Rohrauer Schmierfinken vor dem Böblinger Amtsgericht

Übeltäter kommen mit blauem Auge davon: Verfahren eingestellt

Artikel vom 29. November 2018 - 17:18

Von Sandra Schumacher

ROHRAU. Mit einem blauen Auge davon gekommen sind ein 18-, ein 21- und ein 22-Jähriger, die im Sommer 2017 im Alkohol-Rausch unter anderem einige Hauswände, drei Autos und ein Verkehrsschild in Rohrau mit einem Edding-Stift beschmiert hatten. 20 Stunden gemeinnützige Arbeit brummte Richter Werner Kömpf dem jüngsten Trio-Mitglied auf, die beiden anderen müssen eine Geldauflage von je 400 Euro in vier monatlichen Raten abstottern.

Es ist der 18. August 2017. Zu diesem Zeitpunkt ist Julian K. (Namen von der Redaktion geändert) 17 Jahre alt. Seine Eltern und seine Schwester sind verreist, das Haus in Rohrau hat er für sich allein. Er beschließt, seine Freunde einzuladen und eine Party zu schmeißen. "Wir wollten Spiele spielen, Musik hören und ein bisschen was trinken", erzählt der junge Mann auf der Anklagebank. Um 16 Uhr öffnen die Jugendlichen die ersten Bierflaschen und mit der Zeit steigt der Alkoholpegel an.

Gegen 20 Uhr treffen sich derweil der damals 20-jährige Roman T. und der 21-jährige Sebastian F. und besorgen sich in Gärtringen eine Flasche Jack Daniels, einen Bacardi und eine Flasche Obstler, um sich die Kante zu geben. "Normalerweise trinke ich nur zu besonderen Anlässen. Dann aber richtig", sagt Roman T. vor Gericht und auch Sebastian F. lässt dies über seinen Anwalt verlauten. Im weiteren Verlauf des Abends leeren sie eine der drei Schnaps-Flaschen sowie diverse Flaschen Bier.

Gegen 23 Uhr will das Duo nach dem jüngeren Bruder von Sebastian F. sehen, der sich auf der Hausparty bei Julian K. befindet. Dieser hat mittlerweile die Alkoholvorräte seiner Eltern geplündert und bietet seinen Gästen neben dem Bier auch Schnaps und eine Bowle an. Zwei Stunden und etliche berauschende Getränke später verlässt das Trio das Haus, um Zigaretten zu kaufen. Auf dem Weg fallen den jungen Männern Schriftzüge auf, die in der Graffiti-Szene Tags genannt werden. Auf die spontane Idee von Roman T. hin beschließen sie, sich ebenfalls an dieser Kunstform versuchen zu wollen, besorgen sich einen schwarzen Edding-Stift in Julian K.s Haus und beginnen, willkürlich Hauswände, Autos, Bauzäune, Mülleimer, einen Zigarettenautomaten, einen Verteilerstromkasten, einen Laternenmast und ein Verkehrsschild zu beschmieren.

"Wenn man betrunken ist, kommt man auf dumme Ideen"

"Wenn man betrunken ist, kommt man auf dumme Ideen", sagt Julian K. kleinlaut. Gegen 1 Uhr kehren sie zurück, wenige Stunden später schlafen Sebastian F. und Julian K. erschöpft ein, während Roman T. den etwa zweiminütigen Rückweg nach Hause antritt und unterwegs noch einige weitere Objekte verziert. Dabei wird er von einem Zeugen angesprochen und ergreift die Flucht. "Das ist das erste, woran ich mich wieder erinnern kann", gibt Roman T. - ebenso wie Sebastian F. - eine Erinnerungslücke über den gesamten Verlauf des Abends zu Protokoll. Und auch Julian K. gibt zu, sich an jenem Abend mehrfach in die Gärten seiner Nachbarn übergeben zu haben.

Gegen 7 Uhr am nächsten Morgen werden die zwei diensthabenden Beamten des Gärtringer Polizeipostens über den nächtlichen Schmier-Streifzug informiert. In Rohrau führt sie die Spur der Kritzeleien bis vor die Haustür von Julian K.. Dort weist ihnen eine zerbrochene Alkoholflasche den Weg. Auf Verdacht klingeln die Polizisten. Als Julian K. die Tür öffnet, fällt ihnen nicht nur eine Alkoholfahne bei dem Jugendlichen auf, sondern auch verräterische schwarze Farb-Tupfer auf seinen Armen. Als die Ordnungshüter das Haus betreten finden sie dort auch Sebastian F. mit diversen offensichtlichen Spuren der vergangenen Nacht auf Kleidung und Schuhen vor. "Weil er sich renitent gegen uns gewehrt hat, haben wir einen weiteren Kollegen hinzugezogen", erklärt einer der Beamten. Wieder nüchtern zeigen sich die drei jungen Männer allesamt reumütig. Sie melden sich bei den Geschädigten, beseitigen die Schmierereien mit Reinigern und Schleifmaschine oder kommen für die entstandenen Reinigungskosten auf.

Wie hoch der Gesamtschaden, den die drei Saufkumpane angerichtet haben, tatsächlich lag, war für das Gericht nur schwer einschätzbar. Vor allem, weil sich die Besitzer von zwei der beschädigten Autos nicht gemeldet haben (auf dem dritten Wagen befand sich lediglich ein schwarzer Punkt, der mittlerweile aber wohl schon entfernt ist). Ob hier eine Neulackierung erforderlich gewesen sei, oder ob die Schriftzüge mit einem Reiniger ohne größeren finanziellen Aufwand entfernt werden konnten, konnte Richter Kömpf - auch nach einer kurzen Konsultation des Sachverständigen im Amtsgericht außerhalb des Gerichtssaals - nicht eindeutig klären. "Außerdem sind wir hier kein Inkassobüro", betonte der Richter. So blieb es bei einer groben Schätzung in Höhe von insgesamt 8000 Euro durch die Polizei.

Auch eine genaue Angabe über den Alkoholpegel zur Tatzeit sei kaum mehr möglich, machte Rechtsmedizinerin Nadine Gilch deutlich. Zwar sei zumindest bei Sebastian F. ein Alkoholtest mit einem Ergebnis von 1,38 Promille durchgeführt worden, allerdings erst am nächsten Morgen. Außerdem sei unklar, ob nach der Tat weiterhin Alkohol konsumiert worden sei. Richter Kömpf ging daher von einer eingeschränkten Schuldfähigkeit aus.

Die Unklarheit über den Gesamtschaden sowie die gezeigte Reue und Wiedergutmachungsleistungen der drei Angeklagten bewegte Staatsanwaltschaft und Gericht dazu, das Verfahren einzustellen.

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