ist und den wir auch von früher kennen, empfangen. Er hat die Waisenkinder in zwei Lagern zusammengeholt, hat ihnen erklärt, dass das Geld von Christen in Deutschland ist. So hat jedes Kind eine Kinderbibel und je 50 000 Irakische Dinar bekommen. Die Kinder haben schrecklichste Schicksale durchgemacht, etliche wurden von der IS abgekauft. Ein Schicksal einer Familie schreibe ich auf. Davon gibt es Tausende. Als die IS nach Koja (bei Shinsha) kam, waren dort 180 Familien. Insgesamt 1740 Bewohner. 400 Männer wurden am 16. August 2014 erschossen. 840 Frauen und Kinder wurden vom IS mitgenommen. 78 alte und nicht schöne Frauen wurden sofort erschossen, weil sie nicht benutzbar und zum Verkauf geeignet waren. Die Frauen und Kinder wurden nach Syrien und in andere Staaten verkauft. Die Mädchen ab 8 Jahren waren am beliebtesten. Ein Mann, der unter den Toten lag, wurde nur angeschossen. Er wartete bis es dunkel wurde und flüchtete ins Gebirge, sagen die Leute."

1991 macht sich Werner Reutter zum ersten Mal auf in die von Krieg und Not gebeutelte Region. "Saddam Hussein hatte damals die Kurden ins Gebirge gejagt. 5000 Menschen sind dort gestorben. In Deutschland hat das kaum jemand mitbekommen." Deswegen ruft er in Kooperation mit einigen Weggefährten eine erste Spendenaktion ins Leben. Innerhalb von 14 Tagen können Reutter und sein Team einen kompletten Sattelzug füllen und auf den Weg bringen. Innerhalb der letzten rund vier Jahre hat das Team 18 weitere in Richtung des Krisengebiets geschickt. Neunmal hat Werner Reutter die Lage vor Ort selbst in Augenschein genommen.

"9. Dezember 2014: Alle strecken die Hände nach uns aus, wir können nur einem kleinen Teil etwas geben, es ist so deprimierend. Die Bevölkerung und die Politiker stehen ratlos vor dem Elend."

"Unsere Hilfe ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein", sagt Werner Reutter. "Aber wir tun, was wir können." Während die Hilfsgüter wie Bettzeug, Schlafsäcke und Kleidung an alle Bedürftigen in den Flüchtlingslagern verteilt werden, soll das Geld hauptsächlich einem Teil der 17 000 Vollwaisenkinder der Region zugute kommen. Aber hin und wieder steckt er auch Familien, Verletzten oder alten Menschen etwas zu. "Ich entscheide das situationsabhängig und mach's halt so, wie ich denk', wie's richtig ist. Manchmal treffe ich bestimmt auch falsche Entscheidungen, aber ich versuche immer denen zu helfen, bei denen die Not am größten ist", sagt Reutter. Seine Motivation? "Ich bin Christ", erklärt er ohne darüber nachzudenken. Die Worte "da ist das doch selbstverständlich" klingen ungesagt nach. "Wenn sich alle ihrer Aufgabe bewusst wären, sähe die Welt anders aus." Auch wenn das Geld hauptsächlich für die Christen im Irak gedacht ist, unterstützt Werner Reutter auch Muslime und Jesiden.

"1. November 2018: Wir fuhren ins große Lager KHAZR. Dort führte uns die Lagerleitung zu einer Frau (Araberin). Sie hat einen Amerikaner geheiratet, der bei der IS war. Er kam ins Lager und wollte dort untertauchen, er wurde von der Peschmerga festgenommen und kam ins Gefängnis. Die Frau bittet, dass er nicht nach Bagdad ausgeliefert wird, da er dort gehenkt wird. Die Lagerleitung hat ungefähr 50 schlimme Fälle aufgeschrieben. Sie warteten schon auf uns im Versammlungszelt. Die Frauen waren fast alle verschleiert, keine konnte mich anschauen, als sie Geld bekamen. Man sah, wie diese Frauen unterdrückt sind. Die Männer haben sie in der Hand."

"Viele Frauen in den Flüchtlingslagern unterstützen weiterhin ihre Männer, die beim IS waren. Obwohl die hier alles in Schutt und Asche gelegt haben", schüttelt Werner Reutter verständnislos den Kopf. Hilfe untersagt er ihnen trotzdem nicht - aber die kommt mitunter mit einer gehörigen Standpauke. "Ich sage ihnen dann, dass sie doch sehen müssen, dass ihre Männer alles zerstören und dass sie selbst auf der anderen Seite von den Kurden so viel Menschlichkeit und Hilfe erfahren." Ob das bei den Frauen ankommt, kann er nicht sagen. Aber einen Versuch sei es wert.

Manchmal gibt's eine Standpauke

Damit Werner Reutter, der nach eigener Aussage nur mittelmäßig Englisch spricht, sich im Land verständigen kann, begleitet ihn Jabbar Karim auf seinen Reisen. Dieser floh in jungen Jahren aus dem Irak und fand ein neues Zuhause im Kreis Böblingen. "Er hat von einer unserer Aktionen in der Zeitung gelesen und wollte uns unterstützen", ist Werner Reutter dankbar für die Hilfe seiner rund 40 Mitstreiter, die ihm heute bei der Organisation seiner Aktionen helfen. So auch Hilde Schmidt, die die Sachspenden in Gültstein sortiert und verpackt. "Sie schafft viel mehr als ich", betont Werner Reutter.

Weitere Schützenhilfe kommt vom Hilfswerk Samariterdienst, den evangelischen und katholischen Kirchengemeinden im Gäu, den Süddeutschen Gemeinschaften und der Methodistenkirche.

"31. Oktober 2018: Als wir von Dohuk zurück durchs Gebirge nach Erbil fuhren, zeigte mir Jabbar eine wunderschöne Villa (Wochenendresidenz) einer Frau, die Jabbar früher unterstützte, weil sie arm war. Sie hat eine eigene NJO (eine nicht-staatliche Hilfsorganisation, Anm. d. Red.) für misshandelte Frauen gegründet, hält Vorträge auch in Amerika und hat jetzt in Erbil vier Häuser und diese Villa. Dort ist das gespendete Geld für die NJO hingegangen. Ohne Kontrolle nur Korruption."

Wie oft der 75-Jährige noch in Richtung Irak aufbrechen wird, vermag er nicht zu sagen. Immerhin fordert die Reise sowohl psychisch als auch physisch. "Wir schlafen da nicht in teuren Hotels, wie es viele andere machen. Dafür geben wir kein Geld aus. Wenn wir da sind, leben wir unter den Leuten, schlafen auch in den Lagern", berichtet er. "Du darfst dich nie über die Menschen dort stellen, sondern immer darunter." Ebenso beschäftigt der Gültsteiner kein bewaffnetes Security-Team, das ihn auf den gefährlichen Straßen begleitet - selbst wenn ihn sein Weg mitten durch die feindlichen Linien führt. "Ich bin schon auf Straßen unterwegs gewesen, von denen die Frontkämpfe nur einen oder zwei Kilometer entfernt waren", erzählt Reutter. Angst habe er trotzdem selten. Stattdessen ein starkes Vertrauen auf Gott. "Da unten brauchst du ein dickes Fell. Und einen guten Draht nach oben", betont er und grinst. Lediglich ein Hilfsmittel zum Schutz führt er auf seinen Reisen mit sich: ein Maschinengewehr auf der Mittelkonsole seines Wagens. "Das ist aber nicht geladen. Ich kann ja gar nicht schießen", sagt er. Ein Freund habe ihm dazu geraten, die Waffe mit sich zu führen. "Zur Abschreckung. Schließlich kannst du dort eine Kalaschnikow im Kaufhaus kaufen. Jeder dort hat so ein Ding."

Wenn es hart auf hart kommt, reiche aber manchmal auch ein selbstbewusstes Auftreten. Zum Beispiel, als Reutter und Karim in ein zerstörtes Dorf mit vielen Toten und Verletzten kamen und dies zu Dokumentationszwecken fotografierten, um den Menschen in Deutschland die Lage vor Ort zeigen zu können. "Plötzlich waren wir umringt von einigen Peschmerga-Kämpfern, die ihre Maschinengewehre auf uns gerichtet haben", erinnert sich Reutter. Während seinem Wegbegleiter ein wenig das Herz in die Hose gerutscht sei, habe Reutter den Konfrontationskurs eingeschlagen. "Ich hab' die gefragt, was das soll und ihnen gesagt, dass wir im Land sind, um den Menschen zu helfen und aus diesem Grund hier fotografieren." Zudem habe er ein Fotobuch seiner Reisen gezückt, um seine Worte zu belegen. "Danach haben die uns in Ruhe gelassen." Dass sein Vorgehen im Angesicht der gezückten Waffen nicht gänzlich unriskant war, ist ihm durchaus klar. "Aber wenn man entsprechend auftritt, sind auch die Militärs beeindruckt."

Deutsche Gelder sollten sinnvoller eingesetzt werden

"Samstag, 3. November 2018: Viele wissen von den 1000 Frauen, die Kretschmann nach Deutschland geholt hat und die jetzt in Urlaub hierher fliegen. Diese Frauen leben wie die Made im Speck und die vielen anderen Jesidenfrauen, denen es genau gleich ging, müssen jetzt hungern mit ihren Kindern. Und in Deutschland wird Kretschmann dafür gelobt. Die Leute haben keine Ahnung, was hier los ist."

Mit den Hilfsleistungen aus Deutschland für das Krisengebiet steht Werner Reutter größtenteils auf Kriegsfuß. Seiner Erfahrung nach könnten die Gelder sinnvoller eingesetzt werden. "Die Frauen, die nach Deutschland geholt wurden, sind ausgesucht worden. Tausende andere, denen es genauso ging, mussten hierbleiben. Auch die Verantwortlichen im Land selbst, wie beispielsweise der Oberbürgermeister von Erbil, der ein sehr guter Freund von mir ist, hätten sich gewünscht, dass dieses Geld vor Ort eingesetzt wird. Zum Beispiel für eine psychologische Betreuung der Frauen. So hätte man viel mehr erreichen, viel mehr Menschen helfen können", sagt er. Das habe er auch den verantwortlichen deutschen Behörden mehrfach mitgeteilt, sei dort aber auf taube Ohren gestoßen. Deswegen sei es umso wichtiger, die Menschen in Deutschland mithilfe von Erfahrungsberichten über die Lage zu informieren. Und deswegen hält er hierzulande regelmäßig Vorträge. So auch am Sonntag, 16. Dezember, um 15.30 Uhr im evangelischen Gemeindehaus in Gültstein. Dort wird er von seinen Reisen und seiner Arbeit berichten - und hofft, so weitere Unterstützer für sein Herzensprojekt zu finden.

"28. Oktober 2018: Wir dürfen nicht aufhören mit unserer Arbeit, nachdem wir das Elend gesehen haben, es ist schrecklich. Zum Erbarmen."

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